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»ich trage lenin am revers...«

»Der letzte Kommunist« – eine Biografie von Matthias Frings über das »traumhafte Leben« des Ronald M. Schernikau

  • Von Michael Sollorz
  • Lesedauer: 7 Min.
»Ich habe angst, bin weiblich, bin männlich, bin doppelt« (aus »kleinstadtnovelle«) Fotos: privat
»Ich habe angst, bin weiblich, bin männlich, bin doppelt« (aus »kleinstadtnovelle«) Fotos: privat

Die Erkenntnis, dass es den Feind wirklich gibt, wird ohne die Zerstörung des Landes nicht mehr zu haben sein. Was mich verblüfft, ist die vollkommene Wehrlosigkeit, mit der dem Westen Einlaß gewährt wird, das einverständige, ganz selbstverständliche Zurückweichen, die Selbstvernichtung der Kommunisten. Am 9. November 1989 hat in Deutschland die Konterrevolution gesiegt. Ich glaube nicht, dass man ohne diese Erkenntnis in der Zukunft wird Bücher schreiben können.
Ronald M. Schernikau auf dem letzten Kongress der Schriftsteller der DDR, März 1990

Starr vor Angst, kriecht eine junge Frau mit ihrem sechsjährigen Sohn in den Kofferraum eines Diplomatenautos. Sie will in den Westen. Das ist die Schlüsselszene für Mutter und Kind, der Sündenfall, der beider Lebensläufe bis zum Ende bestimmen wird. Wir schreiben das Jahr 1967. Die sogenannte Flucht ist nicht mal ein Wegwollen, die Frau eigentlich glücklich in der DDR, Krankenschwester und Genossin. Aber sie sehnt sich nach dem Vater des Jungen, nach einem Zusammensein als Familie. Kaum im Westen, eröffnet der ihr jedoch, dass er inzwischen eine neue Familie gegründet hat. Für Ellen Schernikau aus Magdeburg stürzt die Welt ein.

Weil sie sich schämt und das Gefängnis fürchtet, die Trennung von ihrem Kind, wagt sie sich nicht zurück. Der Junge wird eingeschult und nach einem kurzen Gastspiel bei den ABC-Schützen gleich in die zweite Klasse gesetzt. Die Mutter findet Arbeit, Liebhaber, Freunde. Aber ihr Herz kommt im Westen nie an, sie träumt von einer Heimkehr. Lässt sich die neuen Bücher von Kant und Görlich schicken, abends läuft DDR-Fernsehen. Der Junge kriegt jeden Monat seine FRÖSI von drüben und wächst heran in der Überzeugung, sich noch am falschen Ort zu befinden. Mit Neunzehn tritt er ans Licht der literarischen Öffentlichkeit, wird als Wunderkind gefeiert und ein erstes bisschen berühmt. Seine stark autobiografische »kleinstadtnovelle« handelt von einem schwulen Schüler an einem Kleinstadtgymnasium. In der langen Tradition trauriger schwuler Helden schlägt das schmale Buch einen ganz neuen Ton an, kämpferisch und selbstbewusst. »im kommunismus hat jeder einen mann und eine frau. nur ich, ich habe zwei männer.«

Der frischgebackene Jungdichter, inzwischen Mitglied der DKP, kehrt der Kleinstadt den Rücken, zieht ins wilde Westberlin. Hier ist er ein Stück näher dran an der Erfüllung seines Traums, der immer deutlicher Gestalt gewinnt: in der DDR zu leben. Seine Partei ist davon nicht begeistert, wir brauchen hier jeden, heißt es, im Osten sind sie Genossen genug. Aber schließlich lassen sie ihn nach Leipzig zum Studium am Literaturinstitut – Institut für Weltbeschreibung, nennt er es. Dort wird der exotische Westler nicht von allen freundlich begrüßt. »ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 prozent für einen punk. der rest ist meine hoffnung.« Der sozialistische Staatsversuch liegt in den letzten Zügen. Von seinen Leipziger Erfahrungen keineswegs umgestimmt, betreibt Schernikau hartnäckig seine Übersiedlung. Und sein Traum wird wahr. Im September 89, während jeden Tag Tausende aus der DDR türmen, zieht er mit seinen Siebensachen nach Berlin-Hellersdorf. »Eine seltsame Vorstellung«, schrieb die spätere Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, »wie dieser entschlossene junge Mann, einem Tier gleich, das seine Instinkte verkehrt herum eingebaut hat, hartnäckig in eine Richtung strebt, während ringsumher die anderen Tiere wie die Irren vor einem imaginären Buschbrand in die entgegengesetzte Richtung flüchten.«

Doch die Erfüllung währt nur kurz. Der Westen, den er so verabscheut, holt Schernikau ein. Die DDR wird geschluckt, ein Jahr nach dem Beitritt stirbt er.

Über »Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau« hat der Journalist Matthias Frings ein biografisches Buch geschrieben. Die hanebüchene Gegenläufigkeit seines Helden kam den meisten Redaktionsstuben im Jubeljahr höchst gelegen, das Medienecho war beachtlich. Der Titel »Der letzte Kommunist« und auch der Quatsch-Comedy-Club als Schauplatz der Buchpremiere hatten befürchten lassen, es ginge um die Einspeisung des Toten in den bunten Unterhaltungszirkus, der früher oder später noch alles verjuxt. Denn sind die Partei-Kommunisten nicht die größten Clowns, lustig anzuschaun, solange sie bloß auf die Schnauze fallen?

