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Im Dunst von Nebelkerzen

Kurt Finker über das erste westdeutsche Nachkriegsjahrzehnt

  • Von Manfred Weißbecker
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer pausenlos sich selbst feiert und Jubeljahre begeht, wer lediglich das eigene Geschichtsbild erinnert und nichts anderes als satte Selbsbestätigung sucht, der muss wohl oder übel ausklammern, was dazu nicht passt. Besonders krass gerät die Diskrepanz, wenn von den ersten zehn Jahren Bundesrepublik gesprochen wird und diese unbesehen einer angeblich rundum demokratischen Erfolgsgeschichte zugeordnet werden. Hingegen lässt sich nach der Lektüre des Bandes, den der bekannte Potsdamer Historiker Kurt Finker vorgelegt hat, die schwierige Suche nach neuen Pfaden deutscher Existenz in der Nachkriegsgeschichte und der Frühgeschichte der Bundesrepublik besser erkennen.

Die Lage sei – wie der Herausgeber Friedrich-Martin Balzer gewiss nicht ohne einen Bezug zur gegenwärtigen Krisensituation feststellt – damals für die Herrschenden so heikel gewesen, dass »nur ein gigantisches Ablenkungs- und Verfälschungsmanöver das Ansehen der bürgerlichen Machteliten in Wirtschaft, Militär, Bürokratie, Justiz und den Kirchen in Westdeutschland zu retten und wiederherzustellen vermochte«. Dazu hat Finker eine Fülle von Material zusammengetragen und umfangreich-dokumentarisch belegte Aussagen ehemaliger Militärs, Publizisten oder Historiker mit erläuternden und wertenden Kommentaren versehen. Dass diese teilweise bissig und zugespitzt geraten sind, muss nicht verwundern angesichts der Verbohrtheit und Unbelehrbarkeit in der Beschäfti-gung mit der Geschichte der faschistischen Diktatur und des Zweiten Weltkrieges, angesichts des zweifelhaften Umgangs mit der entscheidende Frage nach den Ursachen des Geschehens.

Kaum ein Werk der westdeutschen Geschichtsschreibung und -publizistik des Jahrzehnts 1945 bis 1955 ist von Finker unbeachtet geblieben. Über weite Strecken gleicht der Band einem Kompendium, einem leicht erfassbaren Handbuch, das durch seinen Überblickscharakter und nicht zuletzt auch durch einen 935 Fußnoten umfassenden Anhang besticht.

Der Autor stellt fest, dass unmittelbar nach dem Krieg zunächst eine Mehrheit von Publizisten, Historikern, Politikern u, a. den Versuch unternahm, kritisch Bilanz zu ziehen und die faschistischen Verbrechen zu enthüllen, was den Bemühungen deutscher Antifaschisten entsprach und auch von den westlichen Besatzungsmächten im Rahmen ihrer »Re-education« verlangt war. Dies habe jedoch wenig zu einer Erhellung vor allem der sozialökonomischen Basis der faschistischen Verbrechen beigetragen. Dominierend sei die These von der Alleinschuld Hitlers gewesen, von der historischen Verantwortung eines »Dämons«, dessen rätselhaftes Wesen unergründbar gewesen wäre und immer noch sei. Zu solcher Mystifizierung des Faschismus trug das 1950 erschienene Buch des ersten Gestapo-Chefs bei, von dessen Titel »Luzifer ante portas« Finker sich bei der Wahl seines Buchtitels inspirieren ließ.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen sei die Existenz eines deutschen Widerstandes gegen Diktatur und Krieg ignoriert worden. Im Zusammenhang mit der Gründung der BRD und deren Einbeziehung in das westliche Lager des Kalten Krieges wurde auch das Geschichtsbild den neuen Bedingungen angepasst. Es sei um eine Art »Absolution« gegangen, um das Wecken eines »wohlwollend-kritisch-verzeihenden Verständnisses« für das Verhalten der Deutschen. Von Anfang wurde hingegen behauptet, in Ostdeutschland würde keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erfolgen.

Ausführlich befasst sich Finker mit der aufdringlichen Art und Weise, in der ab 1948/49 die Nazi-wehrmacht regelrecht glorifiziert worden ist, wobei grundsätzlich das »Soldatische« und »Militärische« vom »Politischen« und »Ideologischen« getrennt wurde. Stets sei versucht worden, einer-seits die Oppositionellen und Widerständler unter den Soldaten und Offizieren, die ihren Eid auf Hitler gebrochen hatten, zu würdigen und zugleich alle zu ehren, die eidgetreu im militärischen Kampf bis zur letzten Patrone Nation und Reich retten wollten.

Alle geschichtlichen Überlegungen und Wertungen führt der Autor bewusst in die Gegenwart hinein, deren Geschichtsbild sich seit den 50er Jahren zwar um einiges verändert zeigt, sich dennoch von einigen generellen Positionen, die unmittelbar nach dem Krieg vertreten wurden, nicht getrennt hat.

Finkers Buch besticht nicht allein durch seine Interpretation der Publikationen im ersten Nachkriegsdezennium – da lässt sich einiges auch bei anderen Autoren finden, u. a. bei Norbert Frei, Ludwig Elm oder jüngst in der Arbeit von Jan Korte über die Besonderheiten des Antikommunismus in der Bundesrepublik. Was den vorliegenden Band so wertvoll macht, sind die nachlesbaren, vielfach erschütternden Aussagen damals agierender Politiker, Publizisten, Historiker usw. Schließlich bewegt den Leser auch die Tatsache, dass jene so detailliert zitierten geschichtsfälschenden Nebelkerzen außerordentlich wir-kungsvoll gewesen sind und es wohl immer noch sind.

Kurt Finker: Der Dämon kam über uns. Faschismus und Antifaschismus im Geschichtsbild und in der Geschichtsschreibung Westdeutschlands (1945-1955). Hg. v. Friedrich-Martin Balzer. Mit einem Geleitwort von Otto Köhler. Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn. 385 S., br., 24,90 €.

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