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Talentschmiede der Migrantinnen

Ein Besuch bei der viel gelobten Fußball-Nachwuchsarbeit von Türkiyemspor Berlin

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Cagla Kanpara (r.) hat Talent – und Spaß am Fußball.
Cagla Kanpara (r.) hat Talent – und Spaß am Fußball.

»Mädchen fassen Fußball anders als die Jungen auf. Sie reden viel miteinander. Auch wenn sie schon den ganzen Tag in der Schule zusammen waren.« Was Nico Borsetzky sagt, klingt wie ein Klischee. Aber Mädchenfußball ist gerade bei den Jüngsten noch ein Breitensport, und Betreuer wie Borsetzky sind bei Türkiyemspor manchmal eher Sozialarbeiter denn Trainer.

Der Kreuzberger Club ist der bekannteste Migrantenverein in Deutschland und Aushängeschild für die türkische Gemeinschaft. Nico Borsetzky schlendert über die Laufbahn und erzählt, dass es oft Besuch von Reportern gebe. Auf der Suche nach gelungenen Integrationsmodellen schildern die Medien am Beispiel Türkiyemspor eine Erfolgsgeschichte nach der anderen. Auch wenn die erste Herrenmannschaft gerade um ein Haar aus der Regionalliga abgestiegen wäre. Der Jugendfußball hat viel erreicht – gerade außerhalb des Platzes. Bei Türkiyemspor zählen keine schnellen Erfolge, sondern es wird Wert auf die Nachhaltigkeit gelegt.

Mit viel Engagement haben die Trainer und Betreuer in den letzten Jahren den Mädchenfußball gefördert. Mittlerweile gibt es in jeder Altersklasse ein Team. Das hört sich ganz nach einer weiteren Erfolgsstory an. Hinter der steckt allerdings eine Menge Arbeit. Manchmal trainieren fünf Teams gleichzeitig auf dem Kunstrasenplatz in der Blücherstraße. »Es ist nicht immer alles so rosig, wie es berichtet wird«, meint Nico Borsetzky. Und nicht immer läuft alles nach Plan.

Im Februar lief erst die Förderung für ein Schulfußball-Projekt aus, das Borsetzky koordiniert hat und das für den Aufbau des Mädchenfußballs von zentraler Bedeutung war. Der Betreuer suchte den Kontakt zu den Grundschulen im Kiez, unterstützte dort vorhandene Fußball-AGs und bot selber Kurse an. Finanzielle Mittel stellten das Forum Kreuzberg und die Agentur für Arbeit leider nur anderthalb Jahre zur Verfügung. Türkiyemspor konnte damit nur zeitlich begrenzt dem Schulfußball Impulse geben und eine Brücke zum Vereinsfußball herstellen.

Unterstützung bekam Borsetzky für das Projekt von zwei älteren Spielerinnen bei Türkiyemspor. Karla Krüger und Toya Bock beaufsichtigten die fußballerischen Gehversuche von Hortkindern der Heinrich-Zille-Grundschule. Die 15-jährige Karla sammelte dabei selber ihre ersten Erfahrungen als Übungsleiterin. »Mir hat’s Spaß gemacht, die Kleinen anzuspornen oder sie wie eine große Schwester in den Arm zu nehmen und zu trösten, wenn’s nicht so klappt.« Andere aus ihrem Türkiyemspor-Team wiegeln hingegen ab: Schulfußball sei zu chaotisch, sagen sie. Natürlich habe man im Verein ein höheres Niveau, meint Martin Ehlebracht, Elternvertreter an der Hunsrück-Grundschule, der selbst eine Fußball AG leitet. Aber darauf komme es nicht immer an.

»Das Interesse bei den Mädchen ist riesengroß«, sagt Ehlebracht. Das sei das Wichtigste. Die Zeiten, in denen Fußball nur was für Jungs war, sind vorbei. Auf diese Entwicklung versucht er zu reagieren. Zusammen mit dem Sportlehrer Roland Költz von der Bürgermeister-Herz-Grundschule baute er für die Jüngsten ein Team bei Türkiyemspor auf.

Manchmal leitet auch Nico Borsetzky das Training. Er unterbricht dann schon einmal das Spiel und reicht den Mädchen Wasserflaschen. Ebenso wie er darauf achtet, dass sie vorm Training Obst essen und kein Fastfood. »Das gehört heute alles dazu«, sagt er. Bisweilen rückt bei seinem Engagement der Fußball in den Hintergrund. Und doch ist das Spiel im nächsten Augenblick wieder präsent, wenn er Cagla Kanpara bei einer Übung dazu anhält, saubere Pässe zu spielen. Die Neunjährige hat Talent und kann ein Spiel ganz alleine entscheiden, obwohl sie gerade ihre erste Saison spielt. Auch sie fing mit dem Fußball in der Schule an und ist dann zu Türkiyemspor gekommen.

Damit alle Mädchen bei einem Spiel zum Einsatz kommen, wechselt Trainer Ehlebracht auch seine Leistungsträgerinnen aus. Selbst auf die Gefahr hin, dass sie verlieren. Davon gehe die Welt nicht unter, meint er. »Vielleicht ist das Wichtigste bei unserer Arbeit, dass wir den Kindern beibringen, Niederlagen wegzustecken.« Im Leben sei auch nicht immer eitel Sonnenschein.

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