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»Seine Zeit war gekommen«

Berliner Demonstranten übten sich im Abgesang auf den Kapitalismus

  • Von Velten Schäfer, Berlin
  • Lesedauer: 3 Min.

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In der Hauptstadt wäre es bei der Schlusskundgebung fast zu einer Gewalteskalation gekommen. Die Besonnenheit der Veranstalter und Teilnehmer verhinderte Schlimmeres.
Tausende auf der Straße in Berlin
Tausende auf der Straße in Berlin

Dreihundert Meter vor der Schlusskundgebung begann der »schwarze Block« zu rennen. Nicht auf den Kundgebungsplatz, sondern dicht an ihm vorbei, Richtung Berliner Rathaus. Bereitschaftspolizisten beendeten die Sporteinlage – und begannen, Einzelne aus dem Tausende zählenden Block herauszuziehen. Mit ihrem gewohnten Fingerspitzengefühl zertrümmerten die Berliner Behelmten dabei am Rand der Kundgebung den völlig unbeteiligten Infostand der »Sozialistischen Alternative«; wer zufällig in der Nähe stand, bekam Faustschläge ins Gesicht, Tritte ins Schienenbein oder wurde in die Rosenbeete geworfen – da konnte mit dem Presseausweis wedeln, wer wollte.

Polizeisprecher Bernhard Schodrowski begründete die Aktion anschließend mit »Straftaten«, die aus dem Schwarzen Block »während des Aufzugs« begangen worden seien. Wer den fraglichen Block begleitet hatte, konnte indes allenfalls Böllerschüsse registrieren und ein paar Teenager, die ihr Halstuch ins Gesicht gezogen hatten. Michael Gassen von der Berliner Polizei bestätigte auf Anfrage, dass die Lage während der Demonstration »nicht spektakulär« gewesen sei. Nach dem rüden Zugriff gab es tatsächlich Steinwürfe, bei einem Polizeifahrzeug gingen die Scheiben zu Bruch.

Leicht hätte es zu einer gefährlichen Eskalation rund um den Neptunbrunnen kommen können, bei der unweigerlich zahlreiche Rentner, Rollstuhlfahrer und Kinder zwischen die Fronten geraten wären. »Nur die Besonnenheit der Teilnehmer verhinderte das«, sagt die Berliner Abgeordnete Evrim Baba (LINKE), die zudem »aufklären« will, ob »im Demonstrationszug mitlaufende zivile Beamtinnen oder Beamte eine Eskalation provozieren wollten«. Die Gefahrenprophezeiung der Berliner Polizei hat sich jedenfalls erfüllt, ob von selbst oder nicht. Laut Ermittlungsausschuss wurden 29 Demonstranten festgenommen. Gregor Gysi legte auf Wunsch der Veranstalter am Schluss gar eine Rede-Sonderschicht ein, um die Menge bei Laune zu halten, bis mit der Polizei ein unbehelligter Abzug der Demonstranten ausgehandelt war.

Wütende Parolen bei verhaltener Stimmung

Ein beeindruckend langer Protestzug hatte sich zuvor durch die Hauptstadt gezogen. Als die Spitze der Demonstration am Rosenthaler Platz eintraf, waren die letzten am Roten Rathaus noch nicht einmal losgegangen. Bei naßkaltem Wetter war die Stimmung vieler Teilnehmer eher verhalten; viele Parolen und Slogans indes kündeten von großer Wut. »Kein Friede mit dem Kapitalismus!« verlautbarte etwa nicht eine radikale Kleingruppe – sondern die Jugend von ver.di Berlin. Die erwachsenen Dienstleistungsgewerkschafter aus der Hauptstadt trugen den Kapitalismus gleich zu Grabe: »Seine Zeit war gekommen«, stand auf den Todesanzeigen.

Überhaupt waren neben dem berlintypischen Szenepublikum auffallend viele Gewerkschafter auf der Demonstration – obwohl DGB und Vorstände nicht mobilisiert hatten. Nicht nur sie konnten auf der Abschlusskundgebung Hans-Jürgen Urban vom Vorstand der IG Metall applaudieren, der vom Quasi-Boykott eine Ausnahme machte. Man werde die »politische Zechprellerei« der Koalition nicht durchgehen lassen, rief Urban einem johlenden Publikum zu.

Die Veranstalter zeigten sich am Ende zufrieden. »Wir werden aber wiederkommen und noch mehr sein«, so Christina Kaindl vom Demo-Bündnis.

Fotogalerie: »Tausende demonstrierten auf Berlins Straßen«

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