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Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde...

Ein ungeheuerlicher Verdacht – der Fall Siegfried Buback und die Thesen des Sohnes

  • Von Susanne Härpfer
  • Lesedauer: 6 Min.

Immer dienstags ist die Welt in Ordnung. Dann siegt das Gute über das Böse; und das auch noch in Hochglanz. Dann nämlich ermitteln die DNA-Spezialistin Alexx Woods, der Bombenexperte Horatio Caine und die Ballistikerin Calleigh Duquesne die absonderlichsten Mordfälle. Leider nur im Fernsehen. Die Serie »CSI Miami« bietet mehr Einblick in die Möglichkeiten moderner Ermittlungstechnik, als es das Bundeskriminalamt (BKA) je erlauben würde. In blau-lila-Licht getaucht, fahnden Spezialisten nach High-tech-Manier. Fans der Sendung müssen den Eindruck gewinnen, so würde auch im wahren Leben ermittelt. Doch da gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen dem, was kriminaltechnisch und auch juristisch möglich wäre. Selbst oder gerade bei Fällen von Staatsbedeutung passieren Pannen, die eines Inspektor Clouseau würdig wären.

Jeder Drehbuchautor würde hochkant gefeuert, der seine Protagonisten bei einem Attentat wie dem auf den Generalbundesanwalt am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, Siegfried Buback, am 7. April 1977 nicht sämtliche DNA-Spuren sichern ließe. Im Mordfall Buback wurden buchstäblich haarsträubende Fehler gemacht.

Dies ist das Essential des Buchs von Michael Buback, Sohn des Ermordeten. Er betont immer wieder, er sei Hochschullehrer. Universitäre Arbeiten bieten die wichtigsten Informationen auf den ersten und den letzten Seiten. So wundert es auch nicht, dass ein wichtiger Hinweis auf der letzten Seite seines Buches »Der zweite Tod meines Vaters« steht. Sehr viele hätten an dem Buch mitgewirkt, darunter »ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter, aber auch Journalisten«. Und auch auf die vielen Widersprüche in diesem Fall wird hingewiesen. Also frei nach Horaz: »Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als Eure Schulweisheit es sich träumt.«

Die Kernaussage des Buback-Buches: Die wahren Täter, vor allem aber Hintermänner, sind bis heute nicht ermittelt bzw. angeklagt. Entweder es wurde also bei den Ermittlungen massiv geschlampt, oder aber weiterführende Ermittlungen wurden massiv behindert, oder Ergebnisse werden bis heute unter Verschluss gehalten. Außerdem verweist das Buch auf einen geheimdienstlichen Hintergrund. Gerhard Wisnewski scheint mit seiner Frage nach dem RAF-Phantom Recht zu haben.

Für öffentlichen Wirbel sorgte bislang nur die Frage, ob Verena Becker den hochrangigen Juristen Buback ermordet habe. Gibt es wirklich neue Indizien oder gar Beweise, die auf sie als Todesschützin verweisen? Oder wurde sie verhaftet, weil sie ein Buch schreiben wollte – ein Buch, das offenbar zu explosiv wäre?

Wer hat Buback erschossen? Auch Michael Buback weiß es nicht. In seinem Buch schlägt er permanent Volten, manchmal sogar binnen eines Absatzes. So auch während eines Gesprächs mit der Autorin dieses Artikels. Man könne Verena Becker als potenziell Verdächtige bezeichnen, es sei aber ebensogut möglich, dass eine bislang dritte, öffentlich nicht bekannte Person als wahrer Täter in Betracht komme.

Buback stellt die Frage, ob es Gründe dafür gab, dass Siegfried Haag, der viele RAF-Mitglieder rekrutiert und Anschlagpläne ausgearbeitet hatte, schonender von den staatlichen Organen behandelt worden ist als die von ihm angeworbenen und für die Verbrechen ausgebildeten Terroristen. Siegfried Haag, 1976 bis 1987 in Haft, lebt seit über 20 Jahren in Freiheit, und Christian Klar kam erst Ende vergangenen Jahres frei. Dies ist in der Tat eine der zentralen Fragen. Doch niemand hat sie bislang öffentlich gestellt. In einem »Stern«-Artikel fand ich die Passage: »Am 30. November 1976 wurde er (Haag) zusammen mit dem 22-jährigen Roland Mayer, einem sehr jungen Rekruten, bei einer Autobahn-Verkehrskontrolle zufällig gefasst. Aber zuvor hatte Siegfried Haag zumindest aus den drei schüchternen, zaudernden Jünglingen Sonnenberg, Klar und Folkerts kaltblütig handelnde, zum äußersten entschlossene Terroristen gemacht, die auch ohne den gefangenen Chef loszuschlagen imstande waren.« Am 7. April 1977 also gegen Siegfried Buback, als dieser in seinem Dienstwagen auf dem Weg von seiner Wohnung in Neureut zum Bundesgerichtshof befand – so zumindest die bisherige Lesart.

