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Marina Silva – die Rückkehr der Utopie?

Brasiliens ehemalige Umweltministerin durchkreuzt die Rechnung des Präsidenten

  • Von Gerhard Dilger, Porto Alegre
  • Lesedauer: 7 Min.
Bis Mitte 2008 war Marina Silva das Öko-Feigenblatt der brasilianischen Regierung. Nun will die frühere Gummizapferin als Präsidentschaftskandidatin der Grünen antreten – und durchkreuzt damit das machtpolitische Kalkül von Staatschef Lula da Silva.
Letzte Woche zelebrierte Brasiliens Präsident Luiz Inácio »Lula« da Silva den Beginn eines neuen Ölzeitalters für die südamerikanische Regionalmacht. Die riesigen Vorkommen vor der Atlantikküste, die der halbstaatliche Konzern Petrobras 2007 entdeckt hatte, sollen in den kommenden Jahrzehnten erschlossen und unter der Regie einer neuen Staatsfirma gefördert werden.

»Wenn wir nicht die richtigen Entscheidungen treffen, kann sich das Geschenk Gottes allerdings in einen Fluch verwandeln«, warnte Lula im Hinblick auf die Begehrlichkeiten einheimischer Politiker und privater Investoren, deren größte Fürsprecher in großen Medien Brasiliens sitzen.

»Diese Mittel sollten dazu beitragen, dass Brasilien seine Abhängigkeit von den fossilen Energien überwinden kann – und das Entwicklungsmodell, für das sie stehen«, schrieb hingegen Marina Silva, bis Mai 2008 Lulas Umweltministerin. Ihre Vision: eine »Wirtschaft mit geringem CO2-Ausstoß und eine Gesellschaft, die die Konsumideologie überwunden hat«.

»Wichtiger als der Job ist der Verstand«

Was die Regierungsoberen noch vor Wochen mit einem Schulterzucken quittiert hätten, hat auf einmal Gewicht. Denn im August hat Marina Silva, das bekannteste Gesicht der brasilianischen Umweltbewegung, nach 24 Jahren Lulas Arbeiterpartei PT verlassen und ist zu den Grünen gewechselt. Die führten bislang in Brasilien nur ein Schattendasein, doch mit dem Parteiwechsel haben sie den politischen Coup des Jahres gelandet. Marina Silva will nämlich als grüne Präsidentschaftskandidatin bei der Wahl im Oktober 2010 antreten – und macht damit Lula einen dicken Strich durch die Rechnung.

Fast zerbrechlich wirkt die 51-Jährige mit den dunklen Ringen um die Augen, der hohen Stimme und dem Haarknoten. Doch der erste Eindruck trügt: Silva ist für ihre Ausdauer bekannt, und sie zählt zu den integersten Politikern des Landes. Seit 1994 saß die frühere Gummizapferin und Mitstreiterin des Regenwald-Märtyrers Chico Mendes für die PT im brasilianischen Oberhaus – mit einer Unterbrechung von knapp fünfeinhalb Jahren, als sie Umweltministerin war.

Anfang 2008 rechnete sie der britische »Guardian« zu den 50 Menschen, »die dabei helfen können, den Planeten zu retten«, und das, als sie in Lulas Mitte-Links-Regierung bereits immer mehr an den Rand gedrängt wurde. Vier Monate später erklärte sie ihren Rücktritt mit den Worten: »Es ist besser, den Job zu verlieren als den gesunden Menschenverstand.«

Unermüdlich im Einsatz für Amazonien

Wie die Zerstörung ganzer Lebensräume die Armut zementieren kann, hat Marina Silva von klein auf erlebt. Als eines von elf Kindern einer Gummizapferfamilie wurde sie im Urwald des Amazonas-Bundesstaates Acre geboren. Drei ihrer Geschwister starben früh. Sie selbst hatte immer wieder mit Hepatitis, Malaria und Vergiftungen durch Schwermetalle zu kämpfen. Deswegen zog sie schließlich als 15-Jährige in die Provinzhauptstadt Rio Branco, wo sie Lesen und Schreiben lernte.

Den Wunsch, Nonne zu werden, gab sie auf, doch in den katholischen Basisgemeinden wurde sie rasch politisiert. Als Geschichtsstudentin schloss sie sich einer kommunistischen Gruppe an, die bald in der PT aufgehen sollte. Zusammen mit Chico Mendes organisierte sie die Proteste der Kautschuksammler und gründete 1985, gegen Ende des brasilianischen Militärregimes, den regionalen Zweig des linken Gewerkschaftsdachverbandes CUT.

Als jüngste Senatorin Brasiliens wurde Silva in den 90er Jahren bald zu einer festen Größe in der internationalen Umweltszene. Ihr Engagement für Amazonien brachte ihr ungezählte Preise ein, ihre geradlinige Art nötigte selbst ihren politischen Gegnern Respekt ab. 2002 machte sie Lula zur Ministerin.

Doch mit ihrem Vorhaben, die Umweltpolitik in allen Ressorts zu verankern, ließ sie der Präsident allein. Wachstum um jeden Preis erklärte er zur Maxime seiner Wirtschaftspolitik. In Amazonien verbündete er sich mit den Soja-Unternehmern und korrupten Regionalfürsten, die Beton- und Stromlobby setzte den Bau zahlreicher Großstaudämme und Fernstraßen durch. Dem Agrobusiness gab er grünes Licht für den Einsatz der Gentechnik.

