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Alle Augen auf Putin gerichtet

Polen nach den Gedenkfeierlichkeiten auf der Westerplatte bei Gdansk

  • Von Julian Bartosz, Wroclaw
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen waren am Mittwoch Hauptthema aller Warschauer Blätter. Berichte und Kommentare füllten bis zu zehn Seiten einzelner Ausgaben. Und vermutlich wird Polens Öffentlichkeit auch in den nächsten Wochen mit diesem Thema beschäftigt werden.

Schon viele Tage vor den Gedenkfeiern auf der Gdansker Westerplatte galt das beispiellose Interesse der polnischen Medien der Frage, was wohl der Premier Russlands, Wladimir Putin, sagen werde. Dessen bereits am Montag in der »Gazeta Wyborcza« veröffentlichter »Brief an die Polen« ließ vermuten, dass er sich von etlichen in jüngster Zeit in Moskau geäußerten Meinungen über Vorgeschichte und Ursachen des Krieges – worin auch Polen eine gewisse Mitschuld unterstellt wurde – abgrenzen und eindeutige Fakten nicht leugnen werde. Tatsächlich verurteilte Putin in seinem Brief den Ribbentrop-Molotow-Pakt als »unmoralisch« und nannte die Erschießung polnischer Offiziere und Intellektueller im April 1940 ein Verbrechen. Dennoch erfüllte Putin die polnischen Erwartungen nur zum Teil. In seiner Rede auf der Westerplatte interpretierte er Fakten aus der Zwischenkriegszeit, die als Kriegsursache in Polen nicht gerne gehört werden. Er erwähnte den Versailler Vertrag und wies darauf hin, dass »andere Staaten« viel früher als die Sowjetunion einen Pakt mit dem Hitlerreich eingegangen waren. (Polen, das am 26. Januar 1934 einen Nichtangriffsvertrag mit Deutschland abgeschlossen hatte, wurde nicht konkret genannt.) Das Münchner Abkommen von 1938, das Polen zum Einmarsch in das Olsa-Grenzland (Cieszyn/Teschen) nutzte, erwähnte Putin als Gipfel einer westlichen Beschwichtigungspolitik, die jegliche Versuche zur Schaffung eines Systems kollektiver Sicherheit gegen Deutschland vereitelte.

Zwar räumte Präsident Lech Kaczynski, der noch am Morgen Katyn mit dem Holocaust verglichen hatte, in seiner Rede am Nachmittag ein, dass Polen mit der Einnahme von Teschen gesündigt habe. Und Premier Donald Tusk billigte jedem Land das Recht auf eine eigene Interpretation von Fakten zu, doch Putins Vergleich zwischen dem moralisch zu ächtenden Katyn-Mord und dem durch Seuchen und Lebensmittelmangel verursachten Tod Tausender sowjetischer Gefangener nach dem Krieg 1920 ging den polnischen Zuhörern zu weit.

»Polen in der eisernen Zange Putins«, titelte das Springerblatt »Fakt« auf seiner ersten Seite. Der russische Premier denke überhaupt nicht daran, sich für den Überfall und die Verbrechen der Kommunisten zu entschuldigen, kritisierte das Blatt. »Dziennik« – die andere Zeitung aus demselben Konzern – bedauerte: »Es gab kein »przepraszam« (Entschuldigung) für Katyn«. Die ultra-katholische Zeitung »Nasz Dziennik« schrieb, dass »Russland weiterhin lügt« und von »Demut nichts hören will«.

Von diesen Massenblättern unterscheiden sich andere Tageszeitungen. »Polska« stellte fest: »Russland gab seine Fehler zu« und schmelze »wie ein Schneemann im Frühling«. Die Lehre sei: »Die Geschichte soll uns nicht teilen.« Das ist auch der Tenor fast aller Texte der »Gazeta Wyborcza«. Kein Redner habe die Grenze überschritten, die »die Chance einer Versöhnung Polens und Russlands vereiteln könnte«, kommentierte Jacek Kurski. Die tonangebende Zeitung ließ auch verschiedene Politiker zu Wort kommen. Sejmmarschall Bronislaw Komorowski meinte, jeder habe das Recht, die Geschichte auf eigene Art zu betrachten, niemand dürfe aber so weit gehen, den jeweils anderen zu erniedrigen. Der Russlandkenner Jerzy Pomianowski betonte die »hohe Intelligenz des russischen Premiers«, der keine unbedachten Aktionen und Entscheidungen treffe. Und so solle man seine Anwesenheit auf der Westerplatte bewerten: Er kam, um einen guten Eindruck zu wecken, und gab zu erkennen, dass es sich lohnt, mit Russland zu sprechen.

Putins Visite sei ein Durchbruch gewesen, meinte Ryszard Kalisz, Abgeordneter des Bündnisses der Demokratischen Linken (SLD), und für Donald Tusk ein Erfolg. Stanislaw Ciosek, ehemaliger Botschafter in Moskau, hofft, »dass die gegenseitigen Beziehungen in ein zivilisiertes Bett fließen«. Sogar Erzbischof Jozef Zycinski mahnte, man dürfe das Gedenken an den 17. September – den Tag des sowjetischen Einmarsches in Ostpolen – nicht zum Hass ausarten lassen, und sprach darüber, dass Polen und Russen eine gemeinsame Zukunft zu bauen hätten.

Ernsthafte Zeitungen vermerkten mit Genugtuung die Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die wiederholt die immerwährende Schuld Deutschlands am 1. September 1939 zugab.

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