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Bluthochzeit, Säbeltanz

Tanzfolklore hat in Deutschland einen schweren Stand

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Natürlich bildet auch im 1945 begründeten Tanzkonservatorium Prag wie in jeder professionellen Ausbildung der Unterricht in Klassischem Tanz das Zentrum. So präsentierte die diesjährige Absolventengala ein Divertissement aus dem kaum mehr gespielten Ballett »Laurencia« seligen Sowjetangedenkens. Auf dem Programm standen aber auch »Yesterday« als Reminiszenz an die Beatles, Jirí Kyliáns neoklassische »Lieder eines fahrenden Gesellen« zum Mahler-Zyklus und, ganz böhmische Mentalität, Pavel Smoks »Sinfonietta« zur Musik Janáceks als bauernburschenhafter Spaß mit Mädchen.

Klassik, Folklore und zeitgenössische Techniken bilden die Säulen der Ausbildung, erzählt Schuldirektor Jaroslaw Slavický. So enthalten die Programme des Bohemia Balletts, der schuleigenen Compagnie, auch viel nationale Folklore. Hier können sich die Studenten freitanzen, lernen Musikalität und Raumbeherrschung, sagt Slavický. Eine solche Tendenz findet man heute allenfalls noch in den Ausbildungsinstituten Russlands und Ungarns.

In Deutschland hingegen ist Folklore eine aussterbende Spezies. Das mag verschiedene Gründe haben. Zum einen haben die Nazis Brauchtum allzu fatal für sich reklamiert. Nach 1945 besannen sich die Länder des Ostblocks auf Folklore als Möglichkeit, der Kunstgattung Ballett eine neue Identität zu geben. Vorangegangen war die Sowjetunion, in der seit den 1930ern Ballette mit nationalem Sujet wie Pilze aus dem Boden sprossen. Bäuerinnen, so die kulturpolitische Devise, durften fortan nicht mehr auf Spitze tanzen, sondern hatten sich in der jeweils regionalen Folklore zu artikulieren. Das nicht genügend befolgt zu haben, setzte Schostakowitsch mit seinem Ballett »Der helle Bach« infamer Denunziation aus. Erfolgreichster Werk dieses neuen Typs wurde Aram Chatschaturjans auch in der DDR inszenierte »Gajaneh« über eine armenische Kolchose und mit dem Säbeltanz.

Jeder Betrieb hatte sein Volkstanzensemble, das sich mit anderen beim Tanzfest in Rudolstadt maß. Folklore wurde überdies wissenschaftliches Forschungsthema. Was Bartók und Kodály in Ungarn getan hatten, Musikfolklore zu sammeln, das taten in der DDR in Feldforschung beispielsweise Thea Maass und Aenne Goldschmidt.

Im Lauf der Jahre wurde besonders das Staatliche Tanzensemble der DDR in den Hackeschen Höfen Berlin mit seinem profunden Repertoire zum weltweiten Botschafter einer Teils unserer Nationalkultur. Nach der Wende sah das die bundesdeutsche Kulturpolitik ganz anders. Sie nahm Anstoß an der als ideologisch durchseucht verstandenen Stilisierung der Folklore, wie sie bei Gastspielen des russischen Moissejew-Ensembles oder von Mazowsze aus Polen gefeiert wurde, löste die DDR-Ensembles auf und setzte auf Tümelei-Formate des Schlags »Lustige Musikanten«.

Dabei ist der Trend zu bühnengemäßer Verarbeitung von Folklore ein internationaler, denkt man an Antonio Gades' Produktionen wie »Carmen« und »Bluthochzeit«, das gerade weltweit tourende Tango-Musical »Tanguera« oder Shows wie »Riverdance« und »Lord of the Dance«. Alle wollen sie ihrem Tanzstil, ob Flamenco, Tango, Irish Tap, neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen, ihn so ins neue Jahrtausend retten.

Deutschlands Folklore, vielleicht nicht so rassig wie russische, ungarische, tschechische, aber ebenso variant, hätte jedenfalls verdient, bewahrt zu werden. Derzeit tut das nur die Deutsche Tanzkompanie in Neustrelitz, hervorgegangen aus einem der aufgelösten staatlichen Ensembles. Über zu viel Unterstützung kann sie bisher indes nicht klagen.

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