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Hin zur Moderne

Berlin: Deutsches Sinfonie Orchester

  • Von Liesel Markowski
  • Lesedauer: 3 Min.

Es sind nicht zuletzt Mut und Fantasie zu eigenwilligen Programmen, die Ingo Metzmachers Konzertangebote interessant werden lassen. Als Chefdirigent des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin hat er durch besondere Wahl musikhistorischer »Nebenfelder« zum erweiterten Hörverständnis in Richtung Neue Musik beigetragen. Dass Metzmacher, wie verkündet, nun wegen dringender Besetzung offener Musikerpositionen und strittiger Auseinandersetzung mit der verwaltenden Institution ROC sein Amt vorzeitig beendet, ist zu bedauern.

Dazu gibt schon ein zentraler Programm-Komplex der laufenden Saison Anlass. Unter dem Thema »Aufbruch 1909« sind Musiken vereint, die vor 100 Jahren zu ästhetischen Veränderungen auf dem Weg zur Moderne drängten. Einen »goldenen Moment« nennt Metzmacher Arnold Schönbergs Sprung aus der Tonalität zur Zwölftontechnik und zu deren gestalterischen Freiheiten. Im Komplex von sechs Konzerten erklingen Stücke aus dem Umfeld des beginnenden 20. Jahrhunderts, mündend in Schönbergs Monodram »Erwartung« und Mahlers »Lied von der Erde«, gleichsam Grenzwerte des Aufbruchs.

Einer der jüngsten Themenabende im Großen Saal der Philharmonie führte in weitgehend unbekannte Sphären: Kompositionen sämtlich um das Aufbruchsdatum entstanden und per Riesenbesetzung in überbordender sinfonischer Gestik wirkend. Es sind gewissermaßen Psychogramme künstlerischer Selbstsuche in den Widersprüchen dieser Zeit: Werke von Franz Schreker, Rudi Stephan, Ferruccio Busoni, Max Reger stehen mit ihrer ausufernden orchestralen Expression am Rande des bis dato tonal Möglichen. Sie scheinen getrieben von pathetischer Sehnsucht nach erfülltem Leben. Der Geist von Fin de siècle, Jugendstil, Psychoanalyse mögen Einfluss darauf gehabt haben. Eine schwierige orchestrale Aufgabe, aber auch hoher Anspruch, sich heute fremder Ästhetik zu nähern.

Man musste sich den teilweise gigantischen Tongemälden stellen. So Franz Schrekers »Nachtstück«, einem reinen Instrumentalpart aus seiner Oper »Der ferne Klang«. Changierende Opulenz im Wechsel von fulminanten Ausbrüchen und feinem Piano mit Tupfern von Harfe und Celesta. (Schreker wurde von den Nazis verfolgt, totgeschwiegen – derlei Wiederaufführung ist schon deshalb begrüßenswert.) Die »Musik für Orchester« von Rudi Stephan ist eines der wenigen erhaltenen Werke des 1915 im Ersten Weltkrieg 28-jährig gefallenen Komponisten. Diese Musik offenbart seine Begabung und die Tragik der Zeit in leidenschaftlichem Temperament und fast theatralischer Deutlichkeit von »Szenen« (gleich Sätzen). Herausfallend: zarte Soli und Fortissimi für Orgel oder Blech.

Angenehmen Wechsel ins Leise, Durchsichtige brachte die »Berceuse élégiaque« von Ferruccio Busoni, ein Wiegenlied am Sarge seiner Mutter. Bewegende Trauermusik, mit offenem Ende.

Attacca folgend: Max Regers »Symphonischer Prolog zu einer Tragödie«. Da gibt es kein literarisches Vorbild, vielmehr ist wohl das sinfonische Kraftstück selbst die Tragödie: Leidenschaft, bombastisches Pathos geben den kompakt gezeichneten Ton an. Schwer zu akzeptieren, obwohl das Orchester engagiert bei der Sache war.

Wie bei allen Stücken brachten die Musiker unter Metzmachers konzentriertem, durchsichtigem Dirigat ihre Spiel- und Klangkultur bestens zur Geltung.

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