Werbung

»Wolfshaut auf der Zunge«

Berliner Ensemble: Andrea Breth inszenierte »Blaue Spiegel« von Albert Ostermaier

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Schweigen im Walde. Das sind die ersten Worte der Aufführung. Es wird zuvor lange geschwiegen, sehr lange (das Husten im Zuschauerraum kann sich unangenehm ungeniert emanzipieren), der Wald aber für das Schweigen ist – weiß, die totale weiße Leere als Blend-Werk: Er und Sie sitzen nämlich in einer ausgeräumten, nacktgrellhellen Wohnung, in beider Rücken nur ein Heizkörper, über ihnen das schwarze Loch eines Fensters. Schlüsselübergabe. Letztes Sit-in einer gescheiterten Ehe?

Jetzt könnte ein Edward Albee beginnen, ein August Strindberg, eine Yasmina Reza, es beginnt ein Albert Ostermaier: »Blaue Spiegel« am Berliner Ensemble. Wieder hat Andrea Breth (Bühne: Raimund Orfeo Voigt) die Uraufführung eines von Ostermaiers Stücken übernommen, wieder bekennt sie sich zu verclipter Dramatik, zu Texturen aus Sound und surrealen Fetzen, zu Dialogformen einer oft rätselhaft bleibenden Selbst-Anrede der Figuren. Sprache als Rumor, der weniger ausgeatmet, eher eingesogen wird, wie ein Rauschmittel – dem als Wirkung aber nur immer neue Ernüchterungsschübe abzuringen sind. Er und Sie, Jack und Sybel, geraten aus ihrem gestammelten Schweigen hinein in die Selbstprüfung durch böse, brutale, blutrünstige, das Bewusstsein quälende Traum- und Albtraumbilder.

Um es gleich zu sagen: Wenn man ins Theater aus jenen medialen Bedrängungen draußen kommt, die derzeit mit dem Wort »Krise« verbunden sind, dann wirken diese knappen zwei Stunden wie eine Abschweife ins arg Private, von der man zunächst nicht weiß, ob sie wohl- oder wehtut. Wo man doch tagsüber so mit den Mühen beschäftigt ist, die eigene Weltbeholfenheit nicht zu verlieren, fühlt man sich plötzlich auf einen Befindlichkeitskurs gesetzt, der merkwürdig abseitig scheint. Zweier-Psycho-Trip. Gespensterbahnfahrt im Seelenlabyrinth. Aufmischung des Unterbewusstseins. Keine Couch auf der Bühne, aber über allem thront doch Sigmund Freud.

So leer die Bühne ist, jedes Wort, jedes Bild baut neue Türen, und die Schlüssel werden nicht mitgeliefert. Jede Szene endet in einem knalligen Black, und in diesen eher kurzen Schlaglichtern durchmischen sich Posen, Monologe, Wiederholungen, Off-Töne, statuarische Symbolismen aus Märchen- und Mythenwelt. Aus einem blauen Müllsack werden blutige Stümpfe geholt; in einer Badewanne klingt das Abrubbeln eines Körpers wie eine Säge; Rotkäppchen trägt eine weiße Kappe; der Mann stammelt Kleinstkinderworte; aus Küssen werden Bisse; Gespräche verlieren den Faden, der als Blut aus einem Mund rinnt; ein Finger dringt hart in eine Auge ein, das natürlich seinen Platz räumt; ein Sandhaufen wirft sich auf und gesteht seine Erstickenslust auf Menschenleiber; die (Schwieger-)Mutter (Elisabeth Orth) – doppelte Gefahr als Domina und erotisches Altersversprechen (»so eine quatscht nicht mehr so viel«), und zudem der Beweis, dass auch in der Großmutter der Wolf stecken kann. Larissa Fuchs und Laura Tratnik sind im fünfköpfigen Spieltrupp die Gestalten für die kindlichen Ursprünge und jenen jugendlichen Mädchenfrauenreiz, der Blaubärte anlockt ...

Das alles macht diesen Abend anstrengend, zieht ihm als Skelett eine gewisse Eintönigkeit aus fortwährender Verschlüsselung ein, seine Aura kommt nicht, aber: Sie sickert. Das hat die (wenn man offen bleibt: bedrohliche) Aufführung vom Blut gelernt oder von etwas Anderem, das tief im Menschen auf seine Stunde lauert.

Aus dem Schweigen wird zwischen Ihm und Ihr eine höllische, unwirkliche, im Spiel gezeigte, aber in der Realität unausgesprochen bleibende Begegnung mit jenem Januskopf, den wir alle vor der Welt verstecken. So wie Blaubart seine Geheimniskammer hat, so haben wir solche Kammern in uns. Sind Fantasten ungelebter Gewaltträume. Werden täglich insgeheime lustvolle Verräter an der Anständigkeit, die wir doch mitunter nur lügen. Sehnen uns nach dem bösen, rücksichtslosen Leben – das wir den Regeln der Sittlichkeit opfern.

Er, dieser Jack, spricht von einem Ich, das sich rasiert, und von der anderen Hälfte Ich, der die Stoppeln aus dem Gesicht ragen. Wildnis und Zivilisation – und der Gedanke daran, dass kein Mensch ahnt, was sich möglicherweise in ihm, und damit über ihm, zusammenbraut – während er noch meint, ein ganz gewöhnlicher Bürger zu sein. Wie allein ist jeder mit dem, was er wirklich sein will? In welchem Maße ist Nähe zu einem anderen Menschen wahrhaft – Nähe? Und bleibt es nicht ein Heil, einander nicht wirklich nahe zu kommen, so eng man auch miteinander lebt? Alle Liebe nur eine Stammesgeschichte der Vortäuschungen? Vielleicht. »Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.« Büchners Danton. Ostermaier, Breth, die Schauspieler: Arbeit an dem, was wir lieber für unsagbar halten.

Der Motor der Bedeutungsschwere rast, der Symboltank: übervoll. Wolfgang Michael ist Jack, in blauer Hose (Blaubart!), »die Wolfshaut auf der Zunge«, wie Ostermaier in einem Gedicht zum Stück schreibt; ein Vampir des Vulgären, im blubbernd-raunzigen Männlein, im rüde nölenden Phlegmatiker steckt ein rünstiger Sexist. Die wunderschöne Corinna Kirchhoff, schwarzbestrumpft, balanciert berückend an den Grenzstellen zwischen bürgerlicher Selbstbeherrschung und lasziven Sprüngen ins Ungezügelte.

Ihre beste Szene haben beide bezeichnenderweise dann, als Sie versucht, Ihn aus der Verklemmungsöde der verschliffenen Langzeitbeziehung noch einmal – als sei man wieder an einem Beginn – ins (sexuell) Offene eines kopffreien Abenteuers zu locken. Die Logik des Krampfes: nur eine komische Nummer. Der Szenenapplaus an dieser Stelle wirkte wie ein Erlösungssignal des Publikums, einige Momente metaphernfrei geschaut haben zu dürfen.

Nächste Vorstellung: 28. Mai

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!