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Hatz und Hetze

  • Von Gerhard Armanski
  • Lesedauer: 3 Min.

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Jede Gesellschaft braucht und sucht ihre Feinde. Für den Westen war das lange der Kommunismus. Nach dessen Niedergang rückt der Islamismus an die verwaiste Stelle. Was macht es da, dass die höchste geistliche Autorität im Islam, die Al-Azhar-Moschee in Kairo, jeden angeblich mit dem Glauben gerechtfertigten Terror geächtet hat. Damit die Operation gelingt, muss der Feind krass einseitig und abscheulich gezeichnet werden.

So erscheinen die Taliban als zurecht Gehetzte, sind sie doch der Gegenpol zum friedlichen Abendland, das nichts weiter anstrebt, als die Segnungen der Demokratie zu verbreiten, wie man weiß. Obendrein sind sie feige, verstecken sich in der Zivilbevölkerung, wahre Heckenschützen also, die den Deutschen schon im Krieg 1870/71 verhasst waren. Würden sie sich zum offenen Kampf stellen, wie sich das gehört, sähen sie blass aus gegen die neuerdings auch von der Bundeswehr eingesetzten schweren Waffen.

Aber das tat schon der Vietcong nicht, und bei Allah werden das auch die Stammeskrieger, wahlweise Taliban, nicht tun. Diese, wie ein mit dem neuen Orden »Ehrenkreuz für Tapferkeit« ausgezeichneter Fallschirmjägerfeldwebel meint, »kommen daher wie normale Bauern, lachen dich an und schießen dir dann in den Rücken« (stern 32/09). Warum nur tun sie das? Einen Grund dafür mag die hiesige mediale Presse- und TV-Welt nicht zu erkennen. Nur: »Die Herren machen es selber, dass ihnen der arme Mann feind ist.« (Thomas Müntzer)

Aus untergründigem Interesse »vergessen« wird nämlich, dass der Westen selber als Zauberlehrling die Taliban für den Kampf gegen die Sowjetunion schuf. Im späteren Bürgerkrieg gewannen sie die Oberhand und überzogen das geplagte Land mit ihrem Schreckensregime. Das passte nun gar nicht zur strategischen Rechnung der Herren. Die Antwort war und ist: Bomben und Bodentruppen gegen diese hässliche Kraft. Außerdem will man mildtätig das Land nach dem eigenen Bild aufbauen.

Abgesehen davon, dass wenig von dieser hehren Absicht übrig geblieben ist, verbirgt sie die eigentlichen Motive: einen »cordon sanitaire«, eine Sicherheitszone, um den Zugang zu den riesigen Ölreserven im Mittleren Osten und die Transportwege des wertvollen schwarzen Safts für sich selbst zu garantieren.

Dafür nimmt man schon mal den Tod Tausender Zivilisten in Kauf. Von der Kritik daran hat man gelernt, dass fortab alle Getöteten flugs zu Taliban erklärt werden. Diese sind unter den recht toleranten afghanischen Muslimen sicher nicht beliebt, aber die Okkupanten sind verhasst.

Der Geist, den der Westen schuf, dann fallen ließ und schließlich vernichtet zu haben vermeinte, kehrt nun massiv zurück. Noch in seiner Verteufelung weist er auf seinen Urheber, dessen Aggression auch die Taliban verkörpern. Wenn man sie nicht hätte, müsste man sie erfinden.

Wie ärgerlich nur, dass die immer noch mehrheitlich pazifistisch gesonnenen Deutschen nicht den rechten Patriotismus für die »Verteidiger« am Hindukusch aufzubringen vermögen. Was die anrichten, gilt unbezweifelt als rechtens, jede tödliche Aktion der Taliban dagegen als heimtückischer Mord.

Gegenüber dieser durchsichtigen Doppelmoral lässt sich eine Äußerung von Henry Ford ins Feld führen, wonach nur derjenige Erfolg hat, der sich in den anderen hinein versetzen kann. Misst man den Krieg in Afghanistan (der ja nicht so genannt werden darf) daran, muss sich die NATO dort eine blutige Nase holen, all ihre Hatz und Hetze wären dann vergeblich gewesen. Sie wird auf lange Sicht den Krieg nicht gewinnen, die Herzen der Menschen schon gleich gar nicht. Eine Guerilla war schon immer ein schwer verdaulicher Brocken.

Der Sozialwissenschaftler Gerhard Armanski lehrt an der Universität Osnabrück.

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