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Das Kreuz mit dem Heiland

Neuer Streit, neue Bücher, neue Spekulationen – Jesus bleibt ein Dauermysterium

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Ein Vater, der seinen Sohn für Verbrechen und Untaten anderer hinrichten lässt, damit die wirklich Schuldigen straffrei ausgehen, würde überall auf der Welt strafrechtlich verfolgt, wenn seine Tat ans Licht käme. ... Und dennoch bildet ein derart primitives, brutales, grundloses Verbrechen die Grundlage des christlichen Glaubens.«

Was der niederländische Schriftsteller Theo Kars in drastische Worte fasste, ist heute wohl selbst den meisten gläubigen Christen kaum noch vermittelbar: das sogenannte Mysterium vom Tod Jesu am Kreuz. Da ist es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet vor Karfreitag, dem alljährlich begangenen Todestag des Heilands, in der evangelischen Kirche in Deutschland eine Debatte darüber ausgebrochen ist.

»Ich glaube nicht, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist«, verkündete Burkhard Müller in einer Rundfunkandacht des WDR. Damit griff der ehemalige Bonner Superintendent immerhin den zentralen Punkt der christlichen Botschaft an. Der besagt nämlich, Jesus habe mit seinem Tod stellvertretend die Sünden der Welt auf sich genommen. Dass diese Lehre überhaupt nicht zur Verkündigung Jesu passe, meint indes auch Klaus-Peter Jörns. Denn, so der evangelische Theologieprofessor, die »Liebe Gottes« sei an keinerlei Vorleistung wie ein Opfer gebunden.

Ganz anders sieht das hingegen Hartmut Steeb. Für den Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz ist die Sündhaftigkeit des Menschen »so stark und so klar, dass wir den Opfertod von Jesus brauchen, um versöhnt zu sein mit Gott und den Menschen«.

Ob eine Kreuzigung Jesu überhaupt stattgefunden hat, ist indes eine weitere, seit Jahrhunderten bis heute ebenso heiß umstrittene Frage. Die Quellenlage ist reichlich dünn. Lediglich zwei kurze Erwähnungen bei Tacitus und Flavius Josephus, deren Authentizität zudem alles andere als wasserdicht ist, geben außerhalb der Evangelien Zeugnis von dem Ereignis, das am morgigen Karfreitag Millionen Christen Anlass zu Gebet und Buße ist und das in manchen Weltgegenden – so auf den Philippinen – mit blutig-realistischen Spektakeln nachgestellt wird.

Immerhin wird Jesus auch von der religiösen Konkurrenz registriert – vom Islam. Allerdings nicht als Gottessohn. (Da ist der Islam in seinem Monotheismus denn doch konsequenter als das Christentum mit seiner quasipolytheistischen Trinität aus Vater, Sohn und Heiligem Geist.) Im Koran ist Jesus einer der großen Propheten. Auch eine Kreuzigung gibt es. Allerdings stellt die heilige Schrift der Muslime die Frage, ob Gott es zulassen konnte, dass der von ihm Gesandte ein derart scheußliches Ende fand.

Die Antwort lautet: Jesus starb gar nicht am Kreuz. Denn, so der Koran: »Es erschien ihnen eine ähnliche Gestalt.« Mithin galt der Hingerichtete zwar als Jesus, war es aber mitnichten. Man hatte ihn schlicht verwechselt respektive beizeiten ausgewechselt. Eine Version, die sich in der umfangreichen Jesus-Literatur einer gewissen Singularität erfreuen konnte. Bislang. Denn jetzt hat der in Berlin lebende Autor Ernst Michael Schwarz das Buch »Spuren«* vorgelegt. »Eine historische Spekulation«, wie es im Untertitel heißt.

Kein wissenschaftliches Werk, sondern eine »historisch-fiktive Erzählung«. Allerdings eine, die saubere Recherche mit originellen Einfällen verbindet. Zwar könnte man Schwarz wegen der wieder einmal strapazierten Liaison von Jesus und Maria Magdalena zeihen, im Fahrwasser von »Sakrileg« zu schwimmen. Doch das wäre unredlich. Schließlich war es Dan Brown, der auf das zurückgriff, was andere vor ihm längst ausgebreitet hatten. Bereits acht Jahre vor Erscheinen des Bestsellers um den Da-Vinci-Code hatte der Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek in seiner profunden Untersuchung »Jesus und die Frauen« das Liebesleben des Nazareners von allen erdenklichen Seiten beleuchtet.

Schwarz lässt also Jesus die Kreuzigung überleben. An seiner Statt exekutierte man »den falschen Jesus, einen zum Tode verurteilten Straßenräuber, der dem echten zum Verwechseln ähnlich sah«. Verblüffend ist vor allem die Idee, dass hinter dieser Aktion Pontius Pilatus steckte, der nämlich Jesus, dessen Reich »nicht von dieser Welt« war, zum Hohen Priester und Vorsitzenden des Hohen Rates machen wollte, um die von Aufständen geplagte Provinz Judäa endlich zu befrieden.

Was bei Schwarz Fiktion ist, ist bei Joseph Atwill schon fast eine historische Tatsache – »Die römische Verschwörung, um Jesus zu erfinden«. So heißt in der Originalausgabe der Untertitel der erstaunlichen Schlussfolgerungen des US-Amerikaners, dessen Buch hierzulande als »Das Messias-Rätsel«** verkauft wird. Auch bei Atwill steht das Problem der Römer im Zentrum, wie »das messianische Judentum zu zähmen« sei. Die Lösung: Man musste »es einfach in eine Religion umformen, die mit dem römischen Imperium kooperieren konnte«. Wie das funktioniert haben soll, wird vom Autor in einem brillanten literarischen Parforceritt durch heilige und andere Schriften gezeigt. Haben wirklich Intellektuelle, die für den zweiten Flavier-Kaiser Titus arbeiteten, das Christentum geschaffen?

Die Vergleiche, die Atwill zwischen Neuem Testament und den Werken des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus anstellt, führen zu überraschenden Ergebnissen. Für die Idee, dass die Evangelien eine Parodie der »Geschichte des jüdischen Krieges« seien, kann der Autor das Copyright beanspruchen. Auf jeden Fall bringt diese Sicht eine Unmenge an Aha-Erlebnissen.

Zwei Bücher. Anhand der Stichwortekartei der Pariser Nationalbibliothek wurde einmal errechnet, dass jeden Monat durchschnittlich 50 Bücher über Jesus erscheinen. Das ist alle vierzehneinhalb Stunden ein neues. Angesichts der aufgeflammten Debatte um den Kreuzestod meinte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider: »Wie Jesus selbst seinen Gang in den Tod und sein Sterben aufgefasst hat, wissen wir nicht.« Wir werden es auch nach den nächsten 50 Büchern nicht wissen.

*Ernst Michael Schwarz: Spuren. Eine historische Spekulation. Wagner Verlag Gelnhausen. 219 S., br., 11,90 EUR.

**Joseph Atwill: Das Messias-Rätsel. Die Geheimsache Jesus. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eluan Ghazal. Allegria Verlag Berlin. 431 S., geb., 19,90 EUR.

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