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Ist das Leben von Flüchtlingen wertlos?

Neue Tragödie vor Italiens Küsten

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 3 Min.
75 Menschen sterben irgendwo zwischen Libyen, Malta und Italien – und alle sehen weg. Die neue Flüchtlingstragödie im Mittelmeer stößt nur auf Gleichgültigkeit. Der italienische Innenminister zieht die Aussagen der fünf Überlebenden sogar in Zweifel.

»Sie sahen wie Skelette, wie Gespenster aus«, erzählen die Helfer, die die fünf Überlebenden zuerst auf der italienischen Insel Lampedusa betreut haben. Ihre Geschichte ist furchtbar: Drei Wochen trieben sie hilflos auf einem Schlauchboot herum, während Benzin, Lebensmittel und auch Wasser immer weniger wurden und schließlich ganz ausgingen. 75 Flüchtlinge – die meisten aus Eritrea, einige aus Äthiopien – haben diese Fahrt, die sie in die Freiheit bringen sollen, nicht überlebt und wurden von ihren Leidensgefährten nach und nach tot ins Meer geworfen. Aber das ist noch nicht alles: »Wir sind mindestens zehn Schiffen begegnet, und keiner hat etwas für unsere Rettung unternommen«, erzählen die Überlebenden. »Nur ein Fischer hat uns irgendwann etwas Brot und ein paar Flaschen Wasser rübergeworfen.«

Der italienische Innenminister Roberto Maroni, der sich den Kampf gegen die Flüchtlinge auf seine Fahne geschrieben hat, weigert sich, über das Geschehene im Parlament zu berichten. »Unserer Meinung nach sind diese Flüchtlinge nicht glaubwürdig«, erklärte eine Sprecherin des Ministeriums. »Sie sahen nicht so aus, als wären sie so lange hilflos auf dem Meer herumgetrieben.« Wenn man bedenkt, dass Ministerpräsident Silvio Berlusconi kürzlich erklärte, dass »diese Leute« nicht nach Italien kämen, weil sie in Not sind, sondern »um Verbrechen zu begehen«, ist so eine menschenverachtende Erklärung nicht weiter verwunderlich. Die Haltung der italienischen Regierung änderte sich auch nicht, nachdem die Behörden aus Malta erklärten, sie hätten in den vergangenen Tagen sieben Leichen im Meer gesichtet. Man habe sie aber nicht geborgen – weil sie sich »in libyschen Gewässern« befanden.

Ganz anders die Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisationen. Christopher Hein vom italienischen Flüchtlingsrat CIR: »Wenn wir davon ausgehen, dass die Meerenge zwischen Italien und Libyen total überwacht wird, dann müssen wir uns fragen, wie es möglich ist, dass ein Schlauchboot von zwölf Metern sich dort so lange aufhalten konnte, ohne dass das jemand gemerkt hat. Das heißt, man überließ es einfach seinem Schicksal«. Carlotta Bellini von der Hilfsorganisation Save the Children spricht von »unerträglicher Gleichgültigkeit gegenüber den Migranten, selbst wenn sie sich in größter Not befinden«. Und Laura Boldini vom UNO-Flüchtlingshilfswerk UNCHR ist der Ansicht, dass man so eine klare Botschaft aussenden wollte: »Das Leben der Flüchtlinge ist wertlos.«

Noch härter wird die neue Flüchtlingstragödie im Mittelmeer vom Publikationsorgan der italienischen Bischofskonferenz »Avvenire« kommentiert: »Der Westen hat die Augen verschlossen, wollte das Boot der Schiffbrüchigen einfach nicht sehen. Genauso wie damals, als die Juden in Viehwagons quer durch Europa in die Vernichtungslager transportiert wurden.«

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