»Im Zweifelsfall lieber schießen!«

Israelische Soldaten: Armeeführung rief im Gaza-Krieg zu Gewalt gegen Zivilisten auf

Ein halbes Jahr nach Ende des jüngsten Gaza-Kriegs haben israelische Soldaten schwere Vorwürfe gegen ihre eigene Militärführung erhoben, die zu einem brutalen Vorgehen gegen palästinensische Zivilisten ermutigt habe. Die vor fünf Jahren gegründete israelische Organisation »Breaking the Silence« veröffentlichte am Mittwoch einen Bericht mit 54 anonymen Aussagen von Soldaten, die zur Jahreswende an der dreiwöchigen Militäroffensive »Gegossenes Blei« teilnahmen. Bei dem Einsatz, der am 18. Januar endete, waren mehr als 1400 Palästinenser getötet und 5000 weitere verletzt worden. ND veröffentlicht Auszüge aus dem Report:

Menschliche Schutzschilde

(...) Vor unserem ersten Einsatz an einem Freitagabend ließ uns der Befehlshaber antreten. Dann hielt er eine Rede. Er sagte »Wir können sie mit unserem Timing nicht überraschen, sie wissen wann wir kommen. Wir können sie nicht mit dem Ort überraschen. Aber womit wir sie überraschen können, ist unsere Feuerkraft.« (...) Es war eine einfache Formel, die wir uns einprägen sollten: »Bei Zweifel nicht zögern, schießen!« Unsere Feuerkraft war wahnsinnig. Auch wenn wir im Dunkeln nichts sehen konnten, haben wir einfach auf alles geschossen. Höchste Priorität war, keinen Soldaten zu verlieren. Der Kommandeur sagte: »Keinem meiner Soldaten darf auch nur ein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr nicht sicher seid, dann schießt!« (...) Von Unschuldigen oder Zivilisten war nie die Rede. (...) Wenn dann noch die Nervosität hinzukommt und man im Dunkeln nicht viel erkennen konnte, hat man nicht weiter gezögert.

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(...) Unser Kommandeur wandte sich an uns, bevor wir die Gefechte begonnen hatten. Er sagte, da Israel eine Demokratie ist, könne das Militär leider Gaza nicht völlig auslöschen. Das Militär könne nicht so brutal agieren, wie es gerne würde. Dann machte man uns klar, dass wir mit äußerster Aggressivität vorgehen sollten.

Ein Satz schockierte mich besonders. Er sagte: »Die Kapazitäten der Krankenhäuser in Gaza sind bereits ausgeschöpft. Glücklicherweise werden die Palästinenser daher schneller sterben.« Einige waren geschockt, aber sonst gab es keine Reaktion. Für Fragen hatten wir auch keine Zeit mehr.

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(...) Es war während der ersten Woche der Operation »Gegossenes Blei«. Viele Palästinenser hatten auf Anweisung ihre Häuser verlassen. Per Hubschrauber hatten wir Informationszettel verteilt, auf denen stand, dass jeder, der die Gegend nicht räumt, sich in Lebensgefahr begibt. Einige sind jedoch geblieben. Die meisten, um ihre Häuser zu bewachen. Andere waren krank oder konnten nicht laufen, wie wir im Tageslicht erkennen konnten.

(...) Wir haben Anweisungen bekommen, palästinensische Zivilisten, die wir vorfinden, als Schutzschilde zu benutzen, damit wir uns selbst besser schützen konnten. Das haben einige auch gemacht. (...) Einmal hat ein Soldat seinen Gewehrlauf auf die Schulter eines Mannes gelegt und hat ihn vor sich her geschoben. Sie sind in ein Haus gegangen, wo wir bewaffnete Hamas-Kämpfer vermutet haben. Der Mann hatte schreckliche Angst, aber ihm ist nichts weiter passiert. Dem Soldat schien das nicht viel auszumachen, schließlich war das eine Anweisung von oben.

(...) Wir haben auch Zivilisten gezwungen, mit einem Vorschlaghammer Wände von Häusern einzuschlagen, von denen wir nicht wussten, ob dort Sprengkörper deponiert waren. (...) Man fühlt sich wie ein kleines Kind mit einem Vergrößerungsglas, dass Ameisen anschaut und sie verbrennt.

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(...) »Es war noch während der ersten Woche des Einsatzes, da wurde von einem Haus aus auf uns geschossen. Daraufhin holten wir einen unbewaffneten Nachbarn aus seinem Haus – diese Nachbarn nannten wir Johnnies – und schickten ihn zu den bewaffneten Männern. Er sollte uns sagen, wie viele es sind. Wir erfuhren, dass es drei waren. Dann eröffneten wir das Feuer. Wir setzten auch Hubschrauber und Bulldozer ein. Dann schickten wir den Mann ein zweites Mal hinein. Er berichtete uns von einem Überlebenden. Erneut feuerten wir. Und der Mann musste ein drittes Mal in das Haus. Der letzte Bewaffnete kam dann mit erhobenen Händen aus dem zerstörten Haus.

Ein Gefühl von Überlegenheit

(...) Am meisten hat mich diese unglaubliche Zerstörungswut entsetzt. Und der Schock über die anderen Soldaten. Ich habe mich gefragt: Mit wem bin ich hier nur hinein geraten? (...) Dennoch sind es immer noch meine Kameraden. Da habe ich gar keine andere Wahl. Auch wenn mich ihre Lust und Freude am Töten anwidert.

(...) Viele haben gelacht und sich gefreut, wenn sie jemanden getötet haben. »Ja, ich habe dem Terroristen den Kopf weggeblasen«, haben sie geprahlt. (...) Viele konnten es kaum erwarten, den Finger am Abzug zu betätigen. Darauf wurden wir schließlich vorbereitet. (...) Die Macht, die man dadurch bekommt, die Verwüstung, die man damit anrichten konnte, dieses Gefühl der Überlegenheit hat viele mit Stolz und Freude erfüllt.

Für die 19- oder 20-Jährigen, mit denen ich in einer Einheit war, gehörte exzessive Gewalt, Brutalität und Unmenschlichkeit zu der ganzen Mission. Es war ja auch keiner da, um sie daran zu hindern. Im Gegenteil, wir sollten ja auf alles schießen und keine Opfer auf unserer Seite riskieren. Da war es klar, dass die andere Seite – die Palästinenser – einen hohen Preis dafür zahlen müssen.

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(...) Einmal kam ein Rabbi zu unserer Einheit, um mit uns zu reden. Ich denke, der Sinn dieses Besuches war, den Krieg religiös zu legitimieren. Die Ansprache dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Der Rabbi machte uns klar, dass Israel vier Feinde hat. Der erste Feind sei Iran, doch der spiele in diesem Krieg keine Rolle. Der zweite Feind sei die Hamas, aber das wussten wir ja schon. Der dritte sei die Palästinensische Autonomiebehörde. Und Nummer vier seien die in Israel lebenden Araber. (...) Am liebsten hätte ich den Rabbi gleich wieder nach Hause geschickt, aber er wurde ja vom Befehlshaber eingeladen, da konnte ich nicht viel machen. Viele Soldaten hat diese Ansprache gestört. Aber die Religiösen unter uns waren hellauf begeistert.

Seine Absicht war es, uns zu verdeutlichen, dass wir einen »heiligen Krieg« führen, den wir unbedingt gewinnen müssen. Er hat zwar keine Fallbeispiele genannt, aber der Tenor lautete: Wir müssen aggressiv und gnadenlos vorgehen. Gott ist damit einverstanden. Später habe ich in der Zeitung »Haaretz« von ähnlichen Vorfällen gehört. Wir waren also keine Ausnahme.

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(...) Im Panzer fühlt man den Feind nicht wirklich. Oft hatten wir Langeweile, weil nicht so viel zu tun war, also keine Kämpfe stattfanden. Umso mehr fanden eine Menge Leute meiner Panzerkompanie Gefallen daran, auf Häuser zu feuern.

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(...) In meiner Panzertruppe hatten einige Soldaten Fragen zur Ethik und sprachen unseren Vorgesetzten auf Unschuldige an. Er antwortete, dass wir uns im Krieg befinden würden und wir nicht zögern sollten, alles zu zerstören, Moscheen und alles, was wir als Bedrohung definieren. Die Grundeinstellung war, das Feuer zu eröffnen und nicht über die Folgen nachzudenken.

Unverhältnismäßige

Bombardierung

(...) Ich kann mich nicht genau erinnern, wie weit der Umkreis der Zerstörung bei dem Abwurf einer Bombe war. Zwischen 30 und 50 Meter pro Bombe müssen es gewesen sein. Es waren sehr zielgerichtete Bomben, allerdings fliegen die Splitter sehr weit.

(...) Einmal erhielt ich den Befehl, mehrere Bomben abzuwerfen. Erst später realisierte ich, dass ich Wohnsiedlungen unter Beschuss nahm. Ich weiß nicht, wie viele Zivilisten noch dort waren und ob wir welche getötet haben. Nach dem Abwurf sagte man uns per Telefon durch, wie unsere Trefferquote war.

(...) Obwohl ich ein schlechtes Gefühl dabei hatte, Krankenhäuser und Schulen zu zerstören, habe ich mich gefreut, als die Nachricht kam, dass wir drei Hamas-Mitglieder, darunter sogar einen Führer, getötet hatten. (...) Ein Bataillonsführer sagte uns einmal: »Mein bester Arabisch-Dolmetscher ist mein Granatwerfer.«

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(...) Das Bombardieren könnte man schon als wahnsinnig bezeichnen. Wir haben die Anweisung erhalten, wenn wir durch die Hamas bombardiert werden, sollten wir zehnmal so viele Bomben abwerfen. Das weitet den Umkreis, der von der Bombe erfasst wird, natürlich aus. Das war Teil des Plans. (...) Wir haben nie eine einzige Bombe abgeworfen. Es waren immer mindestens drei. Die landen natürlich nie exakt an der gleichen Stelle. Somit ist die Zerstörung größer. (...) Mehrfach hörte ich, wie per Armeesender die Genehmigung erteilt wurde: »Phosphor in die Luft.« Zu welchem Zweck das gut war, weiß ich nicht. Ich schätze, wir haben das gemacht,, weil es cool ist. (…)

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(...) Wir waren auf dem Weg zurück zu unserer Einheit. Auf einmal hatten wir ein komisches Gefühl unter den Füßen. Als wir auf den Sand schauten, sah es so aus, als wären mehrere Tausend Glasflaschen zerbrochen und brauner Dreck lag über dem Sand. Da wussten wir, dass hier Bomben mit weißem Phosphor abgeworfen wurden. 200 bis 300 Quadratkilometer sahen so aus. Das hat uns ziemlich aufgebracht. Denn während unserer Ausbildung wurde uns beigebracht, dass Phosphor-Bomben nicht zum Einsatz kommen dürfen. Wir haben zahlreiche Filme gesehen, die gezeigt haben, wie unmenschlich diese Waffen sind. Uns hat es schockiert, dass wir sie nun selber einsetzen.

(...) Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich gedacht, ich sei bei einer Armee mit hohen moralischen Werten. Aber da habe ich mich wohl geirrt.

Wahnsinnige

Zerstörungen

(...) Uns wurde nicht mitgeteilt, was Ziel des Krieges war. Wir hatten nur die Anweisung, Gaza völlig zu zerstören. (...) Wir sollten Häuser und alle Gebäude, darunter auch Krankenhäuser, Moscheen und Schulen auslöschen. (...) Ein Befehl lautete, wir sollen darauf achten, dass keine Soldaten getötet werden. Das heißt, wir haben immer zuerst das Feuer eröffnet, wenn wir ein Haus oder ein Zimmer betreten haben, ohne zu wissen, ob Zivilisten dort waren.

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(...) In einem Haus, dass wir gestürmt hatten, hatte sich eine ganze Familie vor den Bomben versteckt. Es waren eine Frau, ihr Mann, zwei Babys und ein Großvater. Sie hatten unter einer Treppe am Eingang des Hauses Schutz gesucht. Beim Stürmen des Hauses haben wir einfach losgefeuert. Dabei hat unser Vorgesetzter den Großvater getötet. Er konnte ja nicht sehen, auf wen er da schießt.

(...) Nach diesem Vorfall hatte ich mir vorgenommen, einem höheren Offizier zu schreiben, was für schreckliche Sachen in unserer Einheit passiert sind. Eigentlich hätten es einige unter uns verdient, ins Gefängnis zu gehen.

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(...) Es gab Soldaten, denen hat es nicht gefallen, dass Zivilisten mit Terroristen gleichgesetzt wurden. Den meisten war es egal. Solange es »nur Araber« waren, die sie umbrachten, war es okay. Vor allem für die Jüngeren. Für sie war es wie ein großes Abenteuer.


Die israelische Nichtregierungsorganisation (NRO) »Breaking the Silence« (»Das Schweigen brechen«) wurde vor fünf Jahren von ehemaligen Soldatinnen und Soldaten gegründet, die in den besetzten Gebieten ihren Dienst ableisteten. Mit der Enttabuisierung des Traumas fördert die NRO eine offene Debatte über die Folgen der Besatzung sowohl für die Palästinenser als auch für die Soldaten selbst. So trägt die Organisation dazu bei, auf der israelischen Seite offene Diskussionen über die Beachtung der Menschenrechte und eine Aufhebung der gewaltsamen Besatzung zu führen.

Die Mitglieder von »Breaking the Silence« sammeln Zeugnisse, die sie in Dokumentationen, Ausstellungen und Filmen präsentieren. Bei Führungen durch die Stadt Hebron zeigen sie, welche Auswirkungen die Besetzung der Altstadt durch israelische Siedler und Armee für die palästinensischen Bewohner hat. Über 5000 dieser geführten Touren hat die Organisation in den letzten Jahren durchgeführt, unter anderem nahmen Knesset-Mitglieder, ausländische Diplomaten und Parlamentarier (auch Mitglieder des Bundestages) und Journalisten daran teil. Die israelische Armee hat immer wieder mit Repressionen auf die geführten Hebron-Touren reagiert – unter dem Vorwand, diese würden provozieren und den öffentlichen Frieden stören.

Übersetzung und Bearbeitung: Nissrine Messaoudi

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