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Das Dilemma der menschlichen Seite

Über ein System, in dem es Milliarden Opfer gibt, aber keine Täter

  • Von Ingolf Bossenz
  • Lesedauer: 10 Min.

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Das Dilemma der menschlichen Seite

Namen können schützen. Wenn Menschen Tieren einen »persönlichen« Namen geben, werden diese von abstrakten Objekten zu individuellen Wesen. Sie haben dann gute Chancen, gehegt, gepflegt, ver- und umsorgt zu werden.

»Yu« hatte dieses Glück. Die Meeresschildkröte war bei einem Hai-Angriff schwer verletzt und mit versehrten Vorderpaddeln vor der Südwestküste Japans gefunden worden. Fürsorgliche Menschen gaben ihr den Namen »Yu«. Nun sollen Prothesen der weiblichen Karettschildkröte ihre Schwimmfähigkeit zurückgeben. Die Vereinigung zum Schutz der Wasserschildkröten rief eigens eine Stiftung ins Leben, um Geld für die Herstellung der Prothesen einzuwerben. Diese sollen vom größten Prothesenhersteller Japans, Kawamura Gishi, in der Präfektur Osaka gefertigt werden. Eine Sprecherin der Firma nannte das Vorhaben eine »schwierige Herausforderung«. Aber die Leidenschaft der Tierschützer sei so bewegend gewesen, »dass wir uns entschlossen, das Projekt zu unterstützen«.

Zur selben Zeit, als diese Meldung um die Welt ging, wurden 700 Kilometer südlich der japanischen Hauptstadt Tokio Tausende Delfine massakriert. Mit Haken, Harpunen und Messern fielen die Treibjäger über ihre wehrlose Beute her, deren Blut das Wasser in der Bucht von Taiji rot färbte. Als zivilisatorischer Firnis für das alljährliche Massentöten dient der Verweis auf die japanische Esskultur. Trotz der Hunderte von Walen, die Japans Flotte jedes Jahr zu »wissenschaftlichen« Zwecken umbringt, besteht zusätzlicher Bedarf nach derlei Delikatessen.

Solchen asiatisch-barbarischen Zuständen setzt Europa seine dem Geist der Aufklärung verpflichtete Ordnung entgegen: Die Ordnung des Schlachthauses. Rund fünf Milliarden Tiere (ohne Wassertiere) werden in der EU jedes Jahr für den Verzehr geschlachtet. Darunter sind beispielsweise Hunderte Millionen Schweine – die Delfinen an Intelligenz und sozialem Verhalten kaum nachstehen. »Schlachten per Fließband, Schweinefleischgewinnung mittels angewandter Mathematik«, schrieb der Schriftsteller Upton Sinclair (1878-1968) vor gut 100 Jahren über die Chicagoer Schlachthöfe und konstatierte: »Dennoch konnte selbst der unsentimentalste Mensch nicht umhin, an die Tiere zu denken. Sie waren so arglos, trotteten so vertrauensselig herbei, wirkten in ihrem Protest so menschlich – und waren mit ihm so im Recht!«

Indes: »An die Tiere zu denken« hat bis heute nicht viel gebracht. Die Conditio sine qua non für die immer wieder propagierte »Humanisierung« des Schlachtens ist und bleibt dessen Abschaffung. Denn die industrielle »Produktion« von Fleisch gehört auch im 21. Jahrhundert zum Schaurigsten und Abstoßendsten, was sich auf Erden abspielt. Dieses unlösbare Dilemma zeigt die neue Schlachttier-Verordnung der Europäischen Union. Ziel ist die »Minimierung von Leid und Vermeidung von Schmerzen im Verlauf des gesamten Schlachtvorgangs«, heißt es in bester Bürokratensprache. Gar einen »Tierschutzbeauftragten« sollen Schlachthöfe ernennen. »Tierschutz«, wenn Hühner im Elektrobad zu Tode gebracht und Schweine in speziellen Kabinen ver-, Pardon, begast werden? Das erinnert dann doch sehr an den Priester, der einem den Tod wegredet, um einen Ausspruch von Elias Canetti (1905-1994) zu gebrauchen, mit dem der Dichter bei einer Schlachthausbesichtigung auf den dortigen Gebrauch des Wortes »human« reagierte.

