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Zuspruch antizyklisch

Snow Patrol morgen in der Columbiahalle

Wollte man einmal den Konjunkturverlauf einer Band wie Kursverläufe an der Börse mit den Erwartungen von Fans vergleichen, wäre der bei einer Gruppe wie Snow Patrol sicherlich antizyklisch. Das heißt, wie bei so vielen anderen Bands auch, die Erfolgskurve steigt noch an, wenn die künstlerischen Qualitäten ausgereizt scheinen. Das kann man im Falle von Snow Patrol daran festmachen, dass ihre Erstveröffentlichungen von 1998, »Songs For Polarbeers« und »When It's All Over We Still Have To Clean Up« von 2001 keinen Charterfolg zeitigten und nur eine kleine Fanschar ergaben.

2004 zogen Snow Patrol mit ihrem dritten Album »Final Straw« im wahrsten Sinne des Wortes den »letzten Strohhalm« – und sie gewannen, obwohl sie nach drei Jahren ohne Plattenvertrag schon voller Selbstzweifel und Auflösungsgedanken waren. Ausgekoppelte Singles wie »Run«, »Chocolate« oder »Spitting Games« ließen ihren Kurs mit über 3 Millionen verkauften Einheiten nach oben steigen – aber natürlich nur in England.

Richtig steil schlugen die Ausschläge nach oben aus, als die Band mit »Eyes Open« 2006 ihr Meisterwerk veröffentlichte. Hier dominieren perfekte Arrangements, herzergreifende Melodien, Songs mit dem richtigen Druck und ausbalancierter Härte, keine Effekthascherei. Wo manche Bands davon träumen, jemals einen einzigen Über-Song zu schreiben, packten Snow Patrol hier ein ganzes Album damit voll. Das Album erreichte in England schon wieder eine Top-Ten-Platzierung, doch in Deutschland hatte man bis dato von der Band praktisch nichts gehört.

Es bedurfte erst der Singleauskopplung »Chasing Cars«, um durch penetrantes Airplay und Werbung im November 2007 endlich einmal die Aktien der Gruppe in der BRD steigen zu lassen. Nach einem Kursfeuerwerk, das in Europa und den USA hohe Chartplatzierungen einbrachte und über vier Millionen verkaufte CDs nach sich zog, legten die fünf Musiker aus Glasgow und Belfast zwei Jahre später mit »A Hundred Million Suns« jetzt ein Album nach, das nicht im entferntesten an »Eyes Open« heranreicht.

Ihre Tendenz zur Indifferenz und Beliebigkeit, wie schon auf »When It's All Over«, bricht hier durch. Die Lieder sind einem Stil und einem Sound untergeordnet, der mit Hilfe von Gary Lighbodys Stimme nur noch schön und einschmeichelnd klingen soll, ohne dass das Songmaterial wirklich stark ist. Dennoch wird wegen der Erfolgswelle, auf der Snow Patrol seit nunmehr zwei Jahren schwimmen, das Konzert am Samstag, 23. Mai in der Columbiahalle gut gefüllt sein.

Snow Patrol, das muss betont werden, ist eine von den »guten« Bands. Sie haben sich einen Nimbus erspielt, der erst einmal trägt, einen Sound gefunden, der massenkompatibel ist. Doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Truppe mit »A Hundred Million Suns« ihren Zenit bereits überschritten haben, dass Innovationskraft und musikalische Potenziale ausgereizt sind und sich die künstlerische Kurve nach zwölf Jahren nach unten neigt – obwohl der Zuspruch noch steigt.

23.5., 19 Uhr, Columbiahalle

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