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»Israel bestraft vpr allem uns Zivilisten«

Nach dem Gaza-Krieg versuchen die Menschen, zum Alltag zurückzukehren. Ein Neuaufbau ist nicht möglich, denn Zement darf nicht geliefert werden

  • Von Nissrine Messaoudi, Gaza
  • Lesedauer: 9 Min.

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Rund 1400 Palästinenser sind bei der Operation »Gegossenes Blei« im Gaza-Streifen ums Leben gekommen. Die israelischen Panzer und Soldaten haben Gaza vor sieben Monaten verlassen. Zurück bleiben Trümmer, sowie verängstigte, traumatisierte und verletzte Menschen.
Ein im Gazakrieg zerstörtes Haus dient den Kindern als Spielplatz
Ein im Gazakrieg zerstörtes Haus dient den Kindern als Spielplatz

Übergangspunkt Erez: Ein kleiner Checkpoint auf dem Weg von Israel nach Gaza, wo bewaffnete israelische Soldaten die Pässe der »Einreisenden« kontrollieren. Trotz meines deutschen Reisepasses sorgt mein arabischer Name für Misstrauen, der mir bereits bei der Ankunft in Tel Aviv – nach Gaza kommt man nur durch Israel – ein dreistündiges und sehr unfreundliches Verhör bescherte. Doch dieses Mal geht es außergewöhnlich schnell. Die Journalisten-Delegation, die Medico International – eine Nichtregierungsorganisation (NRO) mit verschiedenen Partnern in Israel und Palästina – eingeladen hat, wird durchgelassen. Hinter dem Zaun steht ein großes Betongebäude mit automatischen Glastüren, wie ein kleiner Flughafen. Erneut werden wir einzeln befragt.

Markt in Rafah, in dem geschmuggelte Ware aus Ägypten angeboten wird
Markt in Rafah, in dem geschmuggelte Ware aus Ägypten angeboten wird

Beobachtet von Überwachungskameras, laufen wir zehn Minuten erst über eine gepflasterte, dann durch eine staubige und steinige Straße mitten im Niemandsland. Rechts von uns sehen wir zerbröckelten Beton, die ersten zerstörten Gebäude.

Untersuchung in der mobilen Klinik – in einem Wohnzimmer in Sakanat Marouf
Untersuchung in der mobilen Klinik – in einem Wohnzimmer in Sakanat Marouf

Dann erreichen wir den Übergang nach Gaza. Nun liegt die Kontrolle bei den Sicherheitskräften der Hamas. Anders als auf der israelischen Seite ist man hier sehr erfreut über meinen Namen. »Ahlan wa Sahlan« heißt es immer wieder – herzlich willkommen.

Nach der ganzen Prozedur der Einreise, die mehrere Stunden dauern kann – für Palästinenser auf der israelischen Seite auch Tage –, fahren wir nach Beit Lahiya, das im Norden des Streifens liegt; einen Teil von Gaza, der von den israelischen Angriffen besonders betroffen war. 700 Häuser sind allein im Norden zerstört worden. Viele weitere sind teilweise kaputt und werden trotzdem noch bewohnt. Fast alle Gebäude, an denen wir vorbei fahren, sind von Einschusslöchern übersät. Den meisten Fenstern fehlt das Glas, da dieses aufgrund der Blockade, die 2007 von Israel verhängt wurde, nicht geliefert werden darf. Das gleiche gilt auch für Zement. Damit wird ein Neuaufbau von der israelischen Regierung verhindert.

Unsere erste Station ist die Umm Naser Klinik, die der Palestinian Medical Relief Society (PMRS) angehört. Sie ist die größte palästinensische NRO im Gesundheitsbereich und seit 20 Jahren Partner von Medico. Es ist das einzige medizinische Zentrum in der Gegend. Im Hof steht die mobile Ambulanz, die während des Krieges angegriffen wurde. Denn auch medizinisches Personal und Hilfsorganisationen sind von den Soldaten unter Beschuss genommen worden. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden 16 Mediziner getötet und 25 verwundet. Durch den Beschuss wurde außerdem verhindert, dass den verletzten Zivilisten rechtzeitig geholfen werden konnte, viele sind verblutet.

Ein Wohnzimmer wird zur Klinik

Die kleine Klinik betreut täglich 60 bis 70 Menschen. Mohammed Yaghi, der 35-jährige Arzt arbeitet sechs Tage die Woche. »Die Menschen, die zu uns kommen, leiden besonders an Parasiten und Hautkrankheiten, die durch verschmutztes und unbehandeltes Wasser entstehen. Betroffen sind vor allem Kinder bis zu fünf Jahren«, erklärt uns der in Russland ausgebildete Arzt. Wegen der Blockade und des fehlenden Zements kann das Abwasser nicht umgeleitet werden und fließt direkt ins Meer. Die gleichzeitige Seeblockade, die den Fischern nur erlaubt, sich bis zu sechs Kilometer von der Küste zu entfernen, bringt die Gefahr weiterer Erkrankungen durch verseuchte Fische. Doch nicht nur die hygienischen Probleme verursachen Krankheiten. »Die Menschen, die hier leben, sind sehr arm und ungebildet. Oft geben die Mütter ihren Kindern nicht genug Obst zu essen. Deshalb gehört es auch zu unserer Aufgabe, die Familien aufzuklären«.

