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Die Rückkehr der Helden

Die Fantasy erlebt einen Vormarsch wie kaum eine andere literarische Gattung. Warum?

  • Von Reinhard Kruska
  • Lesedauer: 9 Min.

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»Drachen, die, vom Winde getragen, sich über die Inseln im Westen erheben ...«
»Drachen, die, vom Winde getragen, sich über die Inseln im Westen erheben ...«

Schon ein Blick in die Auslagen der Buchhandlungen und das Angebot der größeren Verlage zeigt, dass eine literarische Gattung einen scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch angetreten hat. Diese Gattung ist eine gar nicht mehr so junge Spielart der phantastischen Literatur und nennt sich Fantasy. Dies liegt aber nicht an der ebenso unaufhaltsamen Unsitte, alles Neue englisch zu benamsen, sondern an ihren tatsächlichen Wurzeln im angloamerikanischen Sprachraum zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In den Siebzigern erlebte sie im Sog von J.R.R. Tolkiens Bestseller »Der Herr der Ringe« ihren Durchbruch in Deutschland und ist spätestens seit den Neunzigern auch hierzulande fest etabliert.

Fantasy-Literatur pflegt auf den ersten Blick eine erkennbare Nähe zu Mythos und Märchen und verwendet viele ihrer Elemente. Aber auch die Romantik, die Gothic Novel und sogar die Mantel-und-Degen-Geschichten der Abenteuerliteratur haben ihre Spuren hinterlassen. Inzwischen hat die Fantasy ihrerseits wiederum ältere Spielarten der Literatur beeinflusst, verwandelt oder aufgesogen. Gerade weil sie so erfolgreich ist, wird die Fantasy als Begriff von Laien wie vermeintlichen Experten gleichermaßen zwanglos verwandt, um alles Mögliche damit zu etikettieren. Eine Begriffsklärung scheint da doch wünschenswert.

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Die Geschichten der Fantasy sind grundsätzlich in phantastischen Welten angesiedelt, in denen Physik und Metaphysik, Technik und Magie ansatzlos ineinander übergehen.
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Leicht ist sie bei all dem Wirrwarr nicht. Wer einmal in das reichhaltige Sortiment greift und ein Buch zur Hand nimmt, wird schon auf den Titelbildern mit allerlei Drachen, Flammenzeichen und sonstigen obskuren Symbolen konfrontiert. Und nach den ersten Seiten wird klar, dass diese Art Literatur für feinsinnige Schöngeister weniger geeignet scheint, denn Ästhetisierungen gehören nicht unbedingt zum Programm. Den Protagonisten der Geschichten ist vielmehr nichts Menschliches fremd. Sie haben Affekte und Gelüste und einen Leib, der schwitzt und blutet. Es wird geliebt, gehasst, gekämpft und gestorben, es wird auf eine archaische Art und Weise gelebt und gehandelt. Hunger, Durst und Angst sind vordergründigere Motive des Handelns als philosophische Maximen oder ideologische Konzepte.

Vor allem aber entzieht sich die Fantasy dem alten literarischen Gebot, dass die Kunst die Welt mimetisch abzubilden habe, mit aller Radikalität. Die Geschichten der Fantasy sind vielmehr grundsätzlich in phantastischen Welten angesiedelt, in denen Physik und Metaphysik, Technik und Magie ansatzlos ineinander übergehen.

Anfangs waren solche Welten noch in entlegene Gegenden der Erde oder auf andere Planeten verlegt worden, in ferne Zeitalter, in Traum- und Rauschzustände. Oder das Phantastische brach aus einem oft nicht näher benannten Jenseits herein, aus Himmel und Hölle, dem Totenreich, anderen »Dimensionen« und Sphären. Zu erdrückend schien den Autoren damals wohl die Macht der literarischen Konventionen, die seit der Antike eine mimetische Abbildung der sogenannten Wirklichkeit verlangten und die sie nicht völlig abzustreifen wagten.

Noch in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts definierten Wissenschaftler wie Tzvetan To-dorov die Phantastik in den Grenzbereich der Wirklichkeit, dorthin, wo alles unscharf oder »unschlüssig« ist. In der Science Fiction und dem Horror ist dieser Basis-Bezug zur realen Welt auch noch immer gegeben. Und einige modernere Autoren, selbst der berühmte Tolkien, ließen diesen Fluchtweg einen Spalt weit offen. Doch die Fantasy emanzipierte sich langsam von den konventionellen Ansichten – oder besser gesagt, sie scherte sich nicht länger um sie. Mittlerweile ist der Wirklichkeitsbezug der meisten Fantasy-Welten bestenfalls ein allegorischer.