Da stellt sich die Frage: Wer ist imstande, mit welchen Methoden durch wen und von wem gelernt, aus sanften Menschen Mörder zu machen? Wer war hier in Wahrheit am Werk? Und zu welchem Zweck? Plötzlich bekommen die Briefe, die Michael Buback erhalten hat, mit all den Hinweisen auf einen nachrichtendienstlichen Hintergrund der Geschehnisse eine ganz neue Bedeutung.

Es ist erstaunlich, wie häufig im Zusammenhang mit der RAF die Worte »Regie«, »Drehbuch« und »Inszenierung« zu lesen und zu hören sind. Anwalt Pieter Bakker Schut schreibt auch von der »Inszenierung des Stammheim-Prozesses«. Er legt die Fährte eines Schau-Prozesses im wahrsten Sinn des Wortes. Wie kamen Andreas Baader und die anderen im Hochsicherheitstrakt des Stammheimer Gefängnisses zu Waffen für ihren angeblichen Suizid? Wer war das eigentliche Mastermind des RAF-Terrors, und warum wurde und wird es bis heute geschützt?

Zur Erinnerung: Begonnen hat alles mit der öffentlichen Debatte, dass vielleicht nicht wie bisher angenommen und behauptet Christian Klar, Knut Folkerts und Günter Sonnenberg auf dem Motorrad, von dem die tödlichen Schüsse abgegeben worden seien, gesessen haben, sondern Verena Becker und Stefan Wisniewski. Jürgen Boock, ehemaliges RAF-Mitglied und heute freier Autor, sagte aus, der Verfassungsschutz habe davon gewusst. Bubacks Sohn zitiert ihn.

Und auch einen »Spiegel«-Arti- kel, in dem es heißt, es gäbe einen BKA-Bericht, nach dem eine Haarspur der Verena Becker gefunden worden sei. Bubacks Sohn bekam den BKA-Bericht in die Hände und stellte fest, es handelte sich um eine Haarprobe aus einer Bürste, die bei den Sachen der Verena Becker gefunden worden ist und mitnichten als die ihre identifiziert worden ist. Bubacks Buch erteilt so nebenbei die Lektion, amtliche Dokumente sehr genau zu lesen, Behördeninformationen nicht blind zu trauen und zwischen den Zeilen zu lesen. Und am interessantesten ist oft, was nicht in den Akten steht, vielmehr also, welche Lücken sich darin befinden.

Man weiß seit langem, wer der RAF die Waffen beschaffte – ein Mann des Verfassungsschutzes: Peter Urbach. Ging ein Großteil der RAF-Taten auf das Konto staatlicher Organe? Ist dies gar wissentlich oder billigend von der jeweiligen Bundesregierung in Kauf genommen worden? Wenn ja, müssten diese entsprechenden Mittäter genauso strafrechtlich verfolgt werden wie die Täter. Wenn jetzt erneut oder überhaupt erst gegen Verena Becker ermittelt wird, dann muss gegen die Hintermänner und Mitwisser vorgegangen werden – erst recht oder auch, wenn diese Beamte des Staates waren oder noch sind.

In Bubacks Buch wird Corinna Ponto zitiert, Tochter des ermordeten Jürgen Ponto, Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank, der am 30. Juli 1977 auf der Terrasse seiner Villa erschossen worden ist: »Ich behaupte zudem, die Terroristen hingen zum großen Teil an Fäden und Drähten, die sie wahrscheinlich selbst bis zum heutigen Tag nicht ganz durchschauen.«

Im Krimi wie im richtigen Leben führt die Frage »Wem nützt es?« zum Täter. Die Krux ist oft: Diejenigen, die den Zugang zu wichtigen Informationen haben, stoßen nicht auf diese, weil sie eben gewisse Fragen nicht stellen. Und diejenigen, die sie stellen könnten, erhalten den Zugang nicht. Aber vielleicht findet sich ja doch noch eine Allianz von Menschen, denen die Wahrheit so viel bedeutet, dass sie das »Unmögliche« denken und kombinieren.

Michael Buback: Der zweite Tod meines Vaters. Droemer Verlag, München. 368 S., br., 19,95 €.

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