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Von Jürgen Meier

Des Generals partiale Schlacht

Deutsche Gesellschaftsgeschichte, zerlegt von Hans-Ulrich Wehler – Die DDR lediglich als Kontrast angemerkt

In der Manier eines Generals der »privatwirtschaftlichen Organisation des Wirtschaftslebens«, das von ihm auch locker Kapitalismus oder »freie Marktwirtschaft« genannt wird, tingelt Hans-Ulrich Wehler als milde lächelnder Freund und Vertreter der ideologischen Einheitsfront der C4- und C3-Offiziere durch die Talkshows der Fernsehanstalten. Als ausgewiesener Positivist weiß er, wer seine ideologischen Feinde sind: Hegel und Marx. Denen wünscht er Verdammnis. Denn die »Totalität vergangener Geschichte« lasse sich »auf der Linie des verheißungsvollen Anspruchs von Hegel und Marx niemals erfassen«. Erkenntnistheoretisch sei »nur Partialwissen möglich.«

Hingegen blickt ethische Weltbetrachtung und Lebensorientierung stets konkret, also den historischen Bedingungen entsprechend, auf das Ganze, auf die Totalität des menschlichen Seins. »Das Wahre ist das Ganze«, schrieb Hegel, »das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.« Wer glaubt, sich in Faktizitäts-Intellektualismus flüchten zu können, negiert nicht nur die Erkennbarkeit des gesellschaftlichen Seins, sondern gesteht, wie im Falle des Generals, dass der Kapitalismus als historischer Höhe- und Endpunkt über keine Ethik verfügt, da er lediglich partikulare Interessen im Arbeits- und Lebensprozess der Menschen akzeptiert.

Der andere Mensch ist dem Menschen in der »privatwirtschaftlichen Organisation« nicht als Mensch ein Bedürfnis, sondern als Mittel zum Zweck des eigenen Erfolgs und Ansehens. Konkurrenz ist hier »das sich vollendete Wesen« in Arbeit und im Leben. Hier braucht es keine Ethik, sondern Generäle, die ihre Elitetruppen in die ökonomische Schlacht gegen die globale Konkurrenz sowie politisch aktuell in die militärische um Afghanistan und anderswo führen.

Wie schreibt General Wehler: »Unstrittig ist, dass der amerikanische Krieg in Vietnam belebende Impulse« der westdeutschen Ökonomie vermittelte, »wenn auch nicht im gleichen Ausmaß wie der Korea-Boom der 50er Jahre«. Die Wachstumsraten lägen bis zum Anfang der 70er Jahre über vier Prozent, der Export erreichte 23 Prozent des Bruttosozialproduktes. Das »Wohlstandswunder« der Bundesrepublik Deutschland schwamm also auf den Blutlachen unterdrückter Völker und Nationen. Für einen Partialdenker kein Problem! Der Protest der 68er gegen den Vietnamkrieg, so der General, »trug alle Züge eines pubertären Überschwangs«. »Auch mit dem Vietcong, der von Ho Chi Minh gesteuerten kommunistischen Guerillabewegung«, hätten sich die 68er-Rebellen in ihrem »Drang nach Heiligsprechung« verführen lassen. Und Marcuse habe mit seinem »eindimensionalen Menschen« in »selten perfider Weise« diesen »romantischen Überschwang« unterstützt.

»Wir wissen, dass Zerstörung der Preis des Fortschritts ist«, hatte Marcuse in seinem Buch geschrieben. Zeigen Korea und Vietnam nicht, dass er trefflich analysieren konnte? Die Solidarität mit dem vietnamesischen Volk, das sich gegen Napalmbomben der USA schließlich befreien konnte, förderte ebenso wie die Kritik des »Wirtschaftswunders« oder »Konsumterrors« im eigenen Land die Befreiung des Denkens vieler Menschen meiner Generation, die sich nicht nur von dem »Mief unter den Talaren«, sondern auch von der Adenauer-Ära verabschieden wollten. Anders als Adenauer, der das KPD-Verbot, die Wiederbewaffnung und den NATO-Beitritt forcierte und den der C4-General Wehler als Mittelpunkt der BRD bezeichnet, ohne dessen »Entscheidungs- und Durchsetzungsfähigkeit« der nahtlose Anschluss der Aktivisten der Nazi-Diktatur nicht funktioniert hätte, wurden in Sachsen, wie Wehler vermerkt, 1094 Richtern und Staatsanwälten nur 240 noch weiterbeschäftigt sowie von 10 552 Lehrern 70 Prozent entlassen und durch junge Neulehrer ersetzt.

