Von Ingolf Bossenz

Enttäuschung als Lebensinhalt

Der Religionswissenschaftler und Kirchenkritiker Hubertus Mynarek wird 80

Enttäuschung als Lebensinhalt

Joseph Ratzinger war des Lobes voll: »Ich möchte ausdrücklich sagen, dass ich gerade auch aus den kritischen Rezensionen viel gelernt habe. Am meisten bereichert und belehrt fühle ich mich durch die Ausführungen von Hubertus Mynarek.« Das war 1969. Beide, Ratzinger und Mynarek, lehrten damals als Theologieprofessoren. Der eine in Regensburg, der andere in Wien. 40 Jahre später ist der eine Papst geworden, der andere dessen unerbittlicher Kritiker geblieben.

Hubertus Mynarek, der am Montag im rheinland-pfälzischen Odernheim seinen 80. Geburtstag begeht, hätte dieses Jubiläum bei etwas anderer Lebensjustierung wohl auch hinter den vatikanischen Mauern feiern können. Der polnische Geschichtsprofessor Franciszek Antoni Marek, ein ehemaliger Mitschüler des aus Oberschlesien stammenden Mynarek, schaute jedenfalls nach eigener Darstellung »viele Male hin zum Heiligen Vater, umgeben vom Gefolge seiner Kardinäle, und immer drängte sich mir dabei die Frage auf: Warum ist unter all dem Purpur noch nicht Mynarek?«

Mynarek hat Marek enttäuscht. Wie so viele andere. Ja, die Enttäuschung wurde nachgerade zu seinem Lebensinhalt – nämlich die Ent-Täuschung der Menschen von dem geistigen Elend, das die katholische Kirche mit ihrer bornierten Dogmatik und ihrer Ideologie der Angst jahrhundertelang in Kopf und Psyche von Millionen gepflanzt hatte.

Der deutsche Schlesier Mynarek war nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen geblieben, wo er zum Priester geweiht wurde und zum Doktor der Theologie promovierte. 1958 übersiedelte er in die Bundesrepublik und veröffentlichte dort Bücher mit eher beschaulichen Titeln wie »Philosophie des religiösen Erlebnisses«, »Der Mensch – Wesen der Zukunft« und »Existenzkrise Gottes?«

Das Buch, das 1973 erschien und nachgerade zu Mynareks Schicksalsbuch wurde, hieß »Herren und Knechte der Kirche«. Diese schonungslose Abrechnung mit dem klerikalen System und der Kirchenideologie rief nicht nur die sensationshungrigen Massenmedien auf den Plan, sondern auch zahlreiche von der Publikation getroffene Kirchenmänner, darunter Joseph Ratzinger. Die Schadenersatz- und Unterlassungsklagen führten zu jahrelangen Prozessen, die Mynarek an den Rand des Ruins brachten. Ein jäher Sturz. Immerhin war der nunmehrige Kirchenfeind noch ein Jahr vor der Buchveröffentlichung Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Allerdings hatte Mynarek im selben Jahr einen offenen Brief an Papst Paul VI. geschrieben mit der Forderung nach innerkirchlicher Demokratie und Ende des Zölibats, er hatte die Kirche verlassen und geheiratet. Es war der erste Austritt eines Theologieprofessors aus der katholischen Kirche im deutschsprachigen Raum.

Konsequenz und Kompromisslosigkeit sind, wenn es um respektive gegen die Kirchen geht, in Deutschland nicht gerade geschäftsfördernd. Während der Lieblings-Papstkritiker der Medien, Hans Küng, unverdrossen weiter der Romkirche angehört und seine Bücher bestens verkauft, waren die meisten Manuskripte Mynareks größeren Verlagen zu heiß. Obwohl viele davon gewiss das Zeug zu Bestsellern hatten. Das gilt vor allem für seine brillanten Monografien über Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Dass er sein Buch »Die neue Inquisition – Sektenjagd in Deutschland« im Verlag der Religionsgemeinschaft Universelles Leben erscheinen ließ – zuvor hatten knapp 30 andere Verlage die brisante Schrift abgelehnt – bleibt seinen Gegnern auch nach zehn Jahren ein zentraler Angriffspunkt.

Ungeachtet dieser Schwierigkeiten legte Mynarek – weit über die Kirchenkritik hinaus – ein Werk von beeindruckender Universalität vor. Weltanschauliche Themen wie Agnostizismus, Atheismus, Mystik, Glaube und Vernunft finden sich darin ebenso wie philosophische Aspekte der Ökologie, Kosmologie und Psychologie. Dabei ist für den Gelehrten, der sich selbst als Agnostiker bezeichnet, die Erforschung und Erschließung des Religiösen das wichtigste Feld.

Sein größtes Verdienst ist zweifellos das unablässige Bemühen, das Phänomen des Religiösen aus der Deutungshoheit des Kirchenchristentums zu befreien und es im Sinne Albert Einsteins (»kosmische Religiosität«) und Albert Schweitzers (»Ehrfurcht vor dem Leben«) zu verstehen – als »umfassenden, ganzheitlichen, sinnsuchenden und grenzüberschreitenden Vitalimpuls des Menschen«. »Religiös ohne Gott« zu sein, wie der Titel eines seiner Bücher lautet, bildet auch das Fundament der von Mynarek entworfenen Ökologischen Religion, die sich zur strikten Verantwortung des Menschen gegenüber seiner bedrohten Mitwelt bekennt. Eine Religion, die sich auf Karl Marx berufen kann, für den die »vollendete Wesenseinheit der Menschen mit der Natur« ein essenzielles Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung war.

Seine profunde Marx-Kenntnis, die sich nicht im (meist falsch) zitierten »Opium des Volks« erschöpft, hilft Mynarek ja vielleicht auch bei seiner neuesten Aufgabe: als Kandidat der LINKEN bei der Kommunalwahl. Zwar winkt dabei kein Kardinalspurpur, aber immerhin ein rotes Mandat.

Literaturempfehlung:
Carola Baumann / Nina Ulrich (Hrsg.): Streiter im weltanschaulichen Minenfeld. Festschrift für Prof. Dr. Hubertus Mynarek. Verlag Die Blaue Eule, 346 S., 46 EUR.

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