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Demjanjuk endlich im Gefängnis

Mutmaßlicher Naziverbrecher aus USA nach Deutschland gebracht / Rascher Prozess gefordert

Der mutmaßliche Nazi-Verbrecher Iwan (John) Demjanjuk ist seit gestern im Untersuchungsgefängnis München-Stadelheim. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, im Nazi-Vernichtungslager Sobibor Beihilfe zum Mord an mindestens 29 000 Juden geleistet zu haben.

Berlin (ND-Heilig). Kurz nach 9 Uhr landete die US-Sondermaschine auf dem Münchner Flughafen. Nach einer ersten Untersuchung wurde der 89-Jährige mit einem Krankenwagen nach Stadelheim gebracht. Hier wurde ihm – mit Dolmetscherhilfe – die 21-seitige Anklageschrift vorgelesen. Nach Angaben des stellvertretenden Leiters der Justizvollzugsanstalt, Jochen Menzel, ist Demjanjuk in einem Gemeinschaftshaftraum in der Pflegeabteilung untergebracht worden. In den vergangenen Wochen hatte sich Demjanjuk in den USA vor allem mit Hinweis auf seine schlechte Gesundheit gegen eine Abschiebung gewehrt und sogar den Obersten Gerichtshof in Washington eingeschaltet. Erfolglos.

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hat unterdessen einen baldigen Prozessbeginn gefordert. Sie glaube, es sei »sehr, sehr wichtig für unsere Nachkommen, dass sie sich mit diesem Thema befassen können und durch diesen Prozess Einblicke bekommen in die mörderischen Untaten des nationalsozialistischen Regimes«. Rabbi Marvin Hier, Vorstand des Simon Wiesenthal Centers, teilte mit, Demjanjuk müsse sich »endlich der Justiz für die unaussprechlichen Verbrechen stellen, für die er während des Zweiten Weltkriegs verantwortlich war – es wird wahrscheinlich der letzte Prozess gegen einen Nazi-Kriegsverbrecher sein«. Die Ludwigsburger Zentralstelle für NS-Verbrechen rechnet dagegen mit ein oder zwei weiteren Prozessen gegen mögliche Nazi-Täter in Deutschland.

Demjanjuks Verteidiger, der Ratinger Rechtsanwalt Ulrich Busch, forderte gestern die Freilassung seines Mandanten. Der bestreite, jemals in Sobibor gewesen zu sein. Und selbst wenn, müsse man ihn freisprechen, weil er als gebürtiger Ukrainer damals so genannter fremdländischer Wachmann gewesen wäre. Für diese gelte Befehlsnotstand. »Entweder halfen sie mit oder sie wanderten in die Gaskammern. Wenn er am Ende doch da gewesen wäre, wäre er entschuldigt«, argumentiert Busch.

Iwan Demjanjuk, geboren 1920 nahe Kiew, geriet 1942 als sowjetischer Artillerist in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er entschied sich zur Kooperation mit den Deutschen, wurde in einem SS-Lager in Trawniki bei Lubmin ausgebildet und kam Anfang 1943 als Aufseher ins Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen. Später war er Wachmann im KZ-Flossenbürg. Nach dem Krieg lebte Demjanjuk in Bayern, arbeitete für die US-Armee und übersiedelte als John Demjanjuk 1952 problemlos in die USA.

Irrtümlich für einen anderen KZ-Mörder gehalten, wurde er in Israel zum Tode verurteilt. Nachdem der Irrtum erkannt worden war, kehrte er 1993 als Staatenloser in die USA zurück, wo er bei seiner Familie in Seven Hills bei Cleveland im Bundesstaat Ohio lebte.

Die Ausbürgerung enttarnter Täter ist nur eine juristische Notlösung. Denn die eigentlichen Verbrechen kann die US-Justiz nicht ahnden, da die Täter zum Zeitpunkt ihrer Vergehen noch nicht US-Bürger waren, die Taten nicht in den USA begangen wurden und die Opfer keine US-Bürger waren.

Noch immer findet das vor 30 Jahren gegründeten Office of Special Investigations Nazitäter in den USA. Im März wurde Josias Kumpf, ehemaliger KZ-Wächter in Sachsenhausen, nach Österreich abgeschoben. Im September 2007 überstellte man den KZ-Aufseher Peter Hartmann nach Deutschland.

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