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Kienbaum – ein Eldorado des Sports

Die einstige Medaillenschmiede des DDR-Sports ist heute begehrtes Bundesleistungszentrum

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Diskuswurf-Vizeweltmeister Robert Harting kann in Kienbaum völlig wetterunabhängig in einer Halle mit Wurfsektor nach draußen trainieren. Fotos: camera4
Diskuswurf-Vizeweltmeister Robert Harting kann in Kienbaum völlig wetterunabhängig in einer Halle mit Wurfsektor nach draußen trainieren. Fotos: camera4

Kienbaum – südöstlich von Berlin in der brandenburgischen Gemeinde Grünheide (Mark) im Landkreis Oder-Spree gelegen – ist nicht gerade das, was man eine idyllische Gegend nennt. Kein Urlaubsparadies, trotz des hier gelegenen Liebenberger Sees. Wer hierher kommt, dem steht auch nicht der Sinn nach Urlaub.

Die raue Wirklichkeit bekommt man schon zu spüren, wenn man nach gut 30-minütiger Autofahrt vom Berliner Stadtzentrum über die Bundesstrasse 1 Richtung Frankfurt (Oder) dem Hinweisschild nach Kienbaum folgt und rechts abbiegt. Fortan führt der weitere Weg über eine holprige Landstraße, die schon vor der Wende so beschaffen war. Und doch gibt es einen Unterschied: Damals war die dortige DTSB-Sportschule weitgehend abgeschottet von der Außenwelt. Die Medaillenschmiede des DDR-Spitzensports war top secret, wie man heute sagen würde.

Ein »Altbundi« dankt dem ZK der SED

Wo einst ein Sägewerk stand und später eine Munitionsfabrik, die nach 1945 geschlossen wurde, wo schließlich ab Juli 1952 Schritt für Schritt eine hochmoderne Sport- und Trainingsstätte für den DDR-Leistungssport entstand, wo es sogar ab 1980 eine Unterdruckkammer gab zur Simulierung von Höhentrainingsbedingungen bis zu 4000 m Höhe – dort ist nach endlosen Stretiigkeiten nunmehr seit 1991 auf dem 60 Hektar großen Areal das Bundesleistungszentrum für den deutschen Leistungssport mit gegenwärtig 17 Trainingsanlagen beheimatet.

Wer in diesen Tagen seine Schritte hierher lenkt, muss – wie auch früher schon – erst eine Schranke passieren, um eingelassen zu werden. Dahinter empfängt den Besucher auf Schritt und Tritt das Flair der Leichtathletik-Weltmeisterschaften, die am letzten Sonnabend in Berlin begonnen haben. Nicht nur, dass sich hier seit voriger Woche die 90-köpfige deutsche Mannschaft den letzten WM-Schliff verpasst. Auch die für diese Heim-WM typischen Farben blau und grün rundherum signalisieren WM-Atmosphäre.

»Kienbaum ist längst zu meinem zweiten Zuhause geworden«, sagt Speerwurf-Europameisterin Steffi Nerius, die nicht gezählt hat, wie oft in ihrer langen Karriere sie sich hier den Feinschliff für den Saisonhöhepunkt geholt hat. »In Kienbaum habe ich alles, was ich benötige, um in Form zu kommen: hervorragende Trainingsstätten, gute Unterkunft und gutes Essen«, ergänzt die 37-Jährige, die einst in Bergen auf der Insel Rügen mit dem Sport begonnen hatte und über den SC Empor Rostock schließlich zum TSV Bayer Leverkusen wechselte.

Es ist ihre unwiderruflich letzte Saison, die sie möglichst mit einer WM-Medaille krönen möchte. Dafür schuftet sie hier drinnen im Kraftraum an den Gewichten, was keinen Spaß zu machen scheint, wenn man in ihr Gesicht blickt, und natürlich draußen auf der Topwurfanlage.

