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Gröblicher Rufmord an von der Gröben

Wie eine Straßenumbenennung in Berlin politisch, aber nicht historisch korrekt erfolgte

  • Von Ulrich van der Heyden
  • Lesedauer: 5 Min.
Seit Mitte des Jahres 2007 bemühte sich die Fraktion der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Berlin-Friedrichshain/Kreuzberg darum, das dort gelegene Gröbenufer umzubenennen. Denn, so meinte man zu wissen, der Namensgeber des Ufers sei – wie auch die »Berliner Zeitung« am 22. April dieses Jahres titelte – ein »Sklavenhändler«. Dieser Tage nun ist die Umbenennung beschlossen worden. Historisch korrekt?
Am 12. Juni hing noch das alte Schild
Am 12. Juni hing noch das alte Schild

Zunächst musste, um die Gegner und Zögerer einer Umbenennung zu überzeugen, geklärt werden, ob diese Uferstraße in Berlin tatsächlich nach dem Afrikareisenden und Gründer der brandenburgischen Handelskolonie Großfriedrichsburg im heutigen Ghana, Otto Friedrich von der Gröben, benannt worden ist und nicht nach Karl von der Gröben, dem preußischen Generalleutnant und späteren Generaladjutanten des preußischen Königs, der an der blutigen Niederwerfung des pfälzisch-badischen Aufstandes von 1848 führend beteiligt gewesen war und eigentlich schon lange nicht mehr in das Straßenbild eines modernen Berlins passte.

Otto Friedrich von der Gröben
Otto Friedrich von der Gröben

Nachdem lange Zeit keine kompetente Persönlichkeit aufgetrieben werden konnte, welche die Frage des namentlichen Ursprungs hätte klären können, kam einem Lokalpolitiker der Gedanke, dass es nicht nur mehr oder minder zuverlässige Nachschlagewerke über die Berliner Straßennamen gibt, sondern in der deutschen Hauptstadt auch drei Universitäten, an denen Historiker ausgebildet werden und beschäftigt sind und die wohl am kompetentesten Auskunft geben könnten.

In der Tat fand sich so ein mit den preußischen Verwaltungsregeln vertrauter Fachmann. Er konnte unzweideutig nachweisen, dass es sich durch Anweisung des deutschen Kaisers Wilhelm II. um Otto Friedrich von der Gröben gehandelt hat, der dem Kreuzberger Ufer den Namen gab. Doch jedem Historiker, der sich nur etwas mit der deutschen Geschichte zum Ende des 19. Jahrhunderts auskennt, wäre aufgefallen, dass die Namensgebung 1895 mit der zeitgleich veranstalteten Gewerbe- und dort integrierten Kolonialausstellung im Treptower Park zusammenhing. Und dass zu eben jener Zeit, als das Deutsche Kaiserreich propagandistisch-lauthals einen »Platz an der Sonne« forderte, das Überseeabenteuer des Großen Kurfürsten von 1681 bis 1717, welches Otto Friedrich von der Gröben eingeleitet hatte, in aller Munde war. Rührselige Theaterstücke wurden damals aufgeführt, unzählige Vorträge gehalten und zahlreiche Bücher und Artikel geschrieben.

Jedenfalls schienen alle Unklarheiten über den Namensgeber des Gröbenufers beseitigt zu sein, als die kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Elvira Pichler, am 22. April zu einer öffentlichen Sitzung des BVV-Ausschusses für Kultur und Bildung einlud. Mit der dort bekanntgegebenen Klärung des Namensursprunges waren eigentlich alle Voraussetzungen vorhanden, um den von einigen Berlinern Kolonialhistorikern seit mehr als zwei Jahrzehnten geforderten kolonialen Erinnerungsort zu schaffen. Und zwar, indem eine Straßenbezeichnung von einem Kolonialvertreter in einen zumindest antikoloniale Assoziationen hervorrufenden Namen geändert wird. Denn nach dem Begründer der ersten deutschen »Kolonie«, die damals noch eine brandenburgische bzw. ab 1701 eine preußische war, muss in Berlin wahrlich keine Straße heißen. Die Frage ist jedoch, war jener Otto Friedrich von der Gröben nun ein Sklavenhalter oder gar -händler, zu dem ihn gern einige BVV-Abgeordnete machen wollen?

