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Kriegsankläger und Kriegsverräter

Ein Aufruf und eine Flucht – Was den Physiker Albert Einstein und den Kardiologen Georg Friedrich Nicolai verband

  • Von Siegfried Grundmann
  • Lesedauer: 5 Min.

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Albert Einstein unterstützte einen Deserteur
Albert Einstein unterstützte einen Deserteur

Nun, da Deutschland wieder Helden braucht, ist Gelegenheit, an zwei Helden zu erinnern und damit zugleich an das vermutlich am besten gehütete Geheimnis von Albert Einstein. Zeit der Handlung ist das letzte Jahr des Ersten Weltkrieges. Vorher aber muss vom Beginn des Krieges die Rede sein.

Albert Einstein, geboren am 14. März 1879 in Ulm, hatte am 1. April 1914 seine Tätigkeit an der Preußischen Akademie der Wissenschaften begonnen. Wenige Wochen nach seiner Ankunft in der Reichshauptstadt traf er den Kardiologen Georg Friedrich Nicolai, geboren am 6. Februar 1874, Sohn eines getauften Juden und einer christlichen Mutter. Die Bekanntschaft der beiden war vermutlich durch Einsteins Cousine und Geliebte Elsa vermittelt worden, die eine Patientin des Artzes gewesen ist. Sie könnte Nicolai darüber berichtet haben, dass Einstein den Krieg verabscheute und verurteilte.

»Unglaubliches hat nun Europa in seinem Wahn begonnen. In solcher Zeit sieht man, welch trauriger Viehgattung man angehört«, schrieb Einstein nach Kriegsbeginn seinem Freund Ehrenfest in Holland. Im Oktober 1914 dann verfasste er mit Nicolai ein Antikriegsmanifest »An die Europäer«. Unmittelbarer Anlass dazu war der im September – also wenige Wochen nach Kriegsbeginn – von 93 deutschen Professoren, Künstlern und Schriftstellern unterzeichnete Aufruf »An die Kulturwelt«. Mit einem sechsmaligen »Es ist nicht wahr« hatten diese jedes Kriegsverbrechen der Deutschen geleugnet und den deutschen Militarismus als Beschützer deutscher Kultur verteidigt – darunter auch beinahe alle, die die Berufung Einsteins nach Berlin bewerkstelligt hatten: die Professoren Max Planck, Walther Nernst, Fritz Haber und Adolf von Harnack.

Realistisch und weitsichtig war die von Einstein und Nicolai vorgetragene Analyse der vom Krieg markierten Zeitenwende. »Während Technik und Verkehr uns offensichtlich zur faktischen Anerkennung internationaler Beziehungen und damit zu einer allgemeinen Weltkultur drängen, hat noch nie ein Krieg die kulturelle Gemeinschaftlichkeit des Zusammenarbeitens so intensiv unterbrochen, wie der gegenwärtige … Solche Stimmung ist durch keine nationale Leidenschaft zu entschuldigen, sie ist unwürdig dessen, was bisher alle Welt unter dem Namen der Kultur verstanden hat, und sollte sie Allgemeingut der Gebildeten werden, so wäre das ein Unglück.«

Wer das Manifest zu Gesicht bekam, hatte schnell begriffen, dass es ein Gegenmanifest zum Aufruf »An die Kulturwelt« war, eine Kritik an den politischen Auffassungen der Koryphäen des Geisteslebens in Deutschland und vor allem in Berlin. Wie vorher angekündigt, las Nicolai im November 1914 sein kriegsgegnerisches Kolleg an der Universität Berlin. Das war unerhört. Nicolai wurde aus seiner leitenden Stellung – Chefarzt der Herzstation im Lazarett in Berlin-Tempelhof – entfernt und als Assistenzarzt an das Seuchenlazarett in der Festung Graudenz versetzt.

