Von Jörg Meyer

Räumung der Brunnen 183 am 18. Juni

Keine Lösung mehr für Wohnprojekt / Parallel viele linke Veranstaltungen in der Stadt

So könnte es bald wieder aussehen: Polizeieinsatz auf der Brunnenstraße am 1. August 2007. ND-
So könnte es bald wieder aussehen: Polizeieinsatz auf der Brunnenstraße am 1. August 2007. ND-

Die Rettungsversuche und Bemühungen waren vergebens. Nun ist es amtlich: Das linksalternative Wohnprojekt Brunnenstraße 183 ist am Ende. Wie die Bewohner und Bewohnerinnen am Dienstag erfuhren, soll am 18. Juni ab 7 Uhr geräumt werden. Räumungstitel für zehn Wohneinheiten – rund zwei Drittel des Hauses – wurden zugestellt, hieß es in einer Mitteilung. In Zusammenhang mit den übrigen Wohnungen waren keine Gerichtsverfahren anhängig. Dennoch befürchten die Bewohnerinnen und Bewohner, dass gleich das gesamte Haus geräumt wird.

Der Umsonstladen im Erdgeschoss des Vorderhauses ist ebenfalls betroffen. Eva Conrad, die ehrenamtlich in dem Laden arbeitet, hat am Mittwochmorgen davon erfahren. Im Umsonstladen will sie sich mit ihren KolllegInnen »so schnell es geht« versammeln und beraten, wie sie die Zeit bis zum 18. Juni nutzen, sagt sie. »Wir überlegen, ob wir bis dahin jeden Tag geöffnet haben und so ein Anlaufpunkt für Unterstützer sein können.« Außerdem müsse beraten werden, ob man parallel bereits nach Ersatzräumen sucht.

Der nun bevorstehenden Räumung waren jahrelange Bemühungen von Landes- und Bezirkspolitikern vorausgegangen. Der Passauer Arzt Manfred Kronawitter kaufte das Haus im Frühjahr 2006. Er will dort ein Mehrgenerationenhaus verwirklichen, wäre aber auch bereit gewesen, ein anderes Grundstück in Mitte zu nehmen und die »Brunnen 183« den Bewohnern zu verkaufen Der von Bezirk, Bewohnern, Eigentümer und Senatsverwaltungen ausgehandelte Kompromiss, der das Wohnprojekt gerettet hätte, wurde vom Finanzsenat blockiert. Der weigerte sich, Kronawitter über den Liegenschaftsfonds ein Ersatzgrundstück an der Ackerstraße zu verkaufen. Stattdessen soll die Modedesignerin Jette Joop dort bauen. »Ich bedauere die Entwicklung sehr und habe mir für Mitte ein anderes Ergebnis gewünscht«, sagte Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD). Er sehe keine bezirklichen Möglichkeiten mehr, zu helfen.

Der Räumungstermin könnte in der Stadt für einigen Aufruhr sorgen. Zeitgleich finden die von der autonomen »Wir bleiben alle«- Kampagne (WBA) Aktionstage statt, zu denen international mobilisiert wird. Für den 20. Juni ist eine Besetzung des ehemaligen Flugfeldes am Flughafen Tempelhof angekündigt. Auf der Website der WBA-Kampagne wird bereits zu Aktionen am Tag der Räumung aufgerufen. »Kommt nach Berlin, seid vor Ort, macht Lärm, stiftet Unruhe!«

Zudem rufen die drei Universitäten, ein knappes Dutzend Hochschulen und viele Schulen zum Bildungsstreik vom 15. bis 19. Juni auf. Auch hier reicht das Spektrum der beteiligten Gruppen von moderat bis linksradikal. Für die Verbesserung des Bildungssystems findet am 17. Juni eine Demonstration statt, die für 5000 Teilnehmer angemeldet ist. Die Polizei weiß von den Terminüberschneidungen. »Man muss dann im Einzelfall prüfen, wie mit den einzelnen Ereignissen umgegangen wird«, sagte ein Sprecher. Für genauere Planungen oder Überlegungen, ob die Räumung verschoben wird, sei es aber noch viel zu früh.

Die letzte große Häuserräumung in Berlin war 2005. Damals wurde das seit 1989 bestehende Kreuzberger Wohnprojekt Yorck 59 mit vielen Festnahmen und hohem Sachschaden in der Innenstadt geräumt. Heute sind dort teure Lofts.

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