Kurzweil

Afro-Schach trifft Hip-Hop

Von Theophilus Thompson bis zu Maurice Ashley und RZA vom Wu-Tang Clan / Dr. Daaim Shabazz ist Webmeister des Portals »The Chess Drum«

Wer die Teilnehmerlisten von Schachweltmeisterschaften oder Turnieren der Supergroßmeister liest, wird derzeit keinen Namen finden, der auf afrikanische Wurzeln hinweist. Dabei wäre ohne die Beiträge, die Sportler und Künstler der Black Community leisten, die Schachkultur der Gegenwart um vieles ärmer. Gegen das entsprechende Informationsdefizit trommelt DR. DAAIM SHABAZZ, Dozent für International Business an der A&M Universität in Tallahassee, Florida auf www.thechessdrum.net. ND-Autor RENÉ GRALLA sprach mit ihm.
Kurzweil: Afro-Schach trifft Hip-Hop

ND: Der Einzug von Barack Obama ins Weiße Haus ist eine Renaissance schwarzen Selbstbewusstseins. Wird sich das auch auf die Schachszene auswirken?
Shabazz: Das bleibt abzuwarten. Immerhin hat Obama im Wahlkampf die Idee unterstützt, Schach in schulische Lehrpläne aufzunehmen.

In der aktuellen Weltschachspitze fehlen Spieler mit afrikanischen Wurzeln weitgehend. Sportliches Pech oder ein Indiz für versteckten Rassismus im internationalen Wettkampfschach?
Ob das etwas mit Rassismus zu tun hat, weiß ich nicht. Zumal afrikanische Spieler mehrmals an K.o.-Weltmeisterschaften der FIDE teilgenommen haben, allerdings sind sie dann jeweils nicht über die erste Runde hinausgekommen. Immerhin besiegte Südafrikas Watu Kobese dabei in Moskau 2001 sogar Ungarns Peter Leko und schied erst im Tiebreak aus. Afrika hat also durchaus Potenzial. Der aktivste Verband südlich der Sahara ist Südafrika, und auch in Nigeria und Sambia wachsen junge Talente heran. Noch aber fehlt es an tragfähigem Sponsoring.

Vor acht Jahren haben Sie die Website »The Chess Drum« gestartet. Warum?
Ich zeige der Welt einen wichtigen Bereich des Schachsports, der meist ignoriert worden ist. Informationen über die Leistungen schwarzer Aktiver waren früher kaum zu kriegen, obwohl wir aus arabischen Quellen wissen, dass Afrikaner geniale Problemkomponisten und beeindruckende Blindspieler waren. Ich möchte demonstrieren, dass Schach keine elitäre Veranstaltung für eine bestimmte Ethnie, Klasse oder Kultur ist. Nur so wird unser Sport wachsen, neue Fans ansprechen und Förderer gewinnen.

Einer der großen Unbekannten des schwarzen Schachs ist Theophilus Thompson, 1855 im US-Staat Maryland geboren. Wie ordnen Sie seinen Platz in der Schachgeschichte ein?
Thompsons Leistungen sind bemerkenswert, weil er Autodidakt war – und das zu einer Zeit, als Schwarze nur selten überhaupt die Chance erhielten, lesen und schreiben zu lernen. Thompson entdeckte Schach für sich, als er zwei Männern beim Spiel zusah. Bald bewies Thompson, dass er in Turnieren auf beachtlichem Niveau mithalten konnte. Und er schrieb sogar ein Buch über Schachprobleme, das war zweifellos die Krönung seiner Karriere.

Überraschend betrat Thompson die Schachbühne, ebenso schnell verschwand er. Wurde er von Rassisten ermordet, wie sich bis heute hartnäckig Gerüchte halten?
Über Thompsons Schicksal kursieren viele Geschichten, aber es gibt nichts Konkretes. Manche vermuten, dass er das Spiel aufgab. Aber das ist unwahrscheinlich, berücksichtigt man seine Leidenschaft für Schach.

Heute setzt US-Großmeister Maurice Ashley Maßstäbe in der Schachpromotion. Als Gastgeber von TV-Shows präsentiert er das Spiel spannend und unterhaltsam. Wie schafft er das?
Ashley schöpft seine Kraft aus dem Erbe seiner Vorfahren, die aus Jamaika stammen. Und er hat seine Durchsetzungskraft im rauen Klima von New York gestählt.

Ashley hat einen kreativen und kongenialen Mitstreiter: den Journalisten Adisa Banjoko, auch bekannt als »Bishop of Hip-Hop«. Wie passt Rap zu Schach?
Warum sollte das nicht passen? Schachspieler weltweit lieben HipHop, und viele Hip-Hop-Enthusiasten lieben Schach.

Da scheint tatsächlich was dran zu sein. Einer der internationalen Hip-Hop-Stars, RZA vom Wu-Tang Clan, hat sogar das Portal www.wuchess.com ins Netz gestellt ...
Ja, das ist durchaus ein interessantes Konzept. Ich weiß aber nicht, ob RZA eine langfristige Strategie verfolgt. Wenn, dann müsste er sein Projekt schon in die globale Gemeinschaft der Schachspieler integrieren.

Weitere Informationen unter: www.thechessdrum.ne

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