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Der Hausgeist wird beschworen

Das Haus der Kulturen der Welt feiert vom 3.-30. September 20-jähriges Bestehen

Arto Lindsay
Arto Lindsay

Martin Luther übersetzte den hebräischen Begriff »Tohuwabohu« mit »wüst und leer«, umgangssprachlich wird er meist für »großes Durcheinander« gebraucht. Der Schweizer Konzeptkünstler Christian Philipp Müller dagegen betitelt so eine Performance, die er zum 20. Jahrestag der Eröffnung des Hauses der Kulturen der Welt (HKW) kreiert hat. Vom 3.-30. September feiert die »Schwangere Auster« im Tiergarten sich selbst – in diesem Rahmen kommt neben Literaten, Filmemachern, Philosophen oder bildenden Künstlern auch Müller zum Einsatz.

Oumou Sangaré
Oumou Sangaré

Umschlungen von einer weißen Basstuba wird er dann Besucher durch die Winkel des 1957 als steingewordene US-Propaganda eröffneten Gebäudes führen. Begleitet wird er dabei von einer Klangcollage, für die er mehr oder weniger geistreiche im HKW geäußerte Beiträge aus den letzten 20 Jahren miteinander verwoben hat. Zusätzlich flechtet er Musikfetzen ein, etwa »Das Lied vom Tod« von Ennio Morricone oder Klassiker von Miriam Makeba. Im Foyer hat er diesem akustischen »Tohuwabohu« eine Installation von strengster Ordnung gegenüber gestellt: Auf kargen, weißen Stellwänden wird hier akribisch jede Veranstaltung der letzten beiden Jahrzehnte aufgelistet.

Kuratiert hat das Festival der in Buenos Aires geborene, in Thailand aufgewachsene und dem vom Bund geförderten Kulturhaus seit Jahren verbundene nomadische Künstler Rirkrit Tiravanija. Der hielt bei der Vorstellung des Programms aber auch mit Kritik nicht hinter dem Berg. »Kompliziert« würden die Dinge im HKW oft laufen, beschrieb er das altbekannte Spannungsverhältnis zwischen öffentlicher Kulturinstitution und Künstler. Das »großartige und wichtige« Haus behindere sich dadurch manchmal selber, habe einiges an Potenzial, das es noch nicht nutze. Dass Tiravanija dennoch das Jubiläumsprogramm strickte, spricht aber dafür, dass er dem oft hoch gelobten, für eine gewisse Schwerfälligkeit aber auch teils kritisierten Haus durchaus Reformfähigkeit zuspricht.

Intendant Bernd Scherer erinnerte an die Anfänge des HKW, das bei seiner Gründung 1989 am äußersten Westrand Berlins lag. »Durch den Mauerfall sind wir dann ins Zentrum gerückt – und das nicht nur geografisch« erinnert sich Scherer. So sei etwa das Thema Afghanistan damals als abseitig empfunden worden – aus heutiger Sicht absurd.

Eröffnet wurde die Veranstaltungsreihe gestern Abend mit einem Vortrag des Ghanaischen Philosophen Kwane Anthony Appiah. In den nächsten Wochen werden dann Anri Sala, John Bock, Arto Lindsay oder Oumou Sangaré laut HKW ein »Feuerwerk der Produktionen« abliefern. Zum Abschluss, am 30. September, wird der neue Literaturpreis des HKW verliehen, mit dem herausragende deutsche Erstübersetzungen geehrt werden sollen.

3.-30. September, Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Programm: www.hkw.de

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