Erst 2013 soll die neue Verordnung in Kraft treten. Kein Problem. Ist doch der »Verbraucher« über 140 Jahre nach Eröffnung der Union Stock Yards von Chicago und dem folgenden Siegeszug der Massentötung am Fließband ausreichend domestiziert, auch ohne ausdrückliche »Minimierung von Leid« die Profite der Fleischindustrie zu realisieren. Wie die Zentralgenossenschaft des deutschen Fleischergewerbes dieser Tage mitteilte, sind ungeachtet aller Krisenpropaganda die Marktverhältnisse »stabil und in Teilbereichen von Wachstum geprägt«. Die mehr als 150 000 Arbeitsplätze im Fleischerhandwerk erwiesen sich als »äußerst stabil«, hieß es.

Doch was sind für die veröffentlichte Meinung Millionen Schweine gegen eine Fliege, wenn sie nur PR-gerecht erschlagen wird! Gibt man bei der Internet-Suchmaschine Google die Begriffe »Obama Abrüstung« ein, erscheinen rund 100 000 Treffer. Die Kombination »Obama Fliege« erzielt indes bis zum Dreifachen dieser Zahl. Selbst die Seiten abgerechnet, die sich nicht direkt auf die bizarre Begebenheit im Weißen Haus in der vorvergangenen Woche beziehen, zeigt dieses beeindruckende Ergebnis, dass ein noch so banaler Vorgang die Weihen des Spektakulären erhält, wenn nur ein entsprechend prominenter Zeitgenosse darin involviert ist.

Das mediale Echo auf das eigenhändige Erschlagen einer Fliege durch den mächtigsten Mann der Welt vor laufenden Fernsehkameras war nicht weniger enthüllend als der Akt selbst. Kommentare in den US-Medien (»Wow«, »Toll, was unsere Präsidenten für Reflexe haben«) zeigten das übliche Schranzengehabe, mit dem man sich für den gönnerhaften Umgang der Obrigkeit mit der »Vierten Gewalt« revanchiert. Die deutsche Presse wartete mit den gängigen Kalauern auf. Bei der Nachrichtenagentur dpa wurde ein »Störenfried« »zur Strecke gebracht«. Spiegel-online sah den US-Präsidenten »dynamisch, skrupellos, entschlossen« beweisen, »dass er durchaus kein liberales Weichei ist«. Die »Augsburger Allgemeine« faselte von »Killerinstinkt«.

Immerhin hat auch das Banale seine tieferen Schichten. Vor einigen Jahren sprach ich mit dem US-amerikanischen Philosophen Tom Regan (geb. 1938) von der North Carolina State University in Raleigh. Regans Spezialdisziplin ist die Philosophie der Tierrechte. Sein Buch »The Case for Animal Rights« ist ein Standardwerk der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung. Auf meine Bemerkung, der Begriff Tierrechte sei sehr pauschal, da es schließlich Affen wie Ameisen gebe und eine Menge dazwischen, antwortete Regan: »Natürlich fällt uns die Entscheidung darüber leichter bei Tieren, die uns als Menschen näherstehen, wie es bei den Primaten der Fall ist. Aber es geht hier um allgemeine moralische Grundsätze. Und deren Anwendung ist zunächst einmal unabhängig davon, ob ein Tier groß oder klein ist. Wenn wir uns darüber erst einmal im Klaren sind, wird beispielsweise auch das achtlose Töten von Insekten in einem anderen Licht erscheinen.«

Es war der große Humanist Albert Schweitzer (1875-1965), der ebenfalls die Ansicht vertrat, dass sich der von Tom Regan postulierte »moralische Grundsatz« symbolisch – aber nicht nur – an einem Insekt festmachen lässt. Der Theologe, Philosoph und Mediziner wählte bezeichnenderweise nicht explizit die »großen Tiere«, um seine universale Ethik der »Ehrfurcht vor dem Leben« zu veranschaulichen. »Indem ich einem Insekt aus der Not helfe, tue ich nichts anderes, als dass ich versuche, etwas von der immer neuen Schuld des Menschen an der Kreatur abzutragen«, schrieb er. In »Mein Wort an die Menschen« betonte Schweitzer, diese Ethik mache »keinen Unterschied zwischen wertvollerem und weniger wertvollem, höherem und niederem Leben«. Denn: »Die Konsequenz dieser Unterscheidung ist dann die Ansicht, dass es wertloses Leben gebe, dessen Vernichtung oder Beeinträchtigung erlaubt sei.«