Jahrelang trug die vierfache Mutter Marina Silva, die mittlerweile zur bekennenden Evangelikalen konvertiert war, Lulas Kurs loyal mit, manchmal bis an die Grenze der Selbstverleugnung. Zwei riesigen Wasserkraftprojekten am Oberlauf des Amazonas-Nebenflusses Madeira erteilte sie wider besseres Wissen die Umweltlizenz. Trösten konnte sie sich mit Achtungserfolgen gegen den Raubbau: »Wir haben 725 notorische Umweltzerstörer hinter Gitter gebracht«, sagt sie. In ihrer Amtszeit wurden mehr Nationalparks ausgewiesen als je zuvor.

Doch als ihr Lula über Nacht die Zuständigkeit für ein Amazonasprogramm entzog, das sie erarbeitet hatte, war das Maß voll. Von der Regierungsverantwortung befreit, wurde sie wieder als Senatorin und Kolumnistin aktiv.

Lula wünscht sich Rousseff als Erbin

Der Präsident hatte unterdessen im Alleingang seine Parteifreundin – und seine rechte Hand – Dilma Rousseff zur Wunschnachfolgerin im Präsidentenamt erkoren. Lula selbst darf für eine dritte Amtszeit in Folge nicht mehr kandidieren. Deshalb versucht er die ebenso effiziente wie uncharismatische Präsidialamtsministerin zur Wahlkämpferin zu formen. Zusammen weihen sie Staudämme und Fabriken ein oder lancieren Sozialprogramme.

In der PT wie auch in Lulas Kabinett verkörperten Silva und Rousseff einen letztlich unüberwindbaren Gegensatz: hie die Streiterin für »nachhaltige Entwicklung«, die auf Allianzen mit Aktivisten und regierungsunabhängigen Organisationen setzte, dort die tüchtige Technokratin, die zuerst das Bergbau- und Energieministerium umbaute und seit 2005 alle Fäden im Kabinett in der Hand hält.

Lula pflegt Rousseff als »Mutter des Wachstumsbeschleunigungsprogramms« zu bezeichnen, jenes Investitionspakets der Bundesregierung, das von Atomkraftwerken bis zur Verbesserung der Trinkwasserversorgung reicht. Seine Jobs und sozialen Wohltaten sollen sich 2010 in Millionen Wählerstimmen niederschlagen und vier Jahre später Lulas Rückkehr an die Macht ermöglichen.

Als wahrscheinlichstes Szenario galt lange Zeit ein Zweikampf zwischen den Wachstumsaposteln Rousseff und José Serra, dem Gouverneur von São Paulo, einem rechten Sozialdemokraten, der Lula 2002 klar unterlegen war. Damit ist es jetzt vorbei. Besonders begeistert sind darüber jene, die von Lulas höchst pragmatischem Kurs enttäuscht wurden.

Denn jener grundlegende Wandel in Brasilien, den er 2002 in Aussicht gestellt hatte, ist ausgeblieben: Der Raubbau in Amazonien geht weiter, eine Landreform lässt weiter auf sich warten und die politische Kaste betreibt ihr Geschacher um Macht und Geld ungeniert wie eh und je. Im Juni setzte der Präsident ein Dekret durch, das Landräuber in Amazonien im großen Stil belohnt.

Seither drehte sich in Brasília fast alles um die Frage, ob José Sarney, der 79-jährige Grandseigneur der korrupten Regionaleliten, als Senatspräsident seinen Hut nehmen müsse oder nicht. Er muss nicht – dank Lula, der die Koalition mit Sarneys Zentrumspartei PMDB fortsetzen will.

Optimisten hoffen auf den Obama-Effekt

Roberto Liebgott vom katholischen Indianermissionsrat CIMI freut sich auf eine Ansprechpartnerin, die die Sache der Indigenen ernst nimmt, und fügt hinzu: »Marina könnte es gelingen, die Umweltpolitik vom intellektuellen Diskurs in die konkrete Realität herüberzubringen.« Immer noch ist grünes Engagement in Brasilien eine Domäne der urbanen Mittelschicht – die meisten Menschen sehen nur selten den Zusammenhang zwischen ihrem täglichen Überlebenskampf und, beispielsweise, dem Klimawandel.

Junge Marina-Fans hatten bereits 2008 die Website »Marina Silva Presidente« lanciert. Die Kampagne könnte die brasilianische Version des Obama-Phänomens werden, hoffen die größten Optimisten. Wie Obama oder auch Lula ist Marina Silva besonnen und ausgleichend. »Für komplexe Prozesse braucht die Welt multizentrische Persönlichkeiten, die fähig sind, verschiedene Sichtweisen zusammenzubringen«, ist sie überzeugt.

Ähnlich wie die Polarisierer Hugo Chávez aus Venezuela und der Ecuadorianer Rafael Correa könnte aber auch sie vom tiefen Verdruss über das korrupte politische System profitieren, das Lula unangetastet ließ. »Ich will die Utopien am Leben erhalten und die Leute mobilisieren, vor allem die Jungen«, sagt Marina Silva.

»Marinas Kandidatur bedeutet neuen Sauerstoff für die brasilianische Politik«, meint João Pedro Stedile, der Chefstratege der Landlosenbewegung MST und selbst PT-Mitglied. »Im kommenden Wahlkampf wird endlich wieder über verschiedene Projekte für Brasilien diskutiert.« Die Umweltpolitik könne nun nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden.

Lula hat das erkannt: Mit den Erlösen aus dem Atlantiköl, so sehen es die jüngsten Regierungspläne vor, sollen nun auch Maßnahmen zum Umweltschutz finanziert werden.

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