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Fünf Familien brauchen eine Bleibe

Zwei Wochen lagerten Roma am Görlitzer Park / Kreuzberg sucht eine »politische Lösung«

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.
Roma behandelt wie Schwerkriminelle auf der Wiener Straße. Screenshot: privat
Roma behandelt wie Schwerkriminelle auf der Wiener Straße. Screenshot: privat

»New Yorck«, Mittwochnachmittag: Im Südflügel des Kreuzberger Künstlerhauses Bethanien ist es noch ein bisschen bunter als sonst. Im Hof und auf den Fluren des Baus, der vor einigen Jahren von linken Initiativen besetzt wurde und nun von diesen gemietet wird, toben Kinder mit schwarzen Haaren und einem dunklen Teint. Seit Dienstag lebt hier eine rund 50-köpfige Gruppe Roma, die zuvor einige Tage am Rand des Görlitzer Parks gelagert hatte. Bis sie die Polizei am Dienstagmorgen unsanft aufscheuchte.

Im Projektehaus am Mariannenplatz endet vorerst die Reise der fünf Familien, die mit wenig Habe in Rumänien aufgebrochen sind, um ihr Glück in der Ferne zu suchen. Sie wollen Unterkünfte, Arbeit und die Kinder zur Schule schicken, sagen sie. Doch davor steht eine zweite Reise an: durch die Berliner Bürokratie. Deren erste Etappe beginnt am Mittwoch im Versammlungsraum des »New Yorck«: Vertreter des Hauses, der Roma, des Jugend- und Sozialamts und einer Unterstützergruppe, die sich am Dienstag zusammenfand, sitzen im Kreis und beraten. Etwas später kommt die Linkspartei-Abgeordnete Evrim Baba dazu.

Es geht um »Freizügigkeitsbescheinigungen«, um die Frage, ob Ansprüche ans Jobcenter bestehen – und wer eigentlich zuständig ist. Was kann die Jugend- und Sozialbehörde unternehmen? Welche Senatsverwaltung ist gefordert? Herr David, Leiter des Kreuzberger Sozialamts, sieht sich vom Gesetz her die Hände gebunden. Eigentlich sei allenfalls eine »Hilfe zur Rückkehr« möglich. Gunther Hagen, zuständiger Regionalleiter des Friedrichshain-Kreuzberger Jugendamtes, will bei seinen Recherchen erfahren haben, das Stadtentwicklunsgressort sei in einem solchen Fall am Zug. Evrim Baba widerspricht: Unterkunftsfragen lägen bei der Sozialsenatorin, die bereits informiert sei. Das »New Yorck« wünscht derweil das Ende des Provisoriums: »Wir sind am Rand unserer Kapazität.« Einig sind sich alle, dass »eine politische Lösung« her müsse.

Eigentlich sollte die Notunterbringung schon heute enden, nun hat man sich auf Montag vertagt. Ein Runder Tisch soll dann über den nächsten Schritt befinden. Immerhin will das Jugendamt für einen sprachkundigen Betreuer sorgen. Der soll als Vermittler fungieren, vor allem aber die 15 Kinder im Auge behalten.

Mit der Sorge über deren Wohl hatte die Kiez-Affäre am Dienstag nämlich begonnen, zumindest laut Polizei. Es hätten Anzeigen über Kindeswohlgefährdung vorgelegen, man habe einschreiten müssen. Dabei gingen die Beamten aber wenig sensibel und schlecht koordiniert vor. Ein Mitarbeiter des Jugendamts betont gegenüber ND, dass die Behörde über den Polizeieinsatz erst nach dessen Beginn informiert worden sei – diesen also nicht ausgelöst habe, wie Boulevardblätter schrieben.

Nach Angaben einer Anwohnerin, die den Polizeieinsatz gefilmt hat, begann die Aktion mit der rüden Festnahme des Anführers der Gruppe. Der Mann, der sich Viktor nennt, wurde in Handschellen abgeführt. Auf dem Band ist zu sehen, wie sich Polizisten abklatschen, als hätten sie ein Tor geschossen – während daneben die Kinder weinen. Schon in den Nächten zuvor hätten Polizisten die Schlafenden aufgeschreckt: »Sorge um Kinder sähe anders aus.«

Gegen das Gruppenoberhaupt lag offenbar nichts vor; kaum hatte eine Passantin eine Anwältin angerufen, wurde er entlassen. Auch ein beschlagnahmtes Auto musste ohne Weiteres freigegeben werden. In Viktors Abwesenheit wollte sich die Gruppe auf nichts einlassen; erst mit seiner Rückkehr wurde die Stimmung am Dienstag konstruktiv. Engagierte Bürger vermittelten schließlich die Notlösung am Mariannenplatz .

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