Um noch mehr Menschen den Zugang zu medizinischer Hilfe zu gewähren, gibt es seit 2006 auch zwei mobile Kliniken. Etwa 3000 Fälle behandeln sie monatlich. In dem Minibus werden Arznei und medizinisches Equipment transportiert und je nachdem, was gerade verfügbar ist, wird ein Wohnzimmer oder ein Zelt zu einer Praxis umfunktioniert. So ist es auch an diesem Tag in Sakanat Marouf. Hier leben 7000 Menschen. Die Praxis (ein Wohnzimmer) ist voll. Das Geschrei von Kleinkindern und Babys, die von der Schwester geimpft werden, füllt den Raum. Behandlung und Medizin sind kostenlos, was nicht unumstritten ist. »Ich denke, wir sollten eine kleine Gebühr erheben, um Medikamentenmissbrauch vorzubeugen. Zumal wir leider keine Krankenakten in der mobilen Klinik führen«, meint Muhammad Abu Shomar. Er ist einer von zwei Ärzten in der mobilen Klinik. Auch er hat im Ausland studiert, in der Ukraine. »Seit dem Gaza-Krieg kommen noch mehr Menschen in die Kliniken. Aber Probleme der Unterernährung und der Hygiene sind nicht allein die Folge des Krieges, sondern auch der Blockade, mit der Israel vor allem uns Zivilisten bestraft«, sagt der 29-jährige Arzt.

Man erkennt die Folgen der Blockade nicht unbedingt auf den ersten Blick. In Gaza-Stadt sind wir sogar positiv überrascht. Es herrscht Leben auf der Straße. Einkaufsläden voller Kinderfahrräder, Autos deutscher Hersteller parken davor, Bekleidung, Obst- und Gemüsestände. Es gibt Mangos, Weintrauben, Pflaumen, Bananen.

Durch den Tunnel nach Gaza

Doch die Ware kommt nicht aus Israel, sondern aus Ägypten – so genannte Tunnelware, die von Rafah an der Grenze zu Ägypten nach ganz Gaza transportiert wird. Die Tunnelware macht bereits zwei Drittel der Gazaprodukte aus. Unsere Neugierde ist geweckt, wir wollen wissen, wie diese Tunnel aussehen und wie der Schmuggel funktioniert. Wir fahren also nach Rafah. Wir passieren einen Markt, der Ventilatoren, Kühlschränke, Generatoren (da Elektrizität aus Israel geliefert wird und es zu Stromausfällen von acht Stunden täglich kommt), Geschirr und Süßigkeiten verkauft – alles aus Ägypten. Der Markt ist gut besucht, trotz gepfefferter Preise. Ein Kühlschrank kostet umgerechnet rund 1200 Euro. Ein Vermögen in Gaza. Als wir an der Grenze ankommen, deutet zunächst nichts auf die Tunnel hin. Überall sehen wir nur Zelte, die mitten im Staub aufgeschlagen wurden. Prompt umzingelt uns eine Horde junger Männer. Sie wollen wissen, wer wir sind und was wir wollen. Sie sind uns durchaus wohl gesonnen. Einer von ihnen erklärt sich bereit, uns in die Geheimnisse des Tunnelbaus – der längst kein Geheimnis mehr ist – einzuweihen. Einzige Bedingung: Keine Fotos und keine Namen. Wir gehen mit.

Hinter einer provisorischen Wellblechtür ist wieder ein großes Familienzelt aufgespannt, um den Tunnel zu verstecken. Um ihn herum stehen sechs junge Männer, alle aus Rafah. Trotz der Todesgefahr in den Tunneln sind die Jobs heiß begehrt, »weil es hier keine Alternative gibt«, erzählt uns einer der Arbeiter. Er ist gerade einmal 23 Jahre alt. Hat eine Frau und zwei kleine Kinder. Er trägt eine verschmutzte kurze Hose und sieht erschöpft aus. Seit einem Monat arbeiten die Männer 12 Stunden am Tag, um den 250 Meter langen und 15 Meter tiefen Tunnel zu graben. Man könnte den Tunnel auch für einen Wasserbrunnen halten. Von der Mitte des Holzmastes, der ihn umgibt, geht eine Kordel hinab, an der die Ware befestigt wird bzw. werden soll, denn der Bau ist noch nicht ganz fertig. Wie viele Tunnel es tatsächlich gibt, weiß keiner so genau. Zwischen 500 und 1000, heißt es. Die »Investoren« kommen meist aus Gaza-Stadt. Sie finanzieren den Bau, sowie die Einkäufe. Ein lohnendes Geschäft, das schon einige zu Millionären gemacht hat. Aber es wird nicht alles transportiert. Nach wie vor wird kein industrielles Öl und kein oder nur sehr wenig Zement geschmuggelt. Viele Menschen in Gaza schließen daraus, dass es ein geheimes Abkommen zwischen Israel, Ägypten und der Hamas gibt. Israel dürfe weiterhin Kontrolle ausüben. Ägypten stehe als guter Samariter da, und Hamas sei am finanziellen Profit beteiligt. Beweise für diese These gibt es allerdings nicht.

