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Ein Leben für die Freiheit

Erinnerungen an Horst Stowasser

  • Von Lutz Schulenburg
  • Lesedauer: 3 Min.
Horst Stowasser, geboren am 7. Januar 1951, ist vergangenen Sonnabend gestorben.
Horst Stowasser, geboren am 7. Januar 1951, ist vergangenen Sonnabend gestorben.

Die Meldung der anarcho-syndikalistischen Ortsgruppe aus Neustadt a.W. war nüchtern überschrieben: »Horst Stowasser ist tot!« Die Mail lag als giftiger Morgengruß auf meinem Schreibtisch und ernsthaft dachte ich, wenn ich jetzt die Augen schließe, wird diese bittere Nachricht wie ein Trug verschwinden. Der Tod, so gewiss er auch ist, bleibt dennoch eine Schweinerei.

Es dürfte um 1972 gewesen sein, als wir steifgefroren aus dem unbeheizbaren und ziemlich lecken 2CV, in dem der Schneesturm, der Friesland an diesem Tag durchzog, weitertobte, herausfielen, und Horst, Klaus, René und die anderen Genossen uns mit einer Kanne »Eisbrecher«, jenem in Hafenstädten nur aus Alkohol zusammengebrauten »Grog«, wieder auftauten. Es muss dann noch ein ziemlich langer Abend im Anarcho-Syndikat Wilhelmshaven geworden sein, und wenn die Erinnerung nicht trügt, wachte ich am nächsten Morgen gut verpackt unter einem Tisch wieder auf. Zusammen mit Horst Stowasser zogen wir dann, Agitation treibend, mit unseren »Volkspreisheften« und Zeitungen durch die Stadt.

Stolz zeigte Horst uns die »Errungenschaften« des ASY, die Räume in dem Kasernenbau, wo 1918 die Matrosen gemeutert hatten, zählte die Aktivitäten der anarchistischen Gruppe auf, zeigte die Plakat- und Broschürenproduktion und ihren Buchladen. Besonders beeindruckte mich damals (und in der Erinnerung heute noch) eine Sammlung von Stempeln, die, als mögliche Insignien bürokratischer Autorität, mich zunächst irritierte. Aber es ist diese Liebe zum Zauber des Unnützen, die einen Menschen in meinen Augen auszeichnet. So wurden wir Freunde, wie man es vielleicht nur in einer Zeit großer Erwartungen werden kann. Denn wie vielen Rebellen damals galt auch für uns als fraglos, dass es mit der alten Welt des Kapitalismus in kürzester Zeit zu Ende sein würde.

Um die Verdienste von Horst Stowasser für die neue anarchistische Bewegung nach 1968 aufzuzählen, reicht der Platz nicht aus. Er gründete Zeitschriften, Kollektivprojekte, schrieb Artikel, studierte Landwirtschaft, war Drucker, Vortragsreisender, Verleger, Archivar, Organisator, Buchautor. Das Wichtigste an seinem Wirken war: Verbindungen herzustellen, Verknüpfungen und Verknotungen, auf lokaler wie internationaler Ebene. Am Lernfeld Praxis lag ihm mehr als am Säurebad der Theorie. Seine Fähigkeit, Zusammenhänge zu vermitteln, macht auch die Stärke seiner Bücher (wie »Leben ohne Chef und Staat« und sein dickes Grundlagenwerk »Anarchie!«) aus. So lag ihm stets daran, die Unmittelbarkeit kollektiver Entstaatlichung heute schon voranzubringen: in Genossenschaften, Lebens- und Arbeitskollektiven. Der einzelne Mensch muss lernen, ohne Chef und Bürokraten auszukommen, lernen, sich mit anderen zu verbünden, um solidarisch zu handeln. In der letzten Zeit war er in Neustadt an der Weinstraße mit einem generationsübergreifenden Wohnprojekt beschäftigt, wie immer begeistert – genauso wie für den »Tante-Emma-Laden«, einen libertären Infoladen, für den Emma Goldmann Namenspatin ist. Für alles Weitere fehlt er jetzt.

Lutz Schulenburg leitet den Hamburger Nautilus-Verlag.

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