Auch Jürgen Mallow, Sportdirektor im Deutschen Leichtathletik-Verband, lobt Kienbaum in den höchsten Tönen: »Es ist das Beste, was es in Deutschland gibt. Ich wüsste nicht, wo wir uns sonst adäquat und so komplex mit den Leichtathletik-Nationalmannschaften aller Altersstufen auf die Saisonhöhepunkte vorbereiten könnten.« Dann kommt noch etwas Ungewöhnliches aus dem Mund des »Altbundis« anno 2009: »Ich müsste eine Dankesrede an das ZK der SED halten, dass man dieses Trainingszentrum hier gebaut hat. Und ich danke allen, die sich nach der Wende dafür eingesetzt haben, dass dies alles erhalten geblieben ist.«

Abwicklung nach viel Gezerre verhindert

Tatsächlich wäre die DTSB-Sportschule in Kienbaum nach der Wende beinahe unter den Hammer geraten. Denn es entbrannte ein erbitterter Streit zwischen dem damaligen Deutschen Sportbund (DSB) und der Landesregierung von Brandenburg, die sich in ihrer sturen Haltung auf die ehemalige Sportschule in Lindow konzentrierte und aus Kostengründen mit Kienbaum nichts zu tun haben wollte. Dabei ging es natürlich – in dieser Zeit nicht verwunderlich – auch um die strittigen Fragen bei der Grundstücksübertragung an den Träger- und Förderverein. Hätte sich der Vorstand des Bundesausschusses Leistungssport beim DSB nicht so vehement für Kienbaum ins Zeug gelegt, wäre der Standort wohl abgewickelt worden, wie damals so vieles.

Doch zurück in die Gegenwart: Klaus-Peter Nowack, seit 2002 Geschäftsführer des Bundesleistungszentrums und vor der Wende DTSB-Kreissportlehrer in Berlin-Mitte, freut sich über die lobenden Worte, die die Athleten, Trainer und Funktionäre über das Bundesleistungszentrum und seine 53 Angestellten äußern. Er verweist nicht ohne Stolz auf »die jährliche Auslastung von 70 Prozent«, was vor allem auf eine Tatsache zurückzuführen ist, die Nowack so beschreibt: »Wir haben mit zwölf Sportverbänden Kooperationsverträge geschlossen. Sie nutzen Kienbaum regelmäßig für Trainingslager, allen voran der Deutsche Leichtathletik-Verband.«

Hinsichtlich der internationalen Trainingslager nennt Nowack ohne Umschweife eine wichtige Prämisse: »Es gibt natürlich viele Wünsche aus anderen Ländern. Wir machen eine Zusage aber vom eigenen Nutzen und in jedem Fall von Absprachen mit den Sportverbänden abhängig. Es macht aus unserer Sicht viel Sinn, wenn Japans Turner oder Judoka hierherkommen, weil wir von ihnen lernen können.«

Investitionen von 63 Millionen Euro

Dahinter steckt eine gewisse Logik, schließlich wurde in das größte und bedeutendste Leistungszentrum für den deutschen Spitzensport in den letzten 15 Jahren in erster Linie aus Bundesmitteln enorm viel investiert – nicht zuletzt auch dank des Engagements des Trägervereins, dem seit 1997 der ehemalige Magdeburger Fußballer und DFB-Vizepräsident Dr. Hans-Georg Moldenhauer vorsteht. »Über 50 Millionen Euro wurden reingesteckt für die Sanierung, den Neubau und Unterhalt der Sporteinrichtungen«, beziffert Moldenhauer den sichtbarsten Wandel in Kienbaum verglichen mit DDR-Zeiten. Die Summe wächst mit den geplanten neuen Projekten sogar auf 63 Millionen Euro.

Zu den wichtigsten Bauten der jüngsten Zeit gehören der Wiederaufbau des Kraftraumes, die Modernisierung der Schwimmhalle mit fünf 25-m-Bahnen und Rehabecken, ein neues Kultur- und Tageszentrum, eine modernisierte Mensa und Cafeteria, eine neue Beachvolleyballanlage und das neu errichtete Bootshaus am angrenzenden Liebenberger See mit einer 1000-m-Trainingsstrecke für die Rennkanuten.

