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9,50 Euro für Callcenter Agents

Gewerkschaft will Telefonisten-Mindestlohn

Volker Geyer ist Vorsitzender der Kommunikationsgewerkschaft DPVKOM.
Volker Geyer ist Vorsitzender der Kommunikationsgewerkschaft DPVKOM.

ND: Sie fordern für Callcenter-Beschäftigte einen Mindestlohn von 9,50 Euro. Das ist nicht wenig ...
Geyer: Unser Ziel ist, dass die Beschäftigten von ihrer Arbeit leben können und nicht zusätzlich Hartz IV beantragen müssen. Bei einem Lohn von mindestens 9,50 Euro pro Stunde ist das in der Regel sichergestellt. Das müsste auch das Ziel des Mindestlohnausschusses der Bundesregierung sein. Diesen fordern wir auf, einen Mindestlohn für die Callcenter-Branche festzusetzen. Schließlich sind die Aufgaben, die Callcenter Agents leisten, sehr anspruchsvoll. Sie verfügen über zahlreiche fachliche und kommunikative Kompetenzen und stehen unter einem starken Arbeitsdruck. Auch das rechtfertigt die Höhe.

Welche Chancen rechnen Sie sich aus, dass dieser Mindestlohn auch kommt?
Ich sehe gute Chancen. Die Callcenterbranche ist definitiv ein Bereich, in dem es soziale Verwerfungen gibt. Sie erfüllt damit die im Mindestarbeitsbedingungengesetz vorgegebenen Voraussetzungen zur Festsetzung eines Mindestlohns. Ich gehe positiv an die Sache: Es sprechen wenige Argumente gegen diesen Mindestlohn.

Wie sehen die sozialen Verwerfungen in der Branche aus?
Etwa 90 000 der insgesamt 450 000 Beschäftigten arbeiten in reinen Callcentern, also nicht bei solchen, die Teil größerer Unternehmen wie etwa Banken, Versicherungen, der Bahn oder der Telekom sind. Viele dieser 90 000 Callcenter Agents arbeiten zu niedrigsten Stundenlöhnen zwischen 5 und 7 Euro, in Ostdeutschland zum Teil sogar darunter. Dabei machen die Arbeitgeber nach wie vor gute Gewinne. Die Branche ist nicht in Krisenstimmung. Im Gegenteil: Sie wächst Jahr für Jahr um 12 Prozent.

Sie wollen auch die Arbeitsbedingungen tariflich regeln. Was konkret wollen Sie ereichen?
Die Arbeitsverträge sind in der Branche wirklich sehr schlecht. Oft steigen die Agents als Leiharbeiter ein. Die Unternehmen nutzen in der Regel das Teilzeitbefristungsgesetz aus, das es ermöglicht, bis auf zwei Jahre befristete Arbeitsverträge abzuschließen. Mit den Agents werden innerhalb dieser Zeit oft mehrere Verträge mit geringer Laufzeit vereinbart, in denen sie sich immer wieder bewähren müssen. Erfüllen sie die Vorgaben nicht, wird der Vertrag nicht verlängert. Das erzeugt eine Menge Druck, Angst und Unsicherheit.

Wir wollen eine 38-Stunden-Woche durchsetzen und Zuschläge für Überstunden- und Schichtarbeit, die es derzeit auch nicht gibt. Zudem fordern wir 30 Tage Erholungsurlaub statt der bisher üblichen 24 und eine stündliche bezahlte Bildschirmpause von 10 Minuten.

In der Branche gibt es keinen Arbeitgeberverband, mit dem ein solcher Tarifvertrag ausgehandelt werden könnte und der gewerkschaftliche Organisierungsgrad liegt bei rund zehn Prozent. Wie wollen Sie das erreichen?
Auf der einen Seite kann man natürlich Haustarifverträge machen. Ein Branchentarifvertrag wäre aber das Beste. Dann würde der Wettbewerb unter den Callcenter-Betreibern nicht über die niedrigsten Löhne geführt, sondern über den besten Service. Dafür brauchen wir einen Arbeitgeberverband, der Tarifverträge für die gesamte Branche aushandelt. Den können wir jedoch nicht erzwingen. Zurzeit bleibt uns also nur der Weg über das Mindestarbeitsbedingungengesetz.

Wichtig ist, dass sich mehr Menschen in dem Bereich gewerkschaftlich in der DPVKOM organisieren. Dann fällt es uns leichter, etwas für sie zu verbessern.

Fragen: Ina Beyer

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