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Im Visier von Somalias Milizen

Helfer leben am Horn von Afrika gefährlich

  • Von Marc Engelhardt, Wajid
  • Lesedauer: 4 Min.
Im vergangenen Jahr starben nach Angaben der Vereinten Nationen 122 humanitäre Helfer durch Gewalt, mehr als drei Mal so viele wie vor zehn Jahren. Auf die wachsende Bedrohung macht die UNO jetzt mit einem internationalen Tag der Humanitären Hilfe aufmerksam, der an diesem Mittwoch zum ersten Mal begangen wird. Ein Extrembeispiel ist Somalia.

Wer in Somalia helfen will, schwebt immer mehr in Lebensgefahr. Die Abendgebete in den Moscheen waren schon lange verklungen, als ein Trupp aus gut zehn schwer bewaffneten Männern sich in der Nacht zum Montag an den Stützpunkt des UN-Welternährungsprogramms (WFP) in Wajid heranschlich. Es war dunkel: von den Sicherheitsleuchten des von einem hohen Zaun umgebenen Geländes abgesehen, erleuchten nachts nur die Sterne die Straßen der zentralsomalischen Stadt. Entsprechend groß war die Überraschung, als gegen dreiundzwanzig Uhr die ersten Schüsse fielen.

»Wir standen einige Minuten lang unter Beschuss, dann haben unsere Wachen zurückgeschossen«, berichtet ein WFP-Mitarbeiter, der eigentlich nicht mit der Presse über den Vorfall sprechen soll. »Wir haben keine Ahnung, was die Angreifer genau geplant haben, aber vermutlich wollten sie den Stützpunkt einnehmen und die ausländischen Helfer entführen.« Der Mitarbeiter geht davon aus, dass es sich um Islamisten handelt, die einer militanten Splittergruppe angehören und nicht aus der Region stammen. Drei Angreifer wurden erschossen, mehrere andere verletzt. Die ausländischen WFP-Mitarbeiter, die sich auf dem Gelände in Wajid befanden, wurden noch in der Nacht unversehrt nach Kenia ausgeflogen.

Für Helfer wird Somalia immer gefährlicher. Der Überfall auf das Gelände in Wajid, die größte Einrichtung dieser Art in Somalia, ist nur einer von vielen Fällen. Nur Stunden zuvor war am Stadtrand von Mogadischu ein Mitarbeiter der somalischen Hilfsorganisation »Daryeel Bulsho Guud«, einem Partner der deutschen Hilfswerke Diakonie und Brot für die Welt, vor seinem Haus regelrecht hingerichtet worden. Maskierte Männer fuhren in einem schwarzen Jeep vor, schossen Omar Sheikh Ali in den Kopf und flohen. Ein Jahr zuvor war der Vize-Direktor der gleichen Gruppe ermordet worden. Weil helfen in dem Land, das seit 18 Jahren keine funktionierende Regierung hat, lebensgefährlich ist, erreichen immer weniger Hilfsgüter die Not leidende Bevölkerung. Dabei sind 3,3 Millionen Somalis, ein Drittel der Bevölkerung, auf Hilfsgüter angewiesen. Alleine von Wajid aus wurden 1,3 Millionen Bedürftige versorgt.

»Vor einem Jahr konnte ich noch vollkommen unbehelligt durch Wajid joggen«, erinnert sich Ulrik Pedersen, der Direktor im WFP-Büro in Wajid. Doch als vor gut sechs Monaten in kurzem Abstand vier WFP-Mitarbeiter in anderen Teilen Somalias erschossen wurden, änderte sich die Lage radikal. »Wenn ich das Gelände danach verlassen habe, dann nur in Begleitung von einem guten Dutzend bewaffneter Leibwächter.«

Wajid wird von der Shabaab kontrolliert, den radikalen Islamisten, die gegen die machtlose Regierung von Präsident Sharif Sheikh Achmed kämpfen und denen die USA Verbindungen zum Al-Qaida-Netzwerk von Osama bin Laden vorwerfen. Doch sie sind es nicht, vor denen Pedersen Angst hat. »Wir arbeiten eng mit den lokalen Machthabern zusammen«, sagt der Däne. »In der praktischen Zusammenarbeit spielt es keine Rolle, zu welcher Fraktion sie gehören – die Nahrungsmittellieferungen sind für alle Beteiligten zu wichtig.«

Gefährlich, so glaubt Pedersen, sind die nomadischen Banden, die von niemandem kontrolliert werden und oft kriminelle Ziele haben. »Wenn man fünf Millionen Dollar damit machen kann, indem man einen Ausländer entführt, ist das für verdammt viele Leute sehr verführerisch.« So verführerisch, dass in Somalia derzeit immer noch 13 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in der Hand von Entführern sind. Sechs Angestellte der französischen »Aktion gegen Hunger«, die im November verschleppt wurden, waren erst am Wochenende frei gekommen.

Unklar ist, ob das WFP seine Arbeit in Zentralsomalia einschränken wird. Der Chef des WFP in Somalia, Peter Goossens, hatte Anfang des Jahres mit einem kompletten Stopp aller Hilfslieferungen gedroht, sollten die lokalen Machthaber keinen Schutz gewährleisten. In der Vergangenheit, so Pedersen, habe das in Wajid gut geklappt. »Vor einiger Zeit sind vier unserer Mitarbeiter auf dem Weg zum Flughafen entführt worden«, berichtet der 35-Jährige. »Als die Menschen in Wajid das gehört haben, gab es soviel Druck von Clanältesten und anderen lokalen Anführern, dass die Entführten ein paar Stunden später wieder frei waren.« Ein Ende der Hilfe für Somalia ist auch aus humanitären Gründen kaum denkbar. Nachdem die Regenzeit in zwei Dritteln des Landes ausgefallen ist, droht eine Dürre die Hungersnot im Bürgerkriegsland noch zu verschärfen.

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