Als im Sommer 1915 deutsche U-Boote die »Lusitania« versenkten und dieses Verbrechen auch noch bejubelt wurde, wagte er die Torpedierung von Handelsschiffen eine sittliche Verfehlung und ausgemachte Dummheit zu nennen. Er wurde ins Festungslazarett Danzig verbannt. Im letzten Kriegsjahr 1918 versetzte man ihn nach Eilenburg, degradiert zum Krankenpfleger. Nicolai erhielt »plötzlich Befehl, sich mit der Waffe auszubilden«, schreibt sein Biograf Wolf Zuelzer. »Er weigerte sich … Es ging auf Biegen oder Brechen … Der einzig mögliche Zug ging in drei Stunden … Am selben Abend drückte er sich in die dunkelste Ecke eines schlecht beleuchteten Abteils des Personenzuges nach Berlin … Er wußte, wo er Unterschlupf finden würde: Haberlandstraße 5, wo Albert Einstein eine Etage bewohnte, seine künftige Frau Elsa und deren Töchter Ilse und Margot eine andere.« Eben dort reifte auch der Plan zur Flucht. Aus dem Versteck richtete Nicolai einen Brief an den Kriegsminister, weder ein Gesuch noch ein Protest, sondern ein Ultimatum: Wenn das ihm zugefügte Unrecht nicht binnen vier Wochen wieder gutgemacht wäre, würde er Mittel und Wege finden, Deutschland zu verlassen. Nicolai teilte dem Kriegsminister Einsteins Name und Adresse mit, an die »Exzellenz« seine Anwort schicken möge. Der fingierte Absendeort des Briefes lautete: München. Das Datum: 25. Mai 1918. Der Kriegsminister antworte dem Deserteur nicht, der sich nun zur Flucht gezwungen sah. Wie Nicolai später schrieb, hatte ihm »der Mensch, auf dessen intuitives Vermögen, das Recht auch im Dunkeln zu sehen, ich am festesten vertraute, und der mir bis dahin immer zur Nachgiebigkeit geraten hatte«, dazu geraten, in dem er ihm sagte: »Jetzt kannst Du gehen.« Albert Einstein.

Ilse Einstein, Elsa Einsteins ältere Tochter, die »rote Ilse«, hatte durch ihre Freundin Fanja Lezierska für Nicolai einen Kontakt zur Spartakusgruppe hergestellt: In den frühen Morgenstunden des 20. Juni 1918 standen zwei Flugzeuge mit den Hoheitszeichen der deutschen Streitkräfte, eine F-16 und ein Albatros, abflugbereit auf dem Militärflugplatz Neuruppin. Zuelzer: »Die gewagte Flucht eines Kriegsgegners aus Ludendorffs streng bewachtem Reich war eine internationale Sensation ersten Ranges, von der englischen und französischen Presse für Propagandazwecke ausgebeutet, von der skandinavischen Presse mit Bewunderung aufgenommen ... Die Familie Einstein war begeistert, besonders Ilse, die eine vielstrophige Ballade auf Nicolais Heldentat komponierte und mit Lautenbegleitung sang.«

Nicolai kehrte am 2. Dezember 1918 nach Deutschland zurück. Nach der am 7. Dezember vom Rat der Volksbeauftragten erlassenen »Verordnung über eine militärische Amnestie« war auch er amnestiert. Doch obwohl nach geltendem Recht unschuldig, sah sich Nicolai erneut politisch verfolgt. Er entzog sich durch Auswanderung nach Argentinien. Einstein wusste, dass »deutsche Patrioten« ihm seine Fluchthilfe nie verzeihen würden und schwieg. Nicolai tat gleiches, um den Freund nicht in Bedrängnis zu bringen. Wie man in Deutschland wegen der »Fahnenflucht« mit Nicolai umgegangen ist, war Exempel und Warnung genug; ein weiteres Opfer sollte nicht sein. Nicolai, der 1964 in Santiago de Chile starb, deutete lediglich an: »Zuviel Personen sind darein verwickelt, die darunter zu leiden haben würden.« Für die Debatten im Bundestag um die Rehabilitierung der »Kriegsverräter« könnte dies ein Argument sein: Einer der größten deutschen Wissenschaftler hat einen »Kriegsverräter« unterstützt!

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