So klang in mancher Reaktion auf das Buch feiner Spott durch, war von »verkorksten (linken) Träumen« die Rede und dieselbe neunmalkluge Selbstgerechtigkeit zu spüren, die das Gespräch über die DDR so oft verzerrt und verhindert. Doch dafür kann der Biograf nicht. Frings, seit 1980 mit Schernikau befreundet, nimmt diesen durchaus ernst und behandelt ihn mit Liebe und Respekt. Beide der westdeutschen Provinz entkommen, teilten sie das schöne Jungsein im schwulen El Dorado Westberlin, und Frings erlebte aus der Nähe den Kampf des jungen Autors um die Fortsetzung seiner schriftstellerischen Arbeit. Plötzlich wollte niemand mehr das zweite Manuskript veröffentlichen, und der vom Erfolg seiner »kleinstadtnovelle« verwöhnte Schernikau stand ohne Verlag da. Dazu fortwährend die Sorge um das Geld für Miete und Brot. »Nie ging es um Luxus oder Status«, schreibt Frings, »immer nur ums Überleben.« Darin ganz rheinisches Arbeiterkind, erkennt er vor allem in dieser praktischen Not Schernikaus Motiv, in die DDR zu wollen. »Im Westen waren 90 Prozent aller Schriftsteller nicht freiberuflich. 10 Prozent konnten vom Schreiben leben. In der DDR war es genau umgekehrt«, sagt die Schriftstellerin Gisela Kraft, bereits 1984 in den Osten gekommen und mit Schernikau befreundet.

Ein anderer Übersiedler, der von Schernikau über alles verehrte Peter Hacks, antwortet auf seine Frage, ob er ihm rate, denselben Schritt zu tun: »Falls Sie vorhaben, ein großer Dichter zu werden, müssen Sie in die DDR; sie allein stellt Ihnen – auf ihre entsetzliche Weise – die Fragen des Jahrhunderts. Sollte hingegen Ihr Talent darin liegen, Erfolg zu haben und Menschen zu erfreuen – in dem Falle freilich würde ich mir einen solchen Entschluss noch überlegen.«

Der Wunsch, die Seiten zu wechseln, gründet schließlich auf tieferliegenden Systemunterschieden, für die Matthias Frings deutlich weniger Verständnis und Interesse aufbringt. Hat er seinen Freund je besucht in dessen Leipziger Studienjahren? Von solch einer Expedition ist nichts überliefert. »An den DDR-Bürgern mochte Ronald, dass sie zuhören konnten«, erinnert sich Ellen Schernikau, die 1990 ebenfalls wieder nach Magdeburg gezogen ist. »Und dass sie ein Weltgefühl hatten. Dass sie immer mehr wussten über Westdeutschland als er und andere in der BRD Aufgewachsene über die DDR. Und es war bei den DDR-Bürgern eine Freundlichkeit, die ihn fasziniert hat.« »Ich wollte das Gefühl der Zugehörigkeit«, sagte er kurz vor seinem Tod im Herbst '91 in einem Interview für die »Junge Welt«. »In der DDR waren Künstler am Werk, die das Gefühl hatten, sie sind in einem bestimmten Land, und um dieses Land kümmern sie sich. Das hat ein Westkünstler nicht.«

Das Wunderbare an der unterhaltsamen Biografie von Matthias Frings besteht darin, dass er alle naselang aus Schernikaus Büchern zitiert und damit anregt, ein Werk zu entdecken, dass ohne Vergleich dasteht. Wer den bevorstehenden Freudenfeiern in diesem Herbst die nachdenkliche Stille vorzieht, der lese zum Beispiel »die tage in l. – darüber, dass die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur«. Auf zweihundert Seiten Alltagsbeobachtungen des Grenzgängers, deren Hellsichtigkeit einem heute, zwanzig Jahre nach Erscheinen, schier den Atem verschlägt.

In dem letzten Interview gefragt, wo er jetzt die Kräfte zur Veränderung der Gesellschaft sehe, erzählte Schernikau von einem Freund aus Mainz. »Matthias ist ein alter DKP-Genosse, der leichte linksradikale Anwandlungen hat. Er betreut zum Beispiel RAF-Gefangene, und wir fuhren neulich im Auto, weil wir eine Terroristin besuchten, die in Isolationshaft sitzt. Wir saßen also im Auto und beschlossen, eine kommunistische Akademie zu gründen. Weil wir eben auch nicht mehr wissen, wo die alle sind, die was wissen und können und wollen. Ich denke, in so 'ner Situation von Zusammenbruch und Niederlage – das findet sich dann schon wieder. Vielleicht nicht nächste Woche. Das ändert aber nichts an meinem historischen Optimismus.«

Matthias Frings: Der letzte Kommunist – Das traumhafte Leben des Ronald. M. Schernikau, Aufbau Verlag, 488 S. m. Abb., geb., 19,95 EUR. Außerdem lieferbar: »Die Tage in L.« und »Kleinstadtnovelle« (Konkret Litersaturverlag, 12 und 12 EUR) sowie »Legende« (Goldenbogen, 35 EUR).

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