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Staat ohne Land – Land ohne Staat

Die Bundeswehr kann sich am Hindukusch kaum selbst schützen

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In dem Kunststaat, dessen Grenzen um 1900 durch Großbritannien und Russland mitten durch die Siedlungsgebiete der ethnischen Gruppen festgelegt wurde, sind nun heute Präsidentenwahlen. Sie sind eine Farce, denn als Sieger steht schon der Amtsinhaber fest, den seine Landsleute als »Pudel Amerikas« verspotteten. Die Opposition in dem 27 Millionen Einwohner zählenden Afghanistan mit über 30 rivalisierenden und sich bekämpfenden Stämmen konnte sich nicht auf einen Gegenkandidaten einigen.

Da gibt es zwar den Ex-Außenminister und Augenarzt Abdullah Abdullah, aber der ist für viele Paschtunen, die 60 Prozent der Bevölkerung stellen, nicht wählbar. Er ist Vertreter der Nordallianz von Tadschiken und Usbeken, die als Bürgerkriegspartei 2001 siegreich in Kabul einmarschierten. Die weiteren 40 Kandidaten sind ohne Chance.

Zusätzlich gibt es zwischen der städtischen Bevölkerung und den Menschen auf dem Land unüberbrückbare Gegensätze über die Fragen der Lebensformen. Auf dem Land verfügt der Staat nur über äußerst fragile oder gar keine staatlichen Strukturen.

Zwischen den Angehörigen der wichtigsten Stämme – Paschtunen (das frühere Herrschervolk), Tadschiken, Usbeken oder Hazara, die zunächst gegenüber ihrem Stamm loyal sind, gibt es auch ein soziales Gefälle. Für alle gilt der Nationalstaat bestenfalls als Pfründe. Jeder Amtsträger vom Hausmeister einer Schule bis zum Minister oder Gouverneur gilt in seinem Clan als asozial, wenn er zunächst nicht die Angehörigen begünstigt. Ein Unrechtsbewusstsein bei der Korruption fehlt daher völlig.

Das einigende Band der Afghanen sind der Islam und der gemeinsame Kampf gegen äußere Feinde. Die Landbewohner leben immer noch in feudalen Strukturen. Großagrarier sind zugleich Stammesführer oder geistliche Oberhäupter. Die sind an Reformen nun überhaupt nicht interessiert.

Nach Darstellung afghanischer Wissenschaftler wie Dr. Matin Baraki (Universität Marburg) gibt es circa 200 000 aktive Kämpfer, die fälschlicherweise »Taliban« (»Koranschüler«) genannt werden. Sie sind in circa 2000 unterschiedlichen Gruppen islamistischer oder nationalistischer Paschtunen sowie lokale Milizen der Drogenhändler oder Anti-Zentralisten organisiert. Sie stellen heute den größten Teil der Aufständischen dar.

Die ursprünglich von Pakistan, Saudi-Arabien und den USA unterstützten Taliban haben nur noch marginalen Einfluss auf die Kampfführung und Operationen der gesamten Guerilla. Der US-Oberbefehlshaber General Petraeus sagt über Al-Qaida, deren Bekämpfung und Vernichtung früher das Hauptziel der Interventionstruppen war: »Sie spielen in Afghanistan keine Rolle mehr. Und wer behauptet, dass wir bei einem Abzug das Land Al-Qaida überlassen, der erzählt Märchen.«

Die lokalen afghanischen Guerilla-Truppen ernähren sich von Schutzgelderpressung, also durch den Krieg. So gab es beim Bau der 46 km langen Straße vom Grenzort Spinboldak nach Kandahar keinen einzigen Angriff der Aufständischen. Denn von den 11 Millionen Dollar Baukosten, finanziert durch die USA, Kanada und Japan, flossen circa 20 Prozent in die Kassen der Milizen. Die beteiligten Firmen zahlen an die örtlichen Würdenträger. Das Geld dieser weit verbreiteten Schutzgelderpressungspraxis wird für Waffenkäufe, Munition und Versorgung der Kämpfer und ihrer Familien eingesetzt. Alle Projektbetreiber wissen von dieser Praxis und übergehen sie mit Schweigen, denn schließlich verdienen sie daran. Die Hauptlast trägt allerdings wie immer der Steuerzahler in den NATO-Staaten.

Die Anwesenheit von 4000 deutschen Soldaten, von denen nur circa 20 Prozent Patrouillenfahrten unternehmen, hat in Kundus keine oder eine negative Sicherheitsrelevanz. Die deutsche Beamtenarmee kann sich kaum selbst schützen. Die einheimische Bevölkerung und deutschen Entwicklungshelfer sehen die Anwesenheit überwiegend kritisch. Nach ihrer Auffassung zieht das Militär die afghanischen Freischärler an, die hauptsächlich mit leichten Motorrädern aus dem Osten von weither kommen. So meint der Regionalbeauftragte der Welthungerhilfe Teo Riedcke: »Nach unseren Sicherheitsrichtlinien halten wir uns von den Soldaten fern. Die deutsche Presse stellt das nahezu auf den Kopf.«

Für den deutschen Steuerzahler ist Afghanistan längst zum Milliardengrab geworden. Während die Entwicklungshilfe seit 1958 nur umgerechnet 648 000 Euro kostete, brauchte man bisher für das militärische Abenteuer 3,1 Milliarden Euro, ohne dass ein wirklicher Effekt zu verzeichnen wäre. Inzwischen kosten Entwicklungshilfe und Militär den deutschen Steuerzahler eine halbe Milliarde Euro pro Jahr. Bisher starben über 30 junge Bundeswehrsoldaten, und mehr als 20 wurden schwer verwundet. Dazu meint der ehemalige Entwicklungspolitiker Jürgen Todenhöfer: »Ich glaube, dass unsere Soldaten in Afghanistan aus falsch verstandener Solidarität mit den USA sterben. Und dass unsere Politiker das genau wissen.«

Hans Wallow gehörte zwischen 1981 und 1998 insgesamt zehn Jahre der Bundestagsfraktion der SPD an.

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