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Memory macht Homophobie den Garaus

Zweiter Teil der Integrationsserie: Der Verein Gladt wirkt gegen schwulenfeindliche Einstellungen in der Gesellschaft

  • Von Katharina Zeiher
  • Lesedauer: 4 Min.

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Koray Yilmaz-Günay im Büro von Gays and Lesbians aus der Türkei (Gladt)
Koray Yilmaz-Günay im Büro von Gays and Lesbians aus der Türkei (Gladt)

Das Thema Integration ist in aller Munde. Doch wie sieht erfolgreiche Integrationspolitik tatsächlich im Kleinen aus? Dieser Frage geht das ND seit vergangener Woche immer sonnabends an dieser Stelle nach, indem es insgesamt vier sogenannte Tandemprojekte vorstellt, die der rot-rote Senat im Rahmen seines Aktionsprogramms zur Integration fördert. Heute im zweiten Teil der Serie ist es das Projekt »Homosexualität in der Einwanderungsgesellschaft«, das der Verein Gays and Lesbians aus der Türkei (Gladt) durchführt.

Als Hunderttausende Lesben, Transmenschen und Schwule am Cristopher-Street-Day Ende Juni durch die Straßen zogen, feierte Berlin wieder einmal seine Vielfalt. Zwar wurde am Rande der Party auch an die Schattenseiten erinnert. »Wir müssen täglich dafür kämpfen, dass Menschen nicht diskriminiert und ausgegrenzt werden«, sagte etwa der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Doch die alltägliche Arbeit gegen Homophobie findet jenseits der großen Worte und bunten Feiern statt.

In einer grünen Schöneberger Nebenstraße liegt das Büro von Gladt – Gays & Lesbians aus der Türkei. Der Verein arbeitet im Rahmen des Aktionsprogramms zusammen mit anderen am Projekt Homosexualität in der Einwanderungsgesellschaft – Handreichungen für eine emanzipatorische Jungenarbeit (HEJ). Auf dem Balkon des kleinen Hauses sitzt Koray Yilmaz-Günay, in Berlin geboren und aufgewachsen und Mitbegründer von Gladt.

Er erzählt, dass Gewalt gegen Homosexuelle als gesellschaftliches Problem erst dann wahrgenommen wird, wenn die Täter muslimische Jugendliche seien. Häufig würden dann kulturelle oder religiöse Motive für die Tat ausgemacht. Die Statistik bestätige einen solchen Zusammenhang aber nicht, so Yilmaz-Günay. Geschlecht, Alter und soziale Situation seien viel ausschlaggebender für die Frage der Täterschaft: »Homophobe Gewalt wird in aller Regel von jungen und sozial benachteiligten Männern ausgeübt.«

An diesem Punkt will der Verein mit HEJ ansetzen. Begonnen hat das Projekt im Mai 2008 mit einer Befragung von 55 Lehrern, Streetworkern und Mitarbeitern verschiedener Jugendeinrichtungen zum Thema Homosexualität. »Wir wollten sehen, wo Defizite liegen, wo Handlungsbedarf besteht«, so Yilmaz-Günay. Dabei kam nicht nur heraus, dass die bestehenden Ansätze gegen Schwulenfeindlichkeit migrantische Jugendliche meist nicht erreichen. Gezeigt hat sich auch »eine Tendenz zu konservativen Geschlechterrollen bei Kindern und Jugendlichen«, berichtet Yilmaz-Günay. Werte wie Ehe und Treue hätten im Vergleich zur Elterngeneration eine starke Aufwertung erfahren genauso wie klassische männliche und weibliche Rollenmuster – und zwar bei migrantischen genauso wie bei deutschen Jugendlichen.

Folgerichtig setzt Gladt bei den Vorstellungen von Jugendlichen über Männlichkeit, Weiblichkeit und Sexualität an. In enger Zusammenarbeit mit Heranwachsenden und pädagogischen Fachkräften hat der Verein beispielsweise eine Art Memory entwickelt. Anders als bei dem bekannten Gesellschaftsspiel sollen die Spieler aber nicht zwei gleiche Kärtchen entdecken, sondern ihre Ansichten über die darauf abgebildeten Menschen mit den Mitspielern diskutieren. Ist der gepflegte junge Mann schwul oder nicht? Könnten die zwei Frauen ein Liebespaar sein? »So wird es möglich, mit den Jugendlichen über das zu diskutieren, was als gesellschaftlich akzeptabel gilt und Respekt gegenüber anderen Lebensweisen zu fördern«, erläutert Yilmaz-Günay.

Mit Blick auf die pädagogischen Fachkräfte weiß Gladt von einer großen Unsicherheit im Umgang mit Homophobie bei migrantischen Jugendlichen zu berichten. Oft würden feindliche Einstellungen gegenüber Schwulen und Lesben auf eine vermeintliche kulturelle oder religiöse »Andersartigkeit« migrantischer Jugendlicher zurückgeführt. Hier hält Gladt mit Fortbildungen für Pädagogen etwa zum Thema »Migration und deutsche Identität« dagegen. In Diskussionen, Beratungen und Trainings können sich die Pädagogen über eigene Vorurteilsstrukturen bewusst werden und sich mit anderen über Probleme der praktischen Arbeit austauschen.

Noch bis Ende des Jahres läuft die Projektförderung durch den Senat. Doch auch danach will Gladt weitermachen: »Es ist sehr wichtig, dass es in diesem Bereich eine stetige Arbeit gibt«, unterstreicht Yilmaz-Günay. »Oft werden wir in Problemsituationen gerufen«, erzählt er. Gladt sehe sich aber nicht als »Feuerwehr«, die immer nur dann zum Einsatz kommen soll, »wenn es mal wieder brennt.« – »Wir wollen, dass die Leute, die mit den Jugendlichen dauerhaft zusammen arbeiten, sich selber fit fühlen, diese Probleme anzugehen«, so Yilmaz-Günay. Doch bereits jetzt leistet Gladt einen Teil der Arbeit ehrenamtlich. »Sorgt dafür, dass es anständige Angebote für Jugendliche gibt«, fordert Yilmaz-Günay. »Nur so kann sozialer Verwahrlosung entgegen gewirkt werden.«

www.hej-berlin.de

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