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Die ältesten zuerst oder alle zugleich?

Atomkraftgegner sind uneins, mit welcher Ausstiegsforderung sie die Politik konfrontieren wollen

  • Von Felix Werdermann
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Störfall nach dem anderen: Die Atomindustrie steht unter Druck. Sollte die Umweltbewegung nun das Abschalten der ältesten Reaktoren fordern? Oder gleich die Stilllegung aller Anlagen? Die Frage nach der richtigen Taktik sorgt für heftige Diskussionen.

Eigentlich ist der Atomausstieg beschlossene Sache. In den nächsten vier Jahren müssten demnach sieben Reaktoren abgeschaltet werden. Doch nach der Bundestagswahl könnte das eine unionsgeführte Regierung ändern. Längst haben die Parteien die Streitfrage als Wahlkampfthema entdeckt, die Störfälle in Krümmel heizen die Diskussion zusätzlich an.

Umweltorganisationen und Anti-Atom-Bewegung stellt das vor die Frage, wie sie damit umgehen: Sollen sie sich einsetzen für das Abschalten der sieben ältesten Reaktoren und des Pannen-Reaktors in Krümmel? Oder ist der Zeitpunkt günstig, um die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen zu fordern? Greenpeace setzt in letzter Zeit alles daran, aufzuzeigen, wie gefährlich, teuer und überflüssig die sieben Uralt-Reaktoren sind. Bei der Umweltorganisation Robin Wood hingegen diskutieren die Aktivisten jetzt um ihre Positionierung zum Atomausstieg.

Es sei »inkonsequent«, das Abschalten der ältesten Kraftwerke explizit zu fordern, schreibt ein Aktivist in einer E-Mail über den internen Verteiler. Zumindest, wenn man weiterhin die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen fordere. Ein anderer meint, man könne »eine Mauer, die komplett weg soll, auch dadurch einreißen, dass man zuerst die lockersten Steine wegbricht« – gemeint sind die ältesten Reaktoren. »Mehr als problematisch« findet eine Aktivistin die Forderung nach der Abschaltung einzelner Meiler, während ein Vierter die Forderungen gar nicht gegeneinander diskutieren möchte: »Ausstieg sofort und mit 7+1 fangen wir mal jetzt an.«

Entzündet hat sich die Diskussion an der Öffentlichkeitsarbeit der Organisation. In den Pressemitteilungen der letzten Wochen lässt sich nur ein einziges Mal die Forderung finden, alle Atomkraftwerke abzuschalten. Dirk Seifert, Energiereferent bei Robin Wood und Ansprechpartner für Journalisten, verteidigt die Außenkommunikation gegenüber ND: In jeder Presseerklärung »gebetsmühlenartig« die Sofortabschaltung aller Atomkraftwerke zu fordern, müsse nicht sein. »Jeder weiß, dass Robin Wood für den Sofortausstieg steht.«

Anders sieht das Hanna Poddig. Die Anti-Atom-Aktivistin würde die Forderung »immer mit reinschreiben, damit sie die Priorität erhält, die sie haben muss«. Sich immer nur an den realpolitischen Möglichkeiten zu orientieren, sei eine »Schwäche der Bewegung«. Poddig geht davon aus, dass die Forderung, die ältesten Meiler abzuschalten, nach dem Bundestags-wahlkampf ohnehin verschwinden wird. Wenn sich Umweltorganisationen nun dafür einsetzen, hätten sie »keine eigene Stimme« mehr, sondern machten sich zu »Unterstützern des Wahlkampfs von Sigmar Gabriel«. Der SPD-Umweltminister verspricht das Abschalten der ältesten Reaktoren, sollte er im Amt bleiben.

Energiereferent Seifert würde das begrüßen: »Das reicht nicht, wäre aber ein Schritt in die richtige Richtung.« Und er fügt hinzu: »Ich hätte es weiß Gott lieber, wenn wir alle wegkriegen.« Das sei technisch innerhalb weniger Wochen möglich. Dass die Konzentration auf die sieben Uralt-Reaktoren und das Kraftwerk Krümmel problematisch ist, räumt er ein: Zwar hätten die älteren Kraftwerke »besonders auffällige Sicherheitsdefizite«, doch auch die anderen Reaktoren könnten jeden Tag »hochgehen«. Für Aktivistin Poddig ist das ohnehin irrelevant: »Ob die Wahrscheinlichkeit an dritter Nachkommastelle variiert, ist egal«, sagt sie. Ein Unfall führe zu einer Katastrophe in so gigantischem Ausmaß, dass jedes Restrisiko inakzeptabel sei.

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