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Konservieren, Vermitteln, Aufklären

Die Studierenden des ersten Holocaust-Studiengangs lernen, das Thema Shoa den Menschen nahe zu bringen

Hendrik M. Kosche ist Mitarbeiter der Jüdischen Gemeinde Berlin. Er ist einer der ersten fünf Absolventen des in dieser Form weltweit einmaligen Studiengangs »Master of Arts in Holocaust Communication and Tolerance«, der vom privaten Touro College Berlin angeboten wird. Studienvoraussetzung ist ein erster Abschluss wie z.B. ein Bachelor. Mit dem 44-Jährigen sprach ND-Mitarbeiter Markus Drescher.
Vermittlung des Themas Holocaust im Ort der Information des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin
Vermittlung des Themas Holocaust im Ort der Information des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin

ND: Sie haben sich dazu entschieden, den Holocaust-Studiengang am Berliner Touro College zu absolvieren. Was zeichnet diesen Studiengang im Vergleich zum universitären Lehrbetrieb aus, kommt dort das Thema Holocaust zu kurz?
Kosche: An den Universitäten ist das Thema Holocaust ein Teil des Geschichtsstudiums, hier ist es explizit ein Studiengang, der alle Aspekte der Shoa oder des Holocaust beleuchtet: die Täter, ihre Opfer, wirtschaftliche, gesellschaftspolitische und auch kulturelle Aspekte. Wir hatten zum Beispiel ein ganzes Seminar zum Vernichtungslager Auschwitz.

Hendrik M. Kosche
Hendrik M. Kosche

Lange Zeit wurde der Holocaust in der Bundesrepublik gar nicht oder nur in geringem Maße thematisiert und diskutiert. Besonders in den Nachkriegsjahren, als es besonders wichtig gewesen wäre, weil die Täter, Opfer und Zeugen noch zahlreich und Teil der bundesdeutschen Gesellschaft waren, herrschte mehr Schweigen und Desinteresse als der Wille zur Aufklärung.
Heute liegen die nationalsozialistischen Verbrechen mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, viele haben mit diesem Teil der Geschichte abgeschlossen, sehen keine Notwendigkeit mehr, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen oder haben schlicht keine Ahnung davon, was sich damals abspielte. Eine große Herausforderung, der mit diesem Studiengang entsprochen wird?
Natürlich ist es schwierig, heute über den Holocaust aufzuklären, weil der Zeitabstand immer größer wird. Wir haben nächstes Jahr den 65. Jahrestag der Befreiung und damit die Aufgabe, bereits der vierten oder gar fünften Generation ein kompliziertes Thema zu vermitteln. Darin liegt die besondere Aufgabe und Schwierigkeit, es so interessant wie möglich zu gestalten, damit die Menschen zuhören. Das Thema ist zu wichtig, als dass sie weghören dürfen.

Mit dem Studiengang werden die Grundlagen dafür geschaffen, den nächsten Generationen den Holocaust vermitteln zu können, wenn die Zeitzeugen gestorben sind. Ein großer Teil des Studiums befasst sich deshalb mit den Themen Erinnerungs- und Gedenkarbeit – wie vermittle ich mit neuen Methoden den Holocaust und auf welche Weise erkläre ich den Menschen, wie es dazu kommen konnte.

Wie sieht das praktisch aus?
Das ist zum Beispiel die möglichst interessante Gestaltung von Gedenkorten oder Ausstellungen. Man muss mit modernen Medien und Präsentationsmethoden arbeiten und kann heutzutage nicht mehr einfach aufgeschlagene Bücher in Vitrinen ausstellen. So etwas langweilt schnell, egal um welches Thema es sich handelt.

Um etwa die Computergeneration anzusprechen, ist es unverzichtbar, das Medium Computer auch bei der Wissensvermittlung einzusetzen. Ein gutes Beispiel ist hier das Jüdische Museum in Berlin, wo sich jeder in einem sogenannten Learning Room – nicht nur auf das Thema Holocaust bezogen – durch die jüdische Geschichte klicken kann. Auch die pädagogische Arbeit mit jungen Menschen ist wichtig.

Sollten Jugendliche nicht schon in der Schule umfassend mit dem Thema Holocaust vertraut gemacht werden? Gibt es hier Defizite?
Ein Urteil darüber ist vom jeweiligen Bundesland abhängig. Es gibt Bundesländer, in denen der Holocaust im Unterricht nur sehr gedämpft vorkommt, schon vom Lehrplan her. In anderen wiederum wird mehr Wert darauf gelegt. Sehr viel hängt auch von den einzelnen Schulen und deren Bereitschaft ab, die Fülle der externen Bildungsangebote zu dem Thema auszuschöpfen. Hinzu kommen die Lehrer und deren Fähigkeiten zur Vermittlung des Themas. Deshalb gibt es auch spezielle Programme, die Seminare für Lehrer anbieten, damit diese in der Lage sind, dieses schwierige Thema jungen Menschen nahe zu bringen.

Sie haben angesprochen, dass die Zeitzeugengeneration ausstirbt. Wie kann man deren Erfahrungen bewahren und weitergeben?
Man kann nur die Erzählungen über das Erlebte konservieren, das heißt Zeitzeugeninterviews führen. Für die Weitergabe müssen diese dann so aufbereitet werden, dass die jungen Leuten nicht irgendwann abschalten, weil es ihnen zu langweilig wird.

Hohe Einschaltquoten als Indiz für Kurzweil kann der Fernseh-Historiker Guido Knopp mit seinen Sendungen zum Nationalsozialismus vorzeigen. Was halten Sie von dieser Art des massenmedialen Geschichtsunterrichts?
Nicht alles, was er macht, ist gut, und seine Arbeit wird auch hier unter meinen Kommilitonen kontrovers diskutiert und von Professoren aus Sicht der Wissenschaft als eher flach bezeichnet. Ich persönlich finde aber, durch die sehr populärwissenschaftliche Herangehensweise erreicht er unwahrscheinlich viele Menschen.

Das ist deshalb wichtig, weil er durch die leichte Verständlichkeit seiner Fernsehsendungen viele Leute, die sich ansonsten vielleicht nur wenig für Politik und Geschichte interessieren, sozusagen mitnimmt und zum Nachdenken anregt. Er alleine kann aber natürlich nicht Grundlage der Vermittlung eines so komplexen Themas wie der Holocaust sein. Jedoch im gesamten Kontext finde ich ihn wichtig.

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