Albert Schweitzer formulierte zugleich eine zentrale Tatsache im Bewusstsein der Menschen: »Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.« Der Mensch muss also zwangsläufig anderes Leben beeinträchtigen, stören, einengen, auch vernichten. Das ist aber nur die eine, in der Regel betonte und überbetonte Seite dieser Sentenz. Die unbequeme, vernachlässigte und verdrängte Seite ist das andere »Leben, das leben will«, die daraus erwachsende ethische Forderung nach Rücksichtnahme, Mitfühlen und Mitleiden. Wo die Umsetzung dieser Forderung beginnt, welche Lebewesen sie einschließt und welche sie ausgrenzt und aus welchen Gründen, ist ein Gradmesser für das, was als humanitas bezeichnet wird, als Humanität. »Allein schon ein Abblasen der Milliarden von Tieren verbrauchenden Tierversuche«, betont der Kulturphilosoph Hubertus Mynarek (geb. 1929), »wäre eine fühlbare, geradezu ›kosmische Erleichterung‹ für die geschundene Kreatur.«

Im Mai 2005 hielt Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul eine Rede auf der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau. Dabei erinnerte sie an einen der Überlebenden dieses KZ, an Edgar Kupfer-Koberwitz (1906-1991). Der Dichter und Schriftsteller wurde bekannt durch seine »Dachauer Tagebücher«, die eine wichtige Informationsquelle über das Dasein in den Lagerhöllen der Nazis sind.

Was indes weit weniger bekannt ist: Kupfer-Koberwitz schrieb aus seinen schmerzvollen Erfahrungen heraus auch das Buch »Die Tierbrüder«. Einer der Texte in diesem Werk beschäftigt sich mit dem Angeln. Allerdings nicht mit dem – »Petrijüngern« zufolge angeblich gar nicht existenten – Leiden der an Widerhaken zappelnden Fische, sondern mit dem Leiden des sogenannten Köders: »Der Wurm in seiner Qual windet sich auf dem Haken. Unvorstellbarer Schmerz – grässlicher, langsamer Tod! Wäre er ein Mensch, würde er sicherlich verzweifelt fragen, ob es möglich sei, dass die Gottheit solches geschehen lasse. ... Der Angler aber sitzt am Wasser, ... lauscht dem Gesang der Vögel und freut sich, dass diese kleinen Sänger heute in unseren Gegenden ein sicheres, geschütztes Leben haben, frei von Nachstellungen durch den Menschen, dank einer Gesellschaft, zu der auch er als anerkannt wertvolles Mitglied gehört: dem Tierschutzverein.«

Mitleid mit einem Wurm?! Undenkbar, dass diese Ausführungen bei einer offiziellen Feierlichkeit zitiert würden. Indes legen gerade sie den Urgrund eines universalen Humanismus, eines Mitleidens mit allem Lebendigen auf eine überraschende und faszinierende Weise frei. Auch seinen Vegetarismus begründete Kupfer-Koberwitz mit dem Verweis auf sein Schicksal: »Ich esse keine Tiere, weil ich mich nicht von dem Leiden und Tode anderer Geschöpfe ernähren will – denn ich habe selbst so viel gelitten, dass ich fremdes Leid empfinden kann, eben vermöge meines eigenen Leides.« Ethisch motivierte Opposition gegen strukturelle Schlachthausgewalt.