Vor zwei Jahren waren blaue Bitumen-Rundbahnen für die Leichtathleten eingeweiht worden. In Konsistenz und Farbe entsprechen sie exakt der schnellen Bahn im Berliner Olympiastadion, weshalb die internationale Konkurrenz im Vorfeld der WM sogar einen »Wettbewerbsvorteil« argwöhnte, zumindest »einen optischen Vorteil«.

Wenn Geschäftsführer Nowack in die Zukunft blickt, so signalisiert er schon mal, dass demnächst wieder Baufahrzeuge anrücken und die trügerische Idylle stören werden. »Die in die Jahre gekommenen Pavillons werden durch zwei Neubauten ersetzt. Neben der Schwimmhalle wird eine neue Trainingshalle mit einer Höhe von 12,50 m entstehen – in Deutschland einmalig und besonders für Volleyball geeignet«, schildert Nowack und fährt fast ohne Atempause fort, wobei er mit der ausgestreckten Hand nach vorn zeigt: »Dort hinten, in Kienbaum II, wie wir sagen, wächst ein neuer Ballspielkomplex, der die bisherige alte Halle ersetzt und vornehmlich für den Nachwuchs gedacht ist.« Auch das bisherige Hauptgebäude am Liebenberger See soll ab Oktober dem Erdboden gleichgemacht und durch einen dreigeschossigen Verwaltungstrakt und weitere Übernachtungsmöglichkeiten ersetzt werden.

»Für Judoka, Ringer, Boxer, Tischtennisspieler, Bogenschützen und Gymnastikgruppen wird es durch eine multifunktionale Sportanlage künftig weitaus bessere Trainingsmöglichkeiten geben«, schildert Nowack bei unserem Rundgang, während im hinteren Teil des weitläufigen Kienbaum-Geländes schon die Handwerker eifrig am Werk sind. »Die Finanzierung«, fährt Nowack fort, der die Frage schon ahnt, »erfolgt aus Mitteln des Sportstättenbaus des Bundesinnenministeriums, dem aufgelegten Konjunktur- und energetischen Sanierungsprogramm der Bundesregierung.«

Statt Unterdruck neue Kältekammer

Kein Wort ist bis dahin über die zu DDR-Zeiten genutzte Unterdruckkammer gefallen. Was ist daraus geworden? »Sie ist seit der Wende geschlossen und inzwischen verschlissen«, sagt Nowack. Und warum wurde nichts investiert? »Nach mehreren wissenschaftliche Studien ist der Nutzen sehr umstritten. Wir wollten keine Steuermittel in den Ausbau einer Einrichtung stecken, die strittig ist.«

Dafür wurde im Juli ein spektakuläres Projekt eingeweiht: die Kältekammer, wie sie für den Sport in Deutschland einmalig ist. Diese Einrichtung stützt sich auf medizinische und sportwissenschaftliche Erkenntnisse aus etlichen Studien. Prof. Dr. Winfried Joch vom Institut für Sportwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und einer der Erfinder dieser Anlage in der Größe einer Sauna beschreibt den Sinn verknappt so: »Sie dient einer rascheren Regeneration, führt nach unseren über 300 Studien zu einer Leistungssteigerung von drei bis fünf Prozent und hat für die Behandlung von Sportverletzungen schmerzlindernde und entzündungshemmende Effekte.« Die maximale Verweildauer in der dreigliedrigen Kältekammer (minus 10, minus 60 und minus 110 Grad) beträgt bei minus 110 Grad drei Minuten. Der Sportwissenschaftler macht aber hinsichtlich der tatsächlichen Wirkung eine wichtige Ergänzung: »Es ist eine Kurzzeitwirkung von etwa 26 Minuten. In dieser Zeitspanne kommt es also sehr darauf an, dass der Trainingsplan exakt definiert ist zwischen Belastung und Pause mit Besuch der Kältekammer.«

Der Sprinter Alexander Kosenkow, der bei den WM in Berlin in der 4 x 100-m-Staffel laufen wird, meinte nach zweieinhalbminütigem Aufenhalt überzeugt: »Meine Lunge ist jetzt doppelt so groß.«

Kienbaum – das ist führwahr keine Urlaubsoase, dafür aber für Deutschlands Spitzensportler ein begehrtes Eldorado.

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