Aufgrund intensiver Forschungen der letzten Jahre konnte festgestellt werden, dass jener ostpreußische Abenteurer zwar im Auftrag des Großen Kurfürsten die Festung und somit die brandenburgisch-preußische Kolonie Großfriedrichsburg gegründet hat, aber abgesehen davon, dass er derart die materiellen Voraussetzungen für den menschenverachtenden transatlantischen Sklavenhandel mit schuf, hatte er mit diesem persönlich nichts zu tun. Schon gar nicht als »Generalgouverneur«, wie es in einer Presseerklärung der Grünen-Fraktion hieß. Diesen Titel gab es nicht.

Auf der genannten Sitzung im Rathaus Kreuzberg referierte ein Historiker, der bislang zur Thematik nicht gearbeitet hatte. Er behauptete frei weg das Gegenteil des gesicherten Kenntnisstandes. Der wohl informierteste Fachmann für diese Fragen war zuvor schriftlich ausgeladen worden. So wurde aus einer kurfürstlichen Anweisung zitiert, die nicht Otto Friedrich von der Gröben von seinem Landesherrn mitgegeben worden war, sondern einem Schiffskapitän, der Sklaven erwerben sollte.

Es hat wenig mit dem von Frau Pichler geforderten »politischen Signal gegen Rassismus« zu tun, wenn Geschichte unzutreffend wiedergegeben wird. Wenn etwa von selbsternannten Experten die Vermutung ausgesprochen wird, dass der ostpreußische Adlige Sklaven von seiner Reise mitgebracht hätte. Und überdies behauptet wird, jene seien die ersten Afrikaner in Berlin gewesen. Wer sich mit der Thematik auskennt, wird hingegen wissen, dass erst nach Gröbens Rückkehr in seine ostpreußische Heimat die ersten Afrikaner aus Großfriedrichsburg nach Berlin gekommen waren – als hochgeschätzte Delegation. Die afrikanischen Abgesandten wurden mehrfach am Hofe des Kurfürsten empfangen, beschenkt und von den Berlinern mit Neugierde beobachtet. Sie kehrten bei nächster Gelegenheit in ihre Heimat zurück.

Otto Friedrich von der Gröben hingegen war zu jener Zeit bereits auf seinen Gütern in Ostpreußen und unternahm von dort einige abenteuerliche Reisen ins Mittelmeergebiet, trat in polnische Dienste, heiratete, zeugte 18 Kinder und schrieb seine Erinnerungen nieder. Seine »Guineische Reisebeschreibung« stellt heute eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte der europäischen Expansion in Westafrika dar.

Außer in seiner schriftstellerischen Tätigkeit beschäftigte er sich nicht mehr mit Großfriedrichsburg oder mit Afrika. Dies wurde ihm denn auch später, zur Zeit des Kolonialrevisionismus, also nach dem Ersten Weltkrieg bis hinein in die NS-Zeit, vorgeworfen. Man meinte, er hätte sich für den Fortbestand der preußischen Kolonie an Westafrikas Küste bei den Nachfolgern des Großen Kurfürsten einsetzen müssen. Er hat dies jedoch nicht getan und es gibt auch keine Belege darüber, dass er auf seinen ostpreußischen Gütern Sklaven beschäftigt hat. Es besteht also keinen Grund, ihn als »Sklavenhändler« zu bezeichnen.

Die Umbenennung des Gröbenufers als symbolischen Akt zur Distanzierung von Kolonialismus und Sklavenhandel, an denen Deutsche ihren nicht unbedeutenden Anteil haben, sei nicht beanstandet! An den subjektiven Handlungen der Person Otto Friedrich von der Gröben kann man dies jedoch nicht fest machen. Ein zutreffender symbolischer Akt wäre, die Namen des Auftraggebers der »Guineafahrt«, des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, von den Straßenschildern Berlins verschwinden zu lassen: Kurfürstenstraße, Kurfürstendamm, Kurfürstenallee.

Ende Mai nun wurde beschlossen, das Gröbenufer an der Spree in May-Ayim-Ufer umzubenennen, nach einer verstorbenen Berliner Dichterin, Pädagogin und Aktivistin der afrodeutschen Bewegung, die sich in den 1980er und 1990er Jahren, so die Begründung, wissenschaftlich, politisch und literarisch mit Kolonialismus und Rassismus in der bundesdeutschen Gesellschaft auseinandergesetzt hat. Dagegen ist nichts zu sagen. Es gibt in Berlin noch viel zu tun, noch zuviele belastete Namen im öffentlichen Stadtbild.

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