Eine der neuesten und zugleich bemerkenswertesten Veröffentlichungen zu diesem Thema stammt von dem US-amerikanischen Philosophen Mark Rowlands (geb. 1962).* Er lebte elf Jahre mit einem Wolf zusammen, den er als Welpen gekauft und aufgezogen hatte. Diese lange Symbiose eines Menschen mit einem »wilden« Tier führten bei Rowlands zu Überlegungen, wie Tiere in gesellschaftsvertraglichen Auffassungen von Moral ihren Platz finden können. Der Philosophieprofessor gelangte zu der Überzeugung, dass bei einem derartigen Gesellschaftsvertrag Vegetarismus, besser noch Veganismus – also der Verzicht auf alle tierlichen Produkte –, ein Grundzug der menschlichen Lebensweise sein müsse: »Das vitale Interesse von Tieren, ein elendes Leben und einen grässlichen Tod zu vermeiden, wiegt erheblich schwerer als das recht triviale Interesse von Menschen an ihren Gaumenfreuden.«

Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera (geb. 1929) schrieb in seinem Roman »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«: »Die wahre moralische Prüfung der Menschheit, die elementarste Prüfung (die so tief im Innern verankert ist, dass sie sich unserem Blick entzieht) äußert sich in der Beziehung der Menschen zu denen, die ihnen ausgeliefert sind: zu den Tieren. Und gerade hier ist es zum grundlegenden Versagen des Menschen gekommen, zu einem so grundlegenden Versagen, dass sich alle anderen aus ihm ableiten lassen.« Zweifellos zeigt die Art und Weise der Behandlung von Macht- und Hilflosen, wofür Tiere prädestinierte Kandidaten sind, am meisten über einen Menschen. Doch diese »Behandlung« ist in der Industriegesellschaft – von Haustieren abgesehen – so separiert und arbeitsteilig aufgesplittert, dass sich Schuldgefühle ebenso wie Schuldzuweisungen im endlosen Herrschaftsraum des »Man« verlieren. »Man« isst Fleisch, »man« lässt schlachten, »man« kann ohnehin nichts ändern. »Man« hat selbst saubere Hände.

Rowlands bemerkt, »dass der größte Teil des von Menschen bewirkten Bösen nicht von Heimtücke, sondern von dem Unwillen herrührt, seine moralische und epistemische Pflicht zu erfüllen«. Die Philosophie versteht unter epistemischer Pflicht (Epistemologie = Erkenntnistheorie) die Aufgabe, Überzeugungen einer kritischen Prüfung zu unterziehen, ob sie aufgrund des verfügbaren Beweis- und Indizienmaterials weiter gerechtfertigt sind. Beispielsweise durch die Frage, ob der Verzicht auf Fleisch bei sich selbst und anderen Wesen Leiden erzeugen würde, die größer wären als die Qualen der gemetzelten Tiere.

Schon sehen besorgte Journalisten eine neue Weltkrise durch den massenhaften Anbau von Soja für die Herstellung von Tofu-Produkten heraufdämmern (TAZ: »Tofu in der Kulturkritik«). Andere beklagen bereits jetzt das drohende Aussterben von »Nutztieren«. Bewährte Methoden, eine Entwicklung, die bislang – leider – gerade einmal in Ansätzen zu beobachten ist, zum Katastrophenszenario auszuweiten und dabei die tagtägliche Katastrophe auszublenden, die durch exzessive Viehzucht und -haltung nicht zuletzt ökologisch und insbesondere in der Dritten Welt stattfindet. Und zur Sorge um den künftigen Bestand von Tieren, die zu nichts anderem existieren, als verspeist zu werden, fand der Berner Philosophieprofessor Klaus Petrus den treffenden Satz: »Lasst sie in Würde aussterben.«

Die Etablierung und Akzeptanz des Schlachthaussystems hat zu dem Paradox geführt, dass es Jahr für Jahr Milliarden von Opfern gibt, aber keine Täter. Denn die in »äußerst stabilen« Arbeitsverhältnissen stehenden 150 000 Beschäftigten im deutschen Fleischerhandwerk agieren schließlich im »gesellschaftlichen Auftrag«. Somit sind es die Anonymität der »Verbraucher« und die Namenlosigkeit der »Verbrauchten«, die eine fatale, tödliche, gleichwohl organische Einheit bilden. Aufbrechen kann diese Einheit letztlich nur eine Seite: die menschliche.

*Mark Rowlands: Der Philosoph und der Wolf. Was ein wildes Tier uns lehrt. Aus dem Amerikanischen von Bernd Rullkötter. Roger & Bernhard bei Zweitausendeins. 285 S., geb., 19,90 €.

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