Wir fragen den jungen Mann mit dunklen Augen, was er sich als Erstes kaufen wird, sobald der Tunnel fertig ist. Seine Antwort fällt bescheiden aus: »Ich möchte gar nichts, ich will nur nach Hause zu meiner Familie.«

Mangelwaren, die weder aus Israel, noch aus Ägypten kommen, sind Verhütungsmittel. Dies erfahren wir beim Besuch des Frauengesundheitszentrums Culture and Free Thought Association (CFTA) im Flüchtlingslager Al Bureij, ebenfalls Partner von Medico. Das Zentrum ist eine willkommene Abwechslung für die Frauen, die unter schweren Bedingungen ihr Leben im Lager meistern. »Die Blockade beeinflusst jeden Lebensbereich. Wir ersticken hier. Wir haben immer weniger Zugang zu allem. Wir können Gaza seit Jahren nicht verlassen. Sogar Stifte und Papier müssen geschmuggelt werden, weil die Israelis keine liefern«, kritisieren Gründerin Majeda Al-Saqqa und ihre Kollegin Firyal Thabet.

Luxusgüter Kondome, Stifte und Papier

Das Frauenzentrum besteht aus mehreren Bereichen. Während im Sportraum eine Aerobic-Stunde stattfindet, werden im Nebenzimmer kosmetische Behandlungen durchgeführt. »Für die Frauen ist es sehr wichtig, zwischendurch auch etwas für sich zu tun. Sport oder Kosmetik, hier können sie abschalten, sich wieder als Frau fühlen und die Sorgen für einen Moment vergessen«, erklärt Thabet mit einem sanften Lächeln auf den Lippen – sie scheint ihre Arbeit sehr zu mögen. Das Highlight des Zentrums ist eine finnische Sauna mitten in Gaza. Nach den sportlichen Übungen eine Wohltat. Doch nicht alles funktioniert reibungslos, wie uns Majeda Al-Saqqa im Labor sagt. »Diese Maschine wertet die Bluttests aus. Einmal ist ein kleines Röhrchen kaputt gegangen, das wir für umgerechnet einen Euro hätten kaufen können, doch die Israelis gaben keine Genehmigung für die Lieferung der Ersatzteile. Also mussten wir eine komplett neue Maschine für viel Geld kaufen.«

Ein weiteres Problem seien die bereits erwähnten Verhütungsmittel. »Es kommen Frauen hierher, die ungewollt schwanger geworden sind, und weinen sich die Augen aus. Dann müssen wir sie erst einmal wieder beruhigen«, erzählt Firyal Thabet. Die Frauen sehen darin ein System der israelischen Besatzung. Gaza mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern gehört zu den dichtbevölkertsten Regionen der Erde. Durch die hohe Geburtenrate werde die unerträgliche Situation verschlimmert, zumal es keine Arbeitsplätze mehr gibt, da die gesamte Industrie und Infrastruktur seit dem Gaza-Krieg in Schutt und Asche liegt.

Auch die politische Lage in den besetzten Gebieten lässt kaum auf eine bessere Zukunft hoffen. Für Januar 2010 sind zwar Wahlen angesetzt, aber ob sie tatsächlich stattfinden werden, vermag keiner zu sagen. Hamas und Fatah scheinen ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Hamas im Gazastreifen und Fatah in der Westbank möchten ihre Macht im jeweiligen Gebiet festigen, was verheerende Auswirkungen auf die gesamte palästinensische Einigung hat. Denn damit führen beide Parteien die israelische Politik im Grunde weiter, die erfolgreich versucht, die Palästinenser zu spalten. Wie tief diese Spaltungen bereits sind, zeigen nicht zuletzt die Berichte der Menschenrechtsorganisation Al Mezan – die Waage. Diese belegen, dass Fatah in seinem Machtbereich West Bank Hamas-Anhänger ohne Haftbefehl einsperrt und foltert, während Hamas in Gaza das Gleiche mit Fatah-Anhängern macht.

Nach zwei Tagen verlassen wir den Gazastreifen wieder. Wir haben einen Eindruck vom Leben in dort bekommen. Doch was es wirklich heißt, tagein tagaus unter der Besatzung und mit der Blockade zu leben, das wissen nur die Menschen in Gaza.

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