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»Die Krise heißt Kapitalismus«

Verschiedene Sichten, ein gemeinsamer Weg und die Forderung nach Gerechtigkeit

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Das hat die Erwartungen des Deutschen Gewerkschaftsbunds deutlich übertroffen: 50 000 Teilnehmer hatte man bei der Großdemonstration am vergangenen Samstag in Berlin erwartet, gekommen waren doppelt so viele.

Schon bei der Fahrt mit der Rolltreppe vom Berliner Hauptbahnhof sieht man das bunte Fahnenmeer der Gewerkschaftsdemonstration. Man wird empfangen von eifrigen Flugblattverteiler von klassenkämpferischen Grüppchen und Kleinparteien. Draußen lautes Getriller und Gerassel, während auf der eigens aufgebauten Bühne internationale Gewerkschafter ihre Grußworte an die Menge richten. »Bei der Lösung der Krise müssen die Menschen an erster Stelle stehen«, fordert ein tschechischer Kollege, und ein Schweizer wettert, dass Beschäftigte wie Rentner um die Früchte des Aufschwungs betrogen worden seien, während eine kleine Minderheit sich die Profite in die Tasche gesteckt habe.

Vor der Bühne steht ein Trupp polnischer Solidarnosc-Kollegen, die nach Berlin gereist sind. Dahinter die Fahnen der IG BAU und der Metaller, auch ver.di und die GEW sind vertreten, ab und zu leuchtet blau dazwischen eine Transnet-Fahne, der Bahngewerkschaft, die dem DGB angeschlossen ist. Das breite Spektrum der Gewerkschaften ist vor Ort, dazu einige Erwerbsloseninitiativen, auch LINKE-Fahnen wehen.

»Die Krise heißt Kapitalismus«€, ist auf einem der zahlreichen Transparente zu lesen, die die Leute mitgebracht haben. Gleich mehrere tragen Schilder, die aufgemacht sind wie eine Todesanzeige in der Zeitung. Der Verstorbene: ebenfalls der Kapitalismus. »Seine Zeit war gekommen«€, heißt es. Die Krise hat Kapitalismuskritik wieder salonfähig gemacht.

Am Breitscheidplatz in der Nähe des Zoos ist eine große Bühne aufgebaut, wo eine Berliner Band gerade ein Stück gegen Rassismus, Abschiebungen und Passkontrollen spielt. Leute von der ver.di-Jugend sind in riesige Kartonquader geschlüpft. »Ich bin reif für eine andere Gesellschaft«, steht drauf. In ihren sperrigen Outfits hasten sie über den Bürgersteig, um ihre Position im Demonstrationszug ausfindig zu machen.

Am Breitscheidplatz haben sich neben den Gewerkschaften auch linke Initiativen versammelt, die sich mit eigenen Inhalten in die Gewerkschaftsdemonstration einbringen wollten. Sie fordern eine soziale Revolution angesichts der Krise oder zumindest Klassenkampf statt Wahlkampf. Ihre Reihen sind überschaubar. Offenbar hält sich bei den Linken die Lust in Grenzen, gemeinsam mit dem DGB auf die Straße zu gehen.

Ein paar Leute sitzen in Liegestühlen, die jemand auf dem Bürgersteig aufgestellt hat. Dort sitzt auch Armin, der seit 1990 Gewerkschafter ist. Er ist aus Hildesheim angereist. Auf die Frage, wie es nach den Protesten vom Wochenende weitergehen solle, erzählt der GEWler vom Bildungsstreik, den seine Gewerkschaft gerade organisiert.

Endlich geht es los. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach gibt den Startschuss für die Demo. Mittendrin auch Sven Berg, Jugendsekretär bei der IG Metall in Jena, Saalfeld und Gera. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli, auf dem in gelben Buchstaben »Operation Übernahme«€ steht. Das sei Teil einer Kampagne der IG Metall, erzählt er. Gefordert würde damit die unbefristete Übernahme von Azubis nach Ende der Lehre. Einen Masterplan gegen die Krise hat auch er nicht. »Die ersten, die jetzt entlassen werden, sind Leiharbeiter und befristet Beschäftigte«, sagt Berg. »Deswegen sagen wir: Gebt den Leuten eine Perspektive und sichere Jobs.«€ Denn nur wenn die Leute Arbeit hätten und gute Löhne erhielten, könne jetzt auch die Binnennachfrage angekurbelt werden. Stefan Müller von der anarchosyndikalistischen Freie ArbeiterInnen Union (FAU) sieht die jetzige Krise nicht nur als temporäres Phänomen, sondern als »dem Kapitalismus immanent«€. Die Gewerkschaften dürften es jetzt keinesfalls bei bloßen Forderungen an die Politik belassen. Nach seiner Ansicht müssten sie stattdessen »ökonomische Verbesserungen für ihre Mitglieder durchsetzen«. Nur so könne verhindert werden, dass den Beschäftigten die Krise aufgebürdet wird. Müller befürwortet einen Generalstreik als wirkungsvolles Mittel, politische Forderungen durchzusetzen. »Aber davon sind wir noch meilenweit entfernt«€, weiß er.

Mittlerweile ist der Demozug an der Siegessäule angekommen, wo von der Bühne herunter gerade DGB-Chef Michael Sommer vehement fordert, dass die Verursacher der Krise auch die Kosten dafür zahlen sollen. Später redet auch der erste IG Metall-Vorsitzende Berthold Huber. So anders als die Forderung des Anarcho-Gewerkschafters ist seine eigene scheinbar gar nicht. »Der Protest muss jetzt in die Betriebe getragen werden«€, schallt es über die Straße des 17. Juni, über Würstchenbuden und Bierstände hinweg. »Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz.«

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