Hans-Ulrich Wehler – ihm ist dies vermutlich nicht bewusst – skizziert die Kontinuität des westdeutschen Kapitalismus trefflich. Anders als in der DDR, wo versucht wurde, diese Kontinuität zu beenden, stützte sich der Adenauer-Staat in Justiz, Verwaltung und Kultur, aber auch in den Industriebetrieben auf treue Diener Hitlers. »Der Rückblick auf die Wirtschaft enthüllt die erstaunliche Kontinuität der Marktwirtschaft.« Nur ein knappes Viertel der »Spitzenfiguren« der faschistischen Kriegswirtschaft »kehrte nicht auf seine alte oder eine äquivalente Position zurück. Die allermeisten Vorstandsangehörigen der frühen Wirtschaftswunderjahre hatten daher schon vor 1933 ihre berufliche Stellung innegehabt.« Wen wundert es da, wenn die 68er-Demonstranten riefen: »Kapitalismus führt zum Faschismus! Kapitalismus muss weg.« Sicher war das keine treffliche Analyse. Aber stimmt es nicht, dass Krupp, Siemens und wie sie alle hießen, trefflich an Hitlers Kriegen und Zwangsarbeitern profitierten?

Hans-Ulrich Wehler, wohlerzogen, vergisst nicht, sich bei »Renate« zu bedanken, die »seit 50 Jahren immer Verständnis für ihren Mann am Schreibtisch aufgebracht« hat. Renate lieferte dem General also die Schnittchen, die ihm die Angriffe auf die Dialektik und den dialektischen Materialismus existenziell ermöglichten. Denn auch ein General muss essen und trinken. Ob Renate die Häppchen mit Käse von Lidl belegte und damit einen Konzern unterstützte, der seine Angestellten wie Sklaven überwachte, wissen wir und wahrscheinlich der geistig so in den Angriffskrieg verstrickte General nicht. Sein »Feldzug« gegen die Denker der Aufklärung und des Humanismus führt er, darin besteht die Raffinesse des intelligenten Vertreters seiner Zunft, natürlich nicht gegen Lidl oder die Deutsche Bank – warum auch? –, sondern gegen die DDR, die weder Lidl noch einen Siemens-Korruptionsskandal zustande gebracht hat. Erstaunlich, dass der General schließlich doch seiner eigenen Konzeption treulos wird und ein Urteil über das Ganze abgibt. So sammelte er nicht nur Fakten über Fakten, deren Richtigkeit hier gar nicht in Abrede gestellt werden soll, sondern kommt zu der Gesamteinschätzung, dass »DDR-Geschichte keine gleichwertige Behandlung mit der Bundesrepublik eingeräumt« werden müsse. Sie könne lediglich als »Kontrast« herangezogen werden, u. a. weil eine »Monopolelite« der DDR in ihrer Ausübung des Monopols auf Wahrheit »die politische Religion des Marxismus-Leninismus für sich in Anspruch nahm.«

Natürlich versprühte die DDR-Partei- und Staatsführung nicht den Geist der Dialektik. Auch Marx-Zitate wurden häufig nur im Munde geführt, um die konkrete Analyse einer konkret schwierigen Situation zu verhindern. Doch gleichgültig, ob durch die »Rote Armee« oder aus eigener Kraft. Jedenfalls sollte im Osten Deutschlands nach 1945 eine Gesellschaft entstehen, die den Faschismus, aber auch die Ausbeutung von Menschen durch Menschen unmöglich machen sollte. Ein Versuch, der – dafür bringt der General viele richtige Fakten – scheiterte.

Was Wehler verschweigt: Der Sozialismus, den der General so sehr hasst, ist eigentlich ganz einfach, wie Brecht sagte, da er die ohnehin vergesellschaftete Produktion lediglich aus ihren partikularen Interessen in gesellschaftliche durch breiteste Demokratie zur Entfaltung bringen muss. Aber er ist, wie die Geschichte beweist, schwer zu machen, woran ideologische Generäle wie dieser Bielefelder Historiker nicht unerheblich beteiligt sind. Der Sozialismus, schrieb Lukacs, »unterscheidet sich ›bloß‹ darin von den anderen Gesellschaftsformen, dass in ihm die Gesellschaft als solche, die Gesellschaft in ihrer Totalität zum alleinigen Subjekt der Aneignung der Mehrarbeit wird, dass diese deshalb aufhört, ein differenzierendes Prinzip der Beziehungen von Einzelmenschen zu Einzelmenschen, von einzelnen sozialen Gruppen zu anderen zu sein«.

Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd.5: Bundesrepublik und DDR 1949-1990 C.H. Beck, München 2008. XVIII, 529 S., geb., 34,90 EUR.

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