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Plötzlich Lebensanfänger

Mitte Ende August von Sebastian Schipper

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August ist ein Monat, der am ehesten zu vierzigsten Geburtstagen passt. Alles glüht noch in Sommerhitze, aber man kann vielleicht vor anderen, aber nicht vor sich selber verbergen, dass es eher schon ein Nachglühen ist. Der Herbst schleicht heran, die Tage werden kürzer. Das ist die Atmosphäre in Hermann Hesses »Klingsors letzter Sommer« – dieses panische Gefühl: der Sommer des Lebens ist fast schon zu Ende. Ein letzter Schaffens-Rausch noch aus der Überfülle von Kraft heraus! Danach beginnt das Haushalten. Aber noch ist der Sommer da, wenn auch in schwindender Gestalt. Bald schon kommen dann Rilkes November-Verse daher, dieser Befestigungstrotz gegen die abnehmenden Tage: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Was also tun mit dem verbleibenden Rest des Sommers? Soll alles noch eine Weile so weitergehen wie bisher, oder soll (fast) alles anders werden? August-Fragen. Lebt man mit dem richtigen Menschen auf richtige Weise zusammen, oder wäre jetzt gerade noch Zeit, etwas zu ändern – bevor der Herbst mit seinem für alle sichtbaren Absterben kommt? Sebastian Schipper (»Absolute Giganten«, »Ein Freund von mir«) hat im Urlaub zufällig Goethes »Wahlverwandtschaften« in die Hand bekommen – und sie eher widerstrebend gelesen. Goethe, dieser Sieger-Typ mit Amt und Würden, das sei doch eher einer von der CDU!

Um die Vierzig – das ist auch das Alter, in dem es einen auf seltsame Weise befriedigt, wenn das Leben einen noch überraschen kann. Während man etwas später schon vor der Versuchung stehen wird, die eigenen Lebensirrtümer für Paradiese zu halten, schon weil sie so lange vergangen und Teil der eigenen Jugenderinnerung geworden sind. Und dann die Erschütterung: »Ich betrete den Roman wie eine verstaubte Villa, an der ich schon hunderte Male vorbeigefahren bin, deren Inneres aber nie mein Interesse geweckt hat. Ich erwarte Schwere. Möbel aus Eiche. Vorhänge aus Brokat. Fremden, alten Geruch. Aber alles ist anders.« Wie es dann ist, aus diesem Gefühl heraus hat er »Mitte Ende August« gedreht.

Eine Selbstvergewisserung. Ein Experiment. Sommerliche Versuchsanordnung zwischen weiterer Befestigung des Ich und Auflösung dieser Befestigung. Szenen einer Ehe auch zwischen Hanna (die wunderbar verrätselte Marie Bäumer) und Thomas (der herrlich unbedarft-umweglose Milan Peschel). Ein Film, ebenso witzig wie elegisch, scheint er ganz aus Atmosphäre gemacht zu sein. Die Temperaturschwankungen werden fühlbar. Auf der Berlinale kam »Mitte Ende August« nicht so gut an, was daran lag, dass ein Großteil der Kritiker (und die Jury!) sich auf Maren Ades Film zum gleichen Thema »Alle anderen« kapriziert hatten. Man sollte beide Filme im Vergleich sehen – und dann, so ging es mir, wird man vielleicht die Leichtigkeit lieben, mit der Schipper hier sein gar nicht so leichtgewichtiges Wahlverwandtschaftsthema in ein August-Poem verwandelt.

Die beiden Hamburger Hanna und Thomas kaufen ein Haus auf dem Land, noch dazu in Brandenburg. Vielleicht ist das das größte Abenteuer, dem man sich in der Mitte des Lebens aussetzen kann. Man hofft, dass es neuen Halt gibt - und fürchtet zugleich das Mehr an Ballast. Die ersten Tage im neuen alten Haus sind dann auch von der Euphorie des Beginnens getragen. Wenn man die alten Möbel des Vorbesitzers verbrennt, gibt das ein schönes Feuer, an dem man sitzen und seinen Wein trinken kann. In manche Wände kann man auch nur einmal ein großes Loch schlagen und ein Baum, der gefällt ist, bleibt gefällt. Urbarmachungen, die einem das Gefühl geben, ganz am Anfang zu stehen. Aber die Welt hat die Angewohnheit, sich immer im ungeeignetsten Moment wieder in Erinnerung zu bringen. Kaum ist der erste Rausch vorbei, müssen Entscheidungen getroffen werden. Welches Sofa will man kaufen? Plötzlich wird es quälend. Das große Glück prallt auf eine lange Liste von alltäglichen Entscheidungen, die zu treffen das Gegenteil von Euphorie bedeuten.

Also ist es vielleicht doch besser, wenn man nicht immer zu zweit ist, während man ein altes Haus umbaut? Thomas Bruder Friedrich – ein beruflich und familiär Abgestürzter, noch dazu mit Hörsturz: André Hennicke – wird eingeladen, was Vorteile hat, denn er ist Architekt. Auch Hannas Patentochter Augustine (lebenspraktisch und kindfrauhaft zugleich: Anna Brüggemann) kommt zu Besuch – und in diesem Beziehungsquadrat verändern sich plötzlich die Beziehungen zueinander. Dann eskaliert die Situation, als auch Hannas Vater (herrlich als verlebter Hamburger Lebemann ohne Illusionen, aber mit Marotten: Gert Voss) auftaucht.

Ist Thomas nicht tatsächlich nervtötend laut und mitunter furchtbar geschmacklos im Vergleich zu seinem Bruder Friedrich? Das fragt sich Hanna plötzlich. Auch sind Friedrich und sie beide Teetrinker, das verbindet, besonders in späten Nachtstunden. Und Thomas beginnt nun Hanna, die selbstbewusste, auch anstrengende Frau mit der jungen Lebensanfängerin Augustine zu vergleichen. Und alle spielen sie in diesen letzten warmen Augustnächten den Gedanken durch: Wie wäre es, noch einmal ganz neu anfangen zu können. Wäre es schön?

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