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Abenteuer in der Unterwelt

Höhler-Biennale Gera: UNTERwegS – Die Kunst der Installation

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Dr. Gitta Heil ist Projektleiterin der 4. Höhler-Biennale in Gera. Vom 24. Juni bis zum 31. Oktober macht das international beachtete Kunstereignis die Thüringer Großstadt zur »Hauptstadt der Installation«.
Abenteuer in der Unterwelt

ND: Gera lädt wieder zur Höhler-Biennale, bereits zum vierten Mal. Hört man Biennale, weiß man, es geht um Kunst. Aber was, bitte, bedeutet der Begriff Höhler?
Heil: Höhler sind quasi Wirtschaftslagerstätten, aber eben besondere, denn es sind keine Keller. Das Wort bezeichnet ein bis zu elf Meter tief unter der Geraer Altstadt liegendes Gänge- und Raumlabyrinth. Es entstand im 16. bis 18. Jahrhundert, wurde grundstücksübergreifend angelegt und diente überwiegend dazu, Bier zu lagern. Begehbar sind derzeit neun Kilometer.

Warum muss man denn unbedingt in solchen dunklen, sicherlich auch feuchten Räumen Kunst ausstellen? Gibt's nicht genug geeignetere Möglichkeiten?
Sie sind durchaus geeignet. Denn erst einmal geht es ja nicht wie beim Bierfass darum, Kunst zu lagern, sondern die Räume sichtbar zu machen. Unsere Höhler sind ja ein außergewöhnliches kulturelles Erbe, ein Baudenkmal, das aber meist verborgen bleibt. Es muss erhalten und genutzt werden. Mit ihm zu »spielen«, mit dem Ort in vielfältigen Dialog zu treten und seine spezifischen Möglichkeiten auszuloten, haben wir in diesem Jahr 47 Künstler gewonnen. Mit ihnen zusammen kann der Besucher die Höhler entdecken.

Eine Abenteuertour unter der Erde kann doch auch ohne Kunst auskommen?
Gewiss, aber hier wird dem Besucher eine besondere Intensität der Wahrnehmung ermöglicht, weniger der Höhler, der auch, aber vor allem der Kunst. Schon allein die Raumsituation erzeugt einen fast sakralen Eindruck und alle Sinne sind angesprochen.

Deshalb geben Sie der Installationskunst ein Podium in Deutschland?
Sie ist das Medium, das Sinnliches und Rationales, das heiß auch Erkenntnisprozesse, zusammenführt. Die Kunstwerke in den Höhlern sind exklusiv für diese konzipiert. Die Einmaligkeit des Untergrundes der Otto-Dix-Stadt Gera schafft die Möglichkeit, die künstlerische Idee mit besonderen Formen zu transportieren. Darin und dass die Höhler-Biennale ein wiederkehrendes Kunstereignis ist, eingeschlossen die Fachdiskussion auf einer Podiumsveranstaltung mit ausstellenden Künstlern, Kunstwissenschaftlern und -kritikern, erwächst ihre herausragende Bedeutung für die europäische Installationskunst.

Betrachten von Kunst bedeutet doch per se, dass man sich auf sie einlässt. Was macht Installationskunst so besonders?
Bei der Installation ist darüber hinaus Teilnahme des Betrachters möglich, die zu Vertiefung des Eindrucks führt. In den Höhlern sind Kunst-Räume gegeben, die auf ganz besondere Weise Überraschung bieten. Anders als unter musealen Gegebenheiten, in einer »gestylten« Galerie oder bei der faszinierenden Landart denkt der Besucher der Höhler immer auch die technischen und klimatischen Schwierigkeiten bei der Werkentstehung mit. Er ist ja selbst dem feuchten Luftklima ausgesetzt, tastet sich über unebenen Boden, an naturbelassenem Haustein entlang, erlebt die Enge, steht verblüfft vor Weggabelungen oder im Dunkeln mit irritierenden Lichteinfällen.

Also ist das eine Art Trainingsprozess, die reale Welt zu analysieren?
Ja, sie hat den schützenden und zugleich aktivierenden Impuls, wie er Symbolen eigen ist. Zumindest übergibt der Künstler seine Botschaftsabsicht an den Besucher weiter. Dieser muss sich mit Raum und Kunstwerk auseinandersetzen. Er ist sozusagen der unmittelbaren Wirkung des Kunstwerkes ausgesetzt. Er kann ihm nicht ausweichen. Erst beim Verlassen der fünf unterschiedlichen Ausstellungsorte, die jeweils Raum geben für fünf bis 15 Künstler, fügen sich wie ein Nachbild die gesehenen Installationen als Bausteine zu einem Gesamtgefüge der Ausstellung zusammen. Sehr hilfreich ist dazu auch der die Ausstellung begleitende Katalog.

Mit dem Biennale-Motto »UNTERwegS« wollen Sie auf das 90. Gründungsjubiläum des Weimarer Bauhauses anspielen. Inwiefern?
Ja, wir haben im Bauhausjahr 2009 dieses Motto bewusst gewählt. Bauhaus bedeutet für die Otto-Dix-Stadt Gera das Wirken Henry van de Veldes mit dem »Haus Schulenburg« (1913/1917), dasjenige von Thilo Schoder (Industriearchitektur) in Gera sowie des Geraer Bauhausschülers Kurt Schmidt (1901-1991), Autor des »Mechanischen Ballett« (1923). Wie das Bauhaus ehemals aufbrach, sozusagen unterwegs war, zu unbekannten technischen Ufern, mit dem Ziel, ein sogenanntes »Gesamtkunstwerk« zu schaffen, wo sich Handwerk hin zu einer modernen arbeitsteiligen Industrie hatte entwickeln sollen, das ist die Tradition, in die sich die 4. Höhler-Biennale mit dem Motto UNTERwegS eingebettet sieht. Und Gera hat das UNTERwegSseinwollen und das UNTERwegSseinmüssen für sich als Leitmotiv und zentrales Thema erkannt, um die Stadt nachhaltig wirtschaftlich und kulturell zu profilieren.

Welche Künstler werden die Höhler bespielen?
Sie kommen aus Deutschland, natürlich auch aus der Region, also aus Thüringen. Unter den Gästen aus dem Ausland sind wieder die Niederlande stark vertreten. Außerdem wurden ein Däne, vier Österreicher, ein Brite und ein Künstler aus dem Fürstentum Liechtenstein ausgewählt. Wir freuen uns besonders über die rege Beteiligung aus unserer Partnerstadt Arnheim in den Niederlanden. Das ist auch ein Verdienst nicht zuletzt auch des Engagements der beiden Oberbürgermeister, Dr. Norbert Vornehm und Frau Pauline Krikke.

Haben Sie einen Favoriten?
Eigentlich mehrere. Aber die will ich nicht verraten. Nur so viel: Jede einzelne Installation verbreitet in dem jeweiligen Höhler einen ganz eigenen Reiz – ob nun Klang-, Licht- oder Videoinstallationen. Ob der Sirenengesang, die Spiegelungen mit sich selbst, die Materialcollagen, der »Sauberraum«, vor dessen Betreten eine sogenannte Sicherheitsschleuse passiert werden muss, das Reich der Medusen und Quallen, die Expeditionsfunde, die Skulpturen aus Glas, Metall und Bronze, und – auch als ein Tribut an das Darwin-Jahr – der Fischwanderzug oder die Insekten-Spanner, der kurze Besuch spektakulärer Lebensformen, die vielleicht in einem Wasserrohr verenden – das alles lädt ein, die Höhler zu besichtigen.

Interview: Marion Pietrzok

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