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Kaiserin setzte ein Korps matt

Taytu Betul akzeptierte Männer nur, wenn sie auch stark am Brett waren

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Figuren aus dem Besitz des Fürsten von Tigre, um 1805.
Figuren aus dem Besitz des Fürsten von Tigre, um 1805.

Gegen die Invasoren, die Ende des 19. Jahrhunderts das letzte freie Volk ihres Kontinents unterdrücken wollen, führt sie persönlich 3000 todesmutige Soldaten in die Schlacht. An der Seite ihres Mannes, des Negus Negest Menelik II., vernichtet Kaiserin Taytu Betul tatsächlich ein italienisches Expeditionskorps, das Äthiopien unter das koloniale Joch zwingen soll. Der Tag von Adwa am 1. März 1896 wird zum weltgeschichtlichen Wendepunkt: ein erstes Wetterleuchten, das vom beginnenden Niedergang der europäischen Hegemonialmächte kündet.

Und einen entscheidenden Anteil daran trägt eben diese Taytu Betul, geboren um 1851 als drittes von vier Kindern einer aristokratischen Familie, die sich ihrer verwandtschaftlichen Verbindungen zur Dynastie der Salomoniden rühmt. In der Ehe mit Menelik II. führt die energische Frau das Kommando und beeinflusst auch die Richtung der Staatsgeschäfte. Insbesondere im Verhältnis zu Rom drängt sie den eher zögerlichen Kaiser zu einer harten Linie. »Wir werden uns niemals unterwerfen. Wir haben die Würde, die es zu bewahren gilt«, lautet ihre Devise.

Das ist nicht nur so dahergesagt. Taytu Betul erkennt nämlich frühzeitig die operativen und taktischen Schwächen der Aggressoren. Eine analytische Stärke, die sie, wie überliefert ist, ausgerechnet am Schachbrett geschult hat. Tatsächlich scheint gerade die originär äthiopische Variante des ewigen Spiels besonders dafür geeignet, den strategischen Blick seiner Aktiven zu schulen. Das liegt am eigenwilligen Intro jeder Partie: Nach den speziellen Regeln des Senterej, die ansonsten wie im arabischen Shatranj aus der Kalifenzeit statt raumgreifender moderner Damen und fernwirkender Läufer gemütlich schlendernde Wesire und wuchtige Elefanten vorsehen, darf hier jeder der beiden Gegner nach eigenem Gutdünken und selbst gewähltem Tempo ziehen, ohne auf die Antwort des Kontrahenten warten zu müssen. Wie echte Feldherren bringen die Duellanten ihre Einheiten in Position, gruppieren die Truppen nach Bedarf um und müssen dabei nicht sklavisch einem fieseligen Eröffnungskanon folgen, den die aktuelle westliche Schachtheorie inzwischen bis ins Detail ausgetüftelt hat.

Werera heißt diese Phase eines Matches, die einer echten Mobilisierung ziemlich nahe kommt, und sie endet erst, nachdem der erste Stein geschlagen worden ist. Kaiser Lebua Dengel (1508-1540) forderte gerne den venezianischen Maler Gregorio Bicini, der sich damals am Hof aufhielt, zum Leistungsvergleich im Senterej. Anfang des 19. Jahrhunderts galten Sahle Selassie, König der autonomen Zentralregion Shewa, und Ras Walde Selassie, Fürst von Tigre, als äthiopische Schachgrößen. Bis Taytu Betul alle Machos das Fürchten lehrt. Zumal die selbstbewusste Frau ziemlich strenge Maßstäbe anlegt: Sie akzeptiert Gesprächspartner als ebenbürtig allein dann, sofern die Herren auch die Steine des Senterej clever zu setzen verstehen.

Wer selber mal den Zauber Afrikas ins Standardschach holen möchte, muss bloß die Figuren eines hierzulande handelsüblichen Sets umpinseln, aus Weiß wird Grün und aus Schwarz wird Gold. Anschließend den Spielplan einheitlich rot einfärben und die Markierungen der Felder blau nachzeichnen. Und schon beginnt der Spaß, das wilde Werera. Wie es Taytu Betul geliebt hat, eine Vorkämpferin von »black pride«, des schwarzen Selbstgefühls, im Schach.

Regeln des Senterej: en.wikipedia.org/wiki/Senterej; Senterej online spielen: play.chessvariants.org/erf/EthiopCh.html

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