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Mauern aus Ich-Gestein

Katrin Seglitz erzählt eine deutsch-deutsche Geschichte

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

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Auf dem Buchumschlag ein Brandenburger Tor in Rot. Signal: Es geht um die Grenze, die es nicht mehr und noch immer gibt. Katrin Seglitz, geboren 1960 in München, will verstehen, was geschehen ist und was geschieht. Zwei feindliche Brüder, uraltes literarisches Motiv. Vielleicht hat sie es auch in ihrer Umgebung erlebt: Menschen, die ein-ander verbunden waren, so lange die Mauer noch stand, wurden einander fremd, als sie abgerissen war.

Es wirkt paradox, aber es ist erklärlich. Denn vorher sind sie nicht auf gleicher Augenhöhe gewesen, die Ost- und die Westverwandten, Rollenspiele haben sie zelebriert. Sind miteinander nie ganz aufrichtig gewesen, weil sie an der Last ihres jeweiligen Staatsgebildes zu tragen hatten, das mit dem Gegenüber in Fehde lag. Neid und Bewunderung, Trotz und schlechtes Gewissen. Das Haben-Wollen auf der einen Seite, Nachsicht auf der anderen wurden kaschiert. Als die Mauer weg war, die Spielregeln sich geändert hatten, kam Verborgenes ans Licht. Und einer nahm dem anderen übel, dass es für den Osten den Westen und für den Westen den Osten nicht mehr gab, dass die Zauberspiegel zerbrochen waren, die man einander vorgehalten hatte.

In diesen Wust von Gefühlen taucht Katrin Seglitz ein. Sie tut es aus der Sicht einer jungen Frau, die sich mit solcherlei gar nicht belasten müsste, es aber dennoch wagt, sich geradezu quält damit. Warum? Aus Mitgefühl! Aus ihrer friedlichen Seele heraus will sie Zwietracht lösen. Will Versöhnung wie im Märchen, als die Schwester die Brüder aus dem Glasberg befreit, wofür sie sich sogar einen Finger abhacken muss. Aber hier geht es nicht um bösen Zauber, sondern um ein Erbe: das Haus der Eltern am östlichen Rand von Berlin, das der Vater per Testament seinem dort mit ihm wohnenden jüngeren Sohn Walter vermacht hat. Der hält das für rechtens, sein Haus war's doch über Jahrzehnte, verwachsen mit seiner Hände Arbeit. Richard, der Ältere, fasst es nicht. Nur weil er seit 1953 im Westen war, soll er nun leer ausgehen? Er klagt auf Auszahlung des Pflichtteils ...

Nur als Gier und Kälte gegen den Bruder würde mir das erscheinen, wenn Katrin Seglitz mich nicht dazu brächte, mich in Richard hineinzuversetzen. Und Leser in Ravensburg, wo sie wohnt, werden womöglich Walter verurteilen. Den Söhnen der Brüder ist das Hausproblem ziemlich egal. Der eine hat sich was Eignes gebaut, der andere, der den Wohlstand schon satt hat, will ins Kloster gehen. Nur Kornelia, Richards Tochter, treibt es um. Sie hat im Tagtraum ihren Großvater Ernst gesehen, der nicht zur Ruhe kommt, so lange seine Kinder streiten. Nach Berlin fährt sie und schaut sich dort um, auch nach Lohme, wohin ihr Vater während des Krieges drei Jahre evakuiert war. Frühe Trennung von der Familie, der die spätere nur folgte. »Statisten in einem Historienschinken, das sind wir alle, sagt Walter.«

Ihn hat die Autorin nicht als einen gezeichnet, dem es wirklich um die DDR zu tun gewesen ist; das wäre ihr fremd gewesen und hätte ihren Roman noch stärker ins Politische gezogen. Sie aber wollte auf das Private hinaus, wollte auf die Ebene, wo Verständigung noch am leichtesten möglich ist, soweit Gefühle übertragbar sind. In einer leisen, präzisen Sprache schreibt sie von Wunden, die wohl lange nicht heilen, alten Verletzungen, Verlust von Geborgenheit. Wie lebt man, wenn einem nicht mal mehr die Sehnsucht bleibt? Für Walter war der Westen immer etwas Besonderes gewesen. Nun hat er das Gefühl, etwas verpasst zu haben, zu spät gekommen zu sein.

Einst hatten beide Jungs von einer Nachbarin je ein Bienenvolk bekommen. Nur Walter war bei den Bienen geblieben. Als »Bienenkönig«? Ach, so fühlte er sich nicht. Hat Honig verschenkt an den Bruder und seine Kinder. Weil er damit das Haus aufwiegen wollte, wie Kornelia denkt? Er empfand es als seins. Sie begreift noch nicht, wie man im Osten über Besitz und Eigentum dachte. Nein, einfach weil der Honig gut war und er nichts anderes zu verschenken hatte. Aus gutem Willen tat er's. »Wir hatten's schwer ... Wir hatten's auch nicht leicht«, so lässt die Autorin die Brüder aufeinanderprallen. Mauern aus Ich-Gestein. Wer soll sie abtragen und wie?

»Das, was in diesem Land schief gegangen ist«, sagt Kornelias Bruder Jens, »kannst du auch mit Worten nicht gerade rücken«. »Aber man kann wenigstens verhindern, dass noch mehr schief läuft«, antwortet sie ihm. Eine Friedensstifterin in engen Lederhosen, wie Katrin Seglitz sie zeichnet, ist sie glaubwürdig in jedem Moment.

Katrin Seglitz: Der Bienenkönig. Roman. Weissbooks. 173 S., geb., 18,80 €.

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