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Rückbau in die Vergangenheit?

Bildband über 100 Jahre Städtebau in Berlin mit zweifelhafter Vision

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»Berlin und seine Bauten« ist eine Publikationsreihe, die seit 1877 bereits in drei nacheinander folgenden Ausgaben die Baugeschichte von Berlin dokumentiert hat. Der jetzt erschienene und reich bebilderte Band »Städtebau« beendet die durch den Architekten- und Ingenieurverein (AIV) 1964 gestartete dritte Ausgabe dieser Publikation mit 24 Bänden, die den Zeitraum nach dem Erscheinen der zweiten Ausgabe 1896 umfasst. Also ein epochales Werk.

Wie die Autoren – Harald Bodenschatz, Jörn Düwel, Niels Gutschow und Hans Stimmann – im Vorwort schreiben, schien es höchste Zeit, einen Überblick zum Städtebau in Berlin auf dem Weg zur Weltstadt seit Ende des 19. Jahrhunderts bis heute zu geben. Sie teilten sich diese Aufgabe nach drei historischen Perioden, die sie nicht in üblicher Weise aus den übergeordneten großen gesellschaftlichen, besonders politischen Zäsuren der Stadtentwicklung ableiteten, sondern aus den großen Zäsuren des Städtebaus beim Wechsel der Aufgaben, Konzepte und Planungen zur Entwicklung der Stadt in Widersprüchen zwischen Neu und Alt.

In diesem Sinne schreibt Harald Bodenschatz über den »Städtebau von den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. 1890–1918«, über das gewaltige und teilweise chaotische Wachstum der Stadt in dieser Periode und über die Versuche der Stadtplaner, eine gestalterische Ordnung in diesen Prozess zu bringen – konzeptionell und praktisch. Dabei geht es ihm insbesondere um die Transformation der Altstadt zur Großstadt-City, um die urbane Steuerung der Stadterweiterung durch den Bau neuer Gartenvorstädte und um die Vision der Stadt, wie sie vor allem im Wettbewerb Groß-Berlin 1908-1910 zum Ausdruck kam.

Jörn Düwel und Niels Gutschow wenden sich der nächsten Periode der Berliner Stadtentwicklung zu, dem »Städtebau vom Ersten Weltkrieg bis zu den ›Grenzen des Wachstums‹ in den frühen siebziger Jahren. 1918-1975«. Dabei konzentrieren sie sich auf die großen Aufgaben des Städtebaus, die – gesellschaftlich wie baulich – in wiederholte, von Utopien verklärte Versuche mündeten, ein neues, modernes und auf die Zukunft orientiertes Berlin zu schaffen und es von den Traditionen des alten Berlin zur Kaiserzeit abzukoppeln. Letzten Endes aber scheiterten sie allesamt – bis schließlich die Bewahrung und Fortführung der Stadt in der Tradition der »europäischen Stadt« als Notwendigkeit wieder bewusst wurde. Im Einzelnen dokumentieren sie dabei die Planungen sowohl für die Stadtmitte, für die Innenstadt und für die Peripherie der Stadt mit ihren Großsiedlungen. Und dies durch alle gesellschaftlichen Perioden der Stadt hindurch: von der Weimarer Republik über die Nazizeit bis ins geteilte Berlin. Diese übergeordnete Städtebau-Sicht schafft zwar manche neue Einsicht in die Kontinuität baulicher Zusammenhänge über die Unterschiede gesellschaftlicher Systeme hinweg, degradiert aber die Diskontinuität der stadt-gesellschaftlichen Entwicklung zur Zweitrangigkeit. Hier ist nachdrücklich Widerspruch anzumelden.

Ein solcher Widerspruch ist vor allem hinsichtlich des dritten Teils vonnöten, in dem sich Hans Stimmann für die Rettung der vormodernen Stadt Berlin einsetzt, die für ihn aus der kulturellen Verpflichtung zur Bewahrung und Fortsetzung der »europäischen Stadt« erwächst, wie sie im »Europäischen Jahr des Denkmalschutzes« 1975 ins öffentliche Bewusstsein gebracht worden war. Kein Wunder, wenn er in diesem Zusammenhang das von ihm – als jahrelangem Senatsbaudirektor – entwickelte und politisch durchgesetzte »Planwerk Innenstadt« zur Grundlage der notwendigen Stadtplanungspolitik benutzt, um klar zu machen, was in Berlin zu geschehen hat. Ihm geht es für die Zukunft weiterhin um die »Rekonstruktion« der Stadt, die er als eine »kritische« proklamiert, aber völlig unkritisch praktiziert, nämlich durch Beseitigung der Eingriffe der Moderne in die Stadt als »zweite Zerstörung der Stadt« nach den »Zerstörungen des Krieges«. In Ost-Berlin wirkt sich diese Politik überaus erfolgreich als »Rückbau vor die DDR« aus.

Was Hans Stimmann in seinem Text nicht so direkt sagt, äußerte er bei der öffentlichen Vernissage des Buches ganz freimütig: Nun, nachdem der Palast der Republik nicht mehr existiert und das Schloss entworfen ist, steht die Aufgabe vor Berlin, die verloren gegangene historische Altstadt zwischen Spree und Alexanderplatz durch »Rekonstruktion« wiederzugewinnen. Das aber heißt: zurückzubauen in die Vergangenheit vor der Moderne und vor allem vor der DDR – nicht etwa weiterzubauen in eine Zukunft des vereinten Deutschland.

So provoziert der vorgelegte Band »Städtebau« von »Berlin und seine Bauten« zur kritischen Auseinandersetzung. Und das ist das Gute an dieser Publikation.

Harald Bodenschatz, Jörn Düwel, Nils Gutschow, Hans Stimmann, »Berlin und seine Bauten. Teil I«; Hrsg: AIV zu Berlin;Verlag: DOM publishers, Berlin 2009, 472 Seiten, über 500 Abb., 98 €.

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