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Mehr Dampf für den »verjnüchten« Sinn

Heimathafen Neukölln zeigte mit »Filmzauber« die erste Premiere

Das Ambiente zur Premiere im Saalbau war perfekt. Schauspielchefin Britta Steffenhagen mit Berliner Humor und Papierschiffchen auf dem Kopf und freundliche Matrosen empfingen die Besucher. Die neuen Betreiberinnen vom »Heimathafen Neukölln« im Saalbau – der 1876 als Niesigk's Salon eröffnete, seit 1990 durch das örtlich Kulturamt betrieben und nun zur Pacht von ihnen übernommen wurde – luden zu ihrer ersten Produktion »Filmzauber« ein.

Neuköllns Bürgermeister war außer sich vor Freude. Berlin habe endlich wieder ein Volkstheater, rief Heinz Buschkowsky (SPD) von der Bühne und führte schon mal ein kleines Couplet auf: »Uff den Sonntag freu ick mir, ja dann jeht et raus zu ihr, feste mit verjnüchtem Sinn, Pferdebus nach Rixdorf hin.« Die Kulturfrauen, wünschte er, mögen immer mindestens einen Euro mehr in der Kasse haben, als sie zum »Überleben« brauchen. Klug haben sie mit dem Wirtschaften angefangen. Die Premierengäste zahlten, was sie verzehrten. Der Erlös soll dem neuen Jugendtheaterprojekt »Die Hammerhaie« zugute kommen.

Schön ist die Liebe im Hafen. Deshalb haben sich die Heimathafenbetreiberinnen ein Altberliner Volksstück samt Verwirrungen der Liebe ausgesucht. Nach der Posse »Filmzauber« von Rudolf Bernauer und Rudolph Schanzer, die 1912 erstmals mit der Musik von Walter Kollo und Willy Bredschneider aufgeführt worden ist, schufen sie ihre Fassung. In der ursprünglichen Geschichte wird der Filmproduzent Adalbert Musenfett von der Geheimratstochter Fränze Papendieck bewundert. Um in seine Nähe zu kommen, verdingt sie sich – als Junge verkleidet – für die Produktion des Stummfilms »Napoleon und die Müllerstochter«. Nach einigen Verwirrungen kommen die beiden zusammen.

In der Regie von Stefanie Aehnelt nun besucht ein Musenfett-Nachfahre aus Hollywood Berlin und stellt sich vor, wie das damals mit der Arbeit seines Urahns wohl gelaufen sei. Das alte Stück beginnt und zeigt, wie seinerzeit die bei Leipzig geplante Filmproduktion vom Meister selbst erdacht und auf einem Feldherrenhügel in der Hasenheide vollendet wird.

Musenfett selbst spielt die Hauptrolle: »Ick weeß nich, ich bin noch gar nicht in der Napoleonstimmung«. Diese dem Stummfilm nachempfundenen Szenen sind gut gelungen. Die Darsteller tragen als Kostüm Pappfiguren vor sich her. Mit Kreide auf Tafel geschrieben, werden die »Ausrufe« hereingetragen.

Ansonsten krankt das zweieinhalbstündige Schauspiel an Überlänge. Nebenhandlungen plustern sich auf. Es ist viel Luft in dem Stück. Aber Berliner Luft ist das nicht. Außer der Pappfigurenszene sind – auch wenn man in Betracht zieht, dass hier wenig Geld im Spiel ist – Kostümierung, Bühnenbild und musikalische Leitung ebenso unentschlossen wie die Regie. Diesem Stück gehört ordentlich Dampf gemacht, damit es witziges Volkstheater wird. Populäre Dramatik bedeutet schließlich nicht, dass jedem im Spielverlauf irgendetwas, sondern den meisten das meiste gefallen soll.

An den Schauspielern liegt es nicht, dass die Zeit lang wird. Annette Borchardt, Nina Damaschke, Romy Ellrich, Roman Kohnle, Mendi Kußmann, Hannes Lindenblatt, Jaron Löwenberg, Eckhard Müller, Michael Schäfer und Britta Steffenhagen spielen engagiert und gut. Was der Regie fehlt, sind Tempo und mehr »verjnüchter Sinn«.

23. und 24. April, 20 Uhr, Heimathafen Neukölln im Saalbau, Karl-Marx-Str. 141, Tel.: 69 51 51 27, Weitere Informationen unter www.heimathafen-neukoelln.de

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