Die Welten der Fantasy haben mit unserer rationalistisch und ökonomisch geprägten Lebenswelt ja auch nicht allzu viel zu tun – jedenfalls auf den ersten Blick. Das Primat der rationalen Erkenntnis wird durch das Walten magischer Kräfte konsequent unterlaufen. Der realen Welt mit ihrer Reduktion des Menschen auf eine Ware des globalen Markts setzt die Fantasy pseudo-historisch konstruierte Gesellschaftsszenarien entgegen. Und auch der der Fantasy oft bescheinigte Gut-Böse-Dualismus gehört hierher. Der menschliche oder vermenschlichte Held – der in Werken geringeren Anspruchs auch gern als menschelnder Held auftritt – bekommt es immer wieder mit dem unmenschlichen oder entmenschlichten Monster, Tyrannen oder Sklavenhalter zu tun.

Dass der Mensch dem »Schurken« oder »Monster« hier nur noch Ware und Fraß ist, ist alles andere als Zufall.

Die Fantasy entstand nicht umsonst in den ökonomisch fortgeschrittensten und differenziertesten Ländern. Dennoch ist diese duale Aufspaltung nur die eine Seite der Medaille. Denn andererseits sind die zauberhaften Länder der Fantasy Bereiche einer Ganzheit, in denen Alles mit Allem zusammenhängt und jedermann seinen besonderen Platz hat. Egal ob diese gesellschaftlichen Wirklichkeiten klassenlos oder feudal daherkommen, hierarchisch oder anarchisch, stets sind sie so augenfällig anti-modern, dass sie sich eigentlich nur als Spiegel der Moderne begreifen lassen. Als Zerrspiegel.

Das stets wiederkehrende Motiv der Fantasy ist schlicht der Mensch in seiner Auseinandersetzung mit einer als ausgesprochen gefährlich erlebten Welt. Und es drohen wahrlich mannigfaltige Gefahren. Monstren und menschenfeindliche Andere durchziehen das Land, Naturgewalten entwickeln ein dämonisches Eigenleben und die Menschen selbst rühren an der Schöpfung und werden der heraufbeschworenen Prozesse nicht mehr Herr. Neben mythologischen Erzähltraditionen, neben archaischen und universistischen Ansichten sind hier natürlich allegorische Bezüge zu realen Problemfeldern unübersehbar. In diesem Chaos jedenfalls ist dann immer ein Einzelner erwählt, Verantwortung zu tragen und die Dinge wieder »ins Lot« zu bringen. Oft sind es unwillige Helden mit zutiefst menschlichen Schwächen und Selbstzweifeln, die aber dennoch stellvertretend für alle die Verteidigung der ganzen Menschheit übernehmen.

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Das stets wiederkehrende Motiv der Fantasy ist schlicht der Mensch in seiner Auseinandersetzung mit einer als ausgesprochen gefährlich erlebten Welt. Und es drohen wahrlich mannigfaltige Gefahren. Monstren und menschenfeindliche Andere durchziehen das Land, Naturgewalten entwickeln ein dämonisches Eigenleben und die Menschen selbst rühren an der Schöpfung und werden der heraufbeschworenen Prozesse nicht mehr Herr.
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Ob nun der Held als archaisch-amoralischer Heros daherkommt oder die Heldenfahrt, die »Queste«, von einer ganzen Heldengruppe unternommen wird, stets liegt der Akzent auf der individuellen Bedeutsamkeit und einem bis zur Selbstaufopferung reichenden Verantwortungsbewusstsein – einer für alle und alle für einen.

Nicht zuletzt darin dürfte einer der Gründe für den breiten Publikumserfolg der zugleich modernen und archaischen Fantasy liegen. Diese Ganzheit und innere Ordnung, die unerschütterliche Solidarität und Bedeutsamkeit jedes Einzelnen für die ganze Welt ist offensichtlich etwas, das viele in unserer modernen Lebenswelt schmerzlich vermissen. Zum einen, weil die kapitalistische Arbeitswelt mit ihren Unwägbarkeiten zwar Chancen schafft, aber eben auch das Risiko, zu den nicht mehr Gebrauchten zu gehören. Und zum anderen kollidiert unser nur auf der Rationalität fußendes Weltverständnis mit unseren Emotionen und den Vorstellungen einer ganzheitlichen, in sich geordneten Welt. Diese sind aber die ältesten der Menschheit; und obwohl wir lächelnd Gegenteiliges beteuern, hängen wir ihnen insgeheim noch immer an. Die boomenden östlichen Religionen haben etwas von ihnen bewahrt. Und auch die nicht totzukriegende Astrologie mit ihren Horoskopen tut nichts anderes, als dem Einzelnen vermeintlich seinen Platz in einem harmonischen Universum zuzuweisen. So steht es um unsere vermeintlich so aufgeklärte, entzauberte Moderne.

