Werbung

Zwangsgemästet und lebend gerupft

Tierschützer kämpfen gegen tierquälerische Methoden bei der Geflügelzucht – besonders in Ungarn

  • Von Gábor Kerényi, Budapest
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

In Ungarn herrschen bei der Gänse- und Entenmast jahrhundertealte Traditionen. Stopflebern und lebendig gerupfte Tiere sind keine Ausnahme, sondern die Regel. Deutsche und schwedische Boykotte haben bisher nichts genützt.

Tatort Geflügelstall: Zur Herstellung von Gänse- und Entenleber wird den Tieren täglich zwei bis drei Mal ein 50 cm langes Rohr direkt in den Magen eingeführt. Am Ende ist ihre Leber so groß, dass sie kaum atmen oder sich bewegen können und die inneren Organe teilweise zerstört sind. Die europäischen Marktführer beim Gänse- und Entenleberexport: Frankreich und Ungarn. Ungarn ist beim Gänse- und Entenstopfen sogar weltweit die Nummer eins. Im Herbst vorigen Jahres hat die deutsche Vier Pfoten Stiftung gemeinsam mit ihrer ungarischen Tochterorganisation erreicht, dass in den meisten deutschen Supermärkten durch Zwangsmast produzierte ungarische Gänseleber nicht mehr verkauft wird. Mit so einem Boykott hatte die an ungarische Verhältnisse gewöhnte Hungarit nicht gerechnet. Die Unternehmensleitung reagierte mit einem aggressiv-populistischen Angriff: Die Vier Pfoten Stiftung mische sich unverschämt in ungarische Angelegenheiten ein, habe es auf schwache osteuropäische Unternehmen und die Zerstörung ungarischer Traditionen abgesehen. Darüber, dass die auf der Homepage der Tierschützer veröffentlichte Schwarzliste neben 13 ungarischen auch 20 französische Firmen auflistet, schweigt die Hungarit AG.

Das ungarische Agrarministerium weiß nicht genau, was in so einem Fall zu tun sei. Laut ungarischem Tierschutzgesetz ist zwar die Zwangsmast der Tiere verboten, doch es gibt zwei Ausnahmen: Die Mast der Gänse und die der Enten. Tierfolter ist zwar eine unschöne Angelegenheit, doch die volkswirtschaftlichen Vorteile haben eben mehr Gewicht. Zur (moderaten) Forderung der Tierschützer, dass Gänse- und Entenleberfirmen europaweit in den nächsten zehn Jahren auf eine in der EU vorgeschriebene Produktionsweise umstellen müssen, hat man sich bis jetzt nicht geäußert. Der Vorsitzende des ungarischen Federviehrates jedenfalls will Vier Pfoten auf jeden Fall auf Schadensersatz verklagen. Den entstandenen Schaden für die ungarische Produktion schätzt er auf etwa 3,5 Millionen Euro.

Noch schlimmer kam es für die ungarische Federviehwirtschaft, als der schwedische Fernsehsender »TV4« Ende Januar einen Bericht über das Gänsefederzupfen in Ungarn sendete. Die Thematik ist im hohen Norden Europas von großer Bedeutung, weil die skandinavischen Länder für ungarische Gänsefedern den größten Markt darstellen. Unzählige federngefüllte Decken, Kopfkissen und Mäntel werden hier verkauft.

Die auf den ungarischen Gänsefarmen mit versteckter Kamera aufgenommenen Bilder waren schockierend:. Die Gänse werden an den Füßen festgebunden, dann wird dem zwischen die Schenkel gepressten Tier mit der einen Hand der Hals abgepresst, während mit der anderen Hand die Federn herausgerissen werden. Die gerupften Tiere werden auf den Boden geworfen. Wenn sie in einen Schockzustand verfallen, werden sie sofort geschlachtet, der Leber wegen. Die anderen Gänse müssen die Tortur weitere vier bis fünf Mal mitmachen, etwa alle sechs Wochen. Diese Brutalität schockierte die schwedische Regierung so, dass sie ankündigte, bei der EU ein Verfahren gegen Ungarn einzuleiten.

Die Telefone beim schwedischen Agrarminister Eskil Erlandsson liefen heiß. Zahlreiche schwedische Zuschauer, die die preiswerten Daunenprodukte gekauft hatten, brachten diese in die Geschäfte zurück. Ein Boykott wurde ausgerufen. Der ungarische Landestierschutzchefinspektor László Pallós erklärte, es gäbe zwar in den EU-Regelungen einen Hinweis auf ein Verbot des Lebendzupfens, doch gäbe es für Ungarn eine Ausnahmegenehmigung, die an strenge Vorschriften geknüpft sei. Pallós sagte weiter, dass die im schwedischen Fernsehen gezeigten Methoden zu verurteilen seien, weil sie sich an der Grenze zur Tierquälerei bewegten. Das Lebendrupfen der reifen Gänsefedern dagegen sei, sofern professionell durchgeführt, eine Produktionsmethode, die mit dem natürlichen Federnlassen in Einklang stehe.

Alle acht ungarischen Gänsefarmen, die Gänsefedern nach Schweden exportieren, ließen mitteilen, dass sie ausnahmslos Lebendrupfen betreiben. Der Vorsitzende des Ungarischen Freiluftfederviehzüchterverbandes sagte, die Menschheit betreibe die Lebendmast und das Lebendzupfen von Gänsen seit mehr als tausend Jahren. Beides sei daher keiner Aufregung wert. Vor Tierschützern aus dem eigenen Lande brauchen sich in Ungarn aber wohl weder die Behörden noch die Branche zu fürchten, dazu mangelt es an zivilem Engagement. Deshalb wird Ungarn wohl bis auf Weiteres an dieser Tradition festhalten.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen