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Zart, stark

Ingeborg Hunzinger tot

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 3 Min.

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Sie ist 94 Jahre alt geworden, hat ein hohes Alter errreicht. Manchmal scheint es, ihrer Generation wohne eine besondere Kraft, ein besonderer Lebenswille inne. Man mag es den Umständen zuschreiben, in denen diese Generation sich behaupten musste – Erster Weltkrieg, später der Zweite. Ingeborg Hunzinger, eine kleine zarte Person, erwies sich als Kämpferin. Obwohl begütert aufgewachsen, sei sie nie eine »Pimperline« gewesen. Das sagte sie vor einem Jahr, als ich sie in Berlin-Rahnsdorf besuchte. Jeden Tag, auf einen Krückstock gestützt, stand sie damals noch im Atelier, von früh bis spät, um zu arbeiten: an einer Rosa-Luxemburg-Büste. In der Nacht zum Sonntag ist Ingeborg Hunziger in ihrer Berliner Wohnung gestorben.

Die Begabung hatte sie wohl von ihrem Großvater Philipp Franck geerbt. Franck hatte 1898 die Berliner Sezession mitgegründet und war ein Freund Max Liebermanns. Liebermann ist es gewesen, dem die junge Ingeborg Franck ihre Zeichnungen vorlegte und der sie ermutigte. Sie studierte an der Berliner Hochschule für freie und angewandte Kunst, musste diese aber verlassen, weil sie Kommunistin war. In der legendären »Ateliergemeinschaft Klosterstraße«, einer Insel im nationalsozialistischen Berlin, wurde sie Meisterschülerin des Bildhauers Ludwig Kasper und lernte Käthe Kollwitz kennen. 1939 erhielt sie als Jüdin Berufsverbot, konnte aber nach Italien flüchten, wo sie den Maler Helmut Ruhmer kennen- und liebenlernte. Mit Ruhmer bekam sie zwei Kinder. 1942 kehrte das Paar nach Deutschland zurück, Ruhmer wurde an die Ostfront gezogen, wo er nach zwei Wochen fiel. Die Kinder musste sie nun allein durchbringen.

Vielleicht wäre ihr Leben leichter verlaufen, wäre sie nicht 1932, schon als Siebzehnjährige, der Kommunistischen Partei beigetreten – aus Empörung über die Armut, die ihr im Berliner Wedding begegnete. Sie hat kein leichteres Leben gewollt. Sich auf die Seite der Schwachen zu stellen, war ihr ihr Leben lang selbstverständlich. 1950 war sie mit Adolf Hunzinger, einem Kommunisten und Spanienkämpfer, in die DDR gezogen, mit ihm bekam sie noch eine Tochter. Diese Ehe scheiterte. Den Familiennamen behielt sie, obwohl sie später den Bildhauer Robert Riehl heiratete.

Noch während der Ehe mit Hunzinger war sie Dozentin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee geworden, danach Meisterschülerin bei Fritz Cremer und Gustav Seitz an der Akademie der Künste. Seit 1954 arbeitete sie frei, am liebsten mit Marmor und Sandstein. Viele Arbeiten schuf sie für den öffentlichen Raum, ihre Kunst sollte inmitten der Menschen sein. Zu ihren bekanntesten Arbeiten gehören die Bronzefigur »Die Erde«, zwei Keramikreliefs um Rosa Luxemburg und die Skulpturengruppe »Block der Frauen«. Damit, so erklärte sie mir, habe sie der »Kraft der Liebe« und der »Kraft des zivilen Ungehorsams« ein bleibendes Denkmal setzen wollen.

Bleiben wird von ihr – neben ihrer Kunst – eben dieser zivile Ungehorsam. Einst debattierten in ihrem Wohnzimmer Wolf Biermann und Robert Havemann; sie stand zu ihrer Tochter Rosita, die Flugblätter verteilt hatte gegen den Einmarsch der Sowjets in die CSSR und daraufhin verurteilt wurde. Den Nationalpreis der DDR hat sie abgelehnt, weil man ihn in zwei Klassen vergab; »was soll denn das«, sagte sie verächtlich, »das ist doch kein Kommunismus!«

Bis zu ihrem Tod war sie Mitglied der »LINKEN«. »Schauen Sie sich doch um«, meinte sie, »wieviel Armut es heute wieder gibt.«

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