Jenseits aller Ideologie und Funktionalität ist Literatur, ist Kunst aber nicht zuletzt auch Unterhaltung. Und die Fantasy bietet einen vergleichsweise hohen Unterhaltungswert. Natürlich gibt es kein einheitliches Qualitätsniveau. Auf der einen Seite reicht das Spektrum von den gelehrten Sprachspielen eines James Branch Cabell und der epischen Größe Tolkiens bis zu der klugen und tiefen Poetik der Ursula Kroeber LeGuin. Auf der anderen Seite stehen die uninspirierten Dutzendromane Wolfgang Hohlbeins und viele andere Bestseller. Immer aber sind die Geschichten bunt, überaus plastisch und bewegt. Und ihr spannender, bis zum Pathos emotionaler Stil zielt geradewegs darauf ab, beim Leser Gefühle zu erwecken. Einige der Autorinnen und Autoren geraten sogar in akute Kitschgefahr.

Weniger gefährlich als ärgerlich ist hingegen die Verlagspolitik, die ständig und scheinbar willkürlich neue Subgenres kreiert und immer mehr Bücher unter dem neuen »Modelabel« firmieren lässt. Für diese peinliche Politik steht wie kein zweiter der Begriff der Contemporary oder Urban Fantasy, also der »modernen« Fantasy. Ihre vermeintlichen Hauptwerke kommen mit Joanne K. Rowlings »Harry Potter« und C.S. Lewis' »Chroniken von Narnia« wiederum aus dem angloamerikanischen Raum, aber auch Michael Endes »Unendliche Geschichte« wird hier posthum eingemeindet. Das ist in zweierlei Hinsicht verblüffend. Erstens sind die beiden letztgenannten Werke nicht eben neu – Lewis verstarb 1963, noch vor seinem Freund Tolkien, und die »Unendliche Geschichte« datiert immerhin auf das Jahr 1979. Und zweitens sind gerade diese angeblichen Trendsetter Randerscheinungen innerhalb der Fantasy und nicht nur strukturell »altmodisch« statt modern. Die jeweiligen Protagonisten betreten das Fantasy-Szenario nicht nur über Hilfsmittel – ein Wandschrank, ein Buch, ein Zug (!) –, sondern verlassen es auch wieder. Über den fantastischen Ausflug aus dem Alltag ist das Genre eigentlich schon hinaus.

Der Begriff der All Age Fantasy steht wiederum für die Ausweitung auf den Markt für Kinder- und Jugendliteratur. Den unter diesem Begriff subsumierten Werken ist gemein, dass ihre Protagonisten Kinder und Jugendliche sind und Sprache und Handlung kindgerechter gestaltet, will meinen schlichter gehalten und entschärft, wurden. Auch dieser hübsche Begriff geht vermutlich auf den Erfolg von »Harry Potter« zurück. Dass diese Mischung Kinder und Erwachsene wirklich gleichermaßen anspricht, sei an dieser Stelle übrigens bezweifelt. Mich spricht sie jedenfalls nicht an.

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Diese Ganzheit und innere Ordnung, die unerschütterliche Solidarität und Bedeutsamkeit jedes Einzelnen für die ganze Welt ist offensichtlich etwas, das viele in unserer modernen Lebenswelt schmerzlich vermissen.
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Denn da Literatur immer noch Geschmackssache ist, will ich an dieser Stelle bekennen, dass ich persönlich überaus gern Fantasy lese. Natürlich nicht alle Bücher, natürlich nicht alle Autoren. Gerade die angeblichen oder tatsächlichen, marktschreierisch beworbenen Bestseller bleiben inhaltlich und sprachlich oft blass. Und doch finde ich den Siegeszug der Fantasy beileibe nicht unverständlich. In ihren besseren Werken ist sie kraftvoll, poetisch, spannend und einfach angenehm zu lesen. Sie bereichert die moderne Realität um Bilder und Geschichten, die in unserem Lebens- und Arbeitsalltag kaum noch Raum haben. Ihre Welten sind für mich kein Ort, an den man sich flüchtet, sondern ein Platz der Muße und der Erbauung, an denen man zauberhaften Erzählungen im Stil von Einst lauschen kann. Und zugleich ein Ort der Reflexion über unsere moderne, zu selten und zu oberflächlich in Frage gestellte Welt. Ich will mit meinem Lieblingszitat schließen. Es stammt aus Ursula Kroeber LeGuins »Erdsee«. Der Held Ged, Magier und mächtigster Mann seiner Welt, vor der größten Herausforderung seines Lebens stehend, sagt: »Und doch, wenn ich alles, was ich in meinem Leben getan habe, vergessen oder bedauern müsste, wenn mir dies eine Bild bliebe – Drachen, die, vom Winde getragen, sich über die Inseln im Westen erheben –, dann wäre ich zufrieden.«

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