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Leseprobe

Das Argument

Dem Abschied vom Proletariat folgte der von den Intellektuellen. Herausgeschniten aus ihrer Verbindung mit bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, abgekoppelt von ihrer organisierenden Funktion in der Gesellschaft, erscheinen sie als komische Figuren, Kleriker ohne Kirche, von denen billig behauptet werden kann, ihr historischer Moment sei abgelaufen. Michael Winock meint, »das Geschrei der Pamphletisten und das Unterzeichnen von Manifesten« sei weniger »dauerhaft als »die tägliche Arbeit der anonymen Intellektuellen – insbesondere als Erziehende«. Dies ist gegen diejenigen Intellektuellen gerichtet, welche die ihnen von der herrschenden Ideologie und den Macht- und Eigentumsverhältnissen – informell, durch Anpassungsdruck und im Widerspruch zur Verfassung – gezogenen Grenzen überschreiten. Doch so wenig sich ihr Tun auf das Verfassen von Manifesten reduzieren lässst, so wenig muss dieses im Gegensatz zu »anonymer« Erziehungsarbeit stehen.

Wenn eine Grundschullehrerin für kleinere Klassen und bessere Arbeitsbedingungen streitet, dafür Forderungen formuliert und sich dergestalt organisierend engagiert, tut sie den Schritt heraus aus der »Anonymität«, in der Winock sie in Ordnung findet. Gleichwohl soll auch ihm zufolge die Gestaltung des Gemeinwesens nicht »das Monopol einiger weniger, sondern die Sache aller« sein. Soll dieser Anspruch kein folgenloses Lippenbekenntnis bleiben, ruft er die Figur des die Organisation von Gesellschaft herrschaftskritisch Betreibenden – des »organischen Intellektuellen« im Sinne Gramscis – auf den Plan. Eine »neue Kultur zu schaffen« heißt »nicht nur, individuell ›originelle‹ Entdeckungen zu machen«, sondern vor allem eine »Masse von Menschen« dahin zu bringen, »die reale Gegenwart kohärent zu denken«. Eine Zeitschrift wie Das Argument, die seit einem halben Jahrhundert sich der Bildung und Selbst-Bildung der kritischen Intellektuellen verschrieben hat, hat hier ihren Daseinszweck.

Aus dem Editorial von Peter Jehle zu »50 Jahre Das Argument. Kritisch-intellektuelles Engagement heute« mit Beiträgen von Wolfgang Fritz und Frigga Haug, Judith Butler u.v.a. (Argument Verlag, 384 S., br., 24.50 €).

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