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Am Strand der Götter

»Prometheus« von Aischylos in der Agora der Berliner Volksbühne

Am Strand der Götter

Gleich vor den geschlossenen Türen der Volksbühne steht nun ein Amphitheater. Drinnen ist Baustelle. Für draußen hat Bert Neumann aus grob gezimmerten Brettern eine Freiluftbühne entworfen. Sie signalisiert dem Berliner Himmel: Hier ist auch Baustelle.

Dimiter Gotscheff kennen wir als einen Meister des reduzierten Bildes. Da werden die Worte auf eine ganz eigene Weise gewogen. Heraus kommen zumeist tragikomische Übergangswelten. An der Volksbühne begeisterte er mit Tschechows »Iwanow«, auch mit »Uebukönig« nach Alfred Jarry. Einen Stoff der griechischen Mythologie setzte er am Deutschen Theater mit »Die Perser« auf großartige Weise ins Blut-Bild, das die Menschheitsgeschichte vor allem ist.

Nun das Marktplatz-, das »Agora«-Spiel unter freiem Himmel, umgeben von einem hohen Bauzaun. Der Raum ist hier ein nach oben offener: hoch, beängstigend hoch, sollte man sagen – unendlich? Vom Rosa-Luxemburg-Platz klingt Verkehrslärm herüber. Eine Insel in unruhiger See. Ideal für den Mythos des Prometheus, wie ihn Aischylos dramatisierte und Heiner Müller übersetzte. Theoretisch zumindest.

Aber der Vorzug des Mythos – und die Zumutung – ist ja, dass man ihn nicht bloß theoretisch abhandeln kann, dass er, um zu leben, uns seine Geschichte erzählt. Prometheus verkörpert die Urgeschichte der Menschwerdung. Der Götterversucher als Provokateur von unten raubt Zeus die Allmacht, bringt den Menschen das Feuer. Dissident aller höheren Macht, der er dennoch ausgeliefert bleibt.

Mark Lammert hat auch diesmal eine Bühne entworfen, die Gotscheff an Minimalismus noch zu überbieten versucht. Sand und mittendrin ein hoher gelber Pfahl. Halb Fingerzeig des Himmels, halb Fahnenstange. So sieht sie aus, die Bühne für die immer noch andauernde Menschwerdung: fast schon fröhliches Beachvolleyballfeld, immer noch indoktrinärer Appellplatz. Darauf der Stürmer und Dränger Prometheus, durch sein Handeln schuldig geworden, weil er immer zu hoch hinaus will.

Prometheus ist gewissermaßen der Frontmann des homo politicus, der erst handelt und dann (vielleicht) denkt. Einer, der andere mit seinen Reden schnell ermüdet.

Das gleichsam ins Offene hinein zu spielen, sich dabei ganz dem Text zu übergeben, es erforderte einen besonders artistischen Typus Darsteller. Doch die großartigen Samuel Finzi und Wolfram Koch, mit denen Gotscheff in seinen letzten Inszierungen Neuland betrat, sie fehlen diesmal. Und das wird spürbar.

Gleich am Anfang schleudert uns Hephaistos sein Elend entgegen. Leider versteht man Frank Büttner, dieses Relikt aus einer Zeit, als man an der Volksbühne stolz auf jeden Dilettantismus war (wenn er nur begeistert genug daher kam), fast nicht in seinem kehlig-krächzenden Jammer.

Wie fern uns diese griechische Göttermetaphorik doch inzwischen ist! Sie transportiert nichts mehr, ohne dass man sie zugleich selbst erklärt. Das erhöht den Schwierigkeitsgrad. Franz Fühmann hatte den »Prometheus« für Kinder nacherzählt, damit diese früh in jene Bilderwelten eintreten, die uns der Polytheismus hinterließ – eben weil es Geschichten aus der Kindheit menschlicher Kultur sind.

Max Hopp ist Prometheus. Im kunstvoll zerlöchertem roten T-Shirt brüllt er beharrlich den Himmel an. Der schweigt. Nur einige Krähen auf Schlafplatzsuche antworten. Auch dieser Prometheus ermüdet seine Zuhörer. Sein Ausschöpfen-Wollen des Leidens bis auf den Grund, dort, wo sich die Wahrheit zeigt, bleibt eine Behauptung. Die Klage verschluckt der Straßenlärm. Gerade weil Prometheus ein so eindimensionaler Stürmer und Dränger ist, sollte man ihn wohl nicht so monoton urviehhaft spielen. Thorsten Merten versucht als Einziger, seinem Okeanos eine Art doppelten Boden aus Ironie und Pathos zu geben. Als er vom Dach eines Baucontainers die Treppen herabeilt: »Ja, ja, ja, ich bin da!« Womit er auch nur seine Abwesenheit signalisiert.

Sebastian König spielt ein Volk, das immer devot umherhuscht, den Blick gen Himmel in Erwartung einer Götterstrafe. Neues vom Ein-Mann-Chor? Eher eine Reminiszenz an jene alte Zeit, als man über Götter an Castorfs Volksbühne nur in Form von – meist dem Gegenüber ins Gesicht geworfener – Götterspeise reden wollte. Lang ist es her. Inzwischen hat die Sinnkrise das Haus an seiner empfindlichsten Seite getroffen: dem Kunstsinn, den man hier zu lange als bürgerliche Chimäre missachtete, um nun glaubhaft dessen Ohnmacht einer rüden Realität gegenüber beklagen zu können.

Götterbote Hermes (Trystan Pütter) kommt daher als ein schmierig lächelnder Vertreter. Das scheint verfehlt, denn Hermes ist schließlich jener Götterbote, der uns das zu zeigen hilft, was wir sonst ausdruckslos erdulden müssten. Er ist so unrein wie alle Kunst, die sich der Wirklichkeit aussetzt.

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