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Ein alter Mann hebt ab

Oben - von Pete Docter und Bob Peterson

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Als »Oben« letzte Woche bei den Filmfestspielen in Venedig zu sehen war, schmückten tausend bunte Luftballons das Festival-Galakino. Ein fröhlicher Anblick und die passende Dekoration für einen Film, dessen zentrales Motiv ein Haus ist, eine altmodische Stadtvilla mit hölzerner Veranda, die sich von ihrem Fundament befreit, um Kontinente zu überqueren, von 20 000 Heliumballons hoch in die Luft getragen. Die fliegende Villa ist am Computer gezeichnet, die vielen bunten Luftballons sind es ebenso, aber der spontanen Freude am Anblick ihres Abhebens tut das wenig Abbruch.

Am mit viel technischem Verstand improvisierten Steuermechanismus seiner fliegenden Behausung sitzt ein knorziger alter Mann mit grauem Haarschopf und der dickrandigen schwarzen Kassenbrille vergangener Zeiten. Und auch der Zuschauer im Saal verfolgt das Geschehen mit der Brille auf der Nase, denn »Oben« folgt der zurzeit mal wieder gängigen Mode der 3D-Effekte. Wirklich atemberaubend sind die in diesem Falle nicht – der größte Teil des Films ließe sich weit weniger ermüdend und mit strahlenderen Farben auch ohne Brille betrachten –, aber weil das Kino gerade mal wieder totgesagt wird, muss technisch aufgerüstet werden, um der Konkurrenz von DVD und Heimkino ein echtes Erlebnis entgegenzusetzen. Ein teurer Spaß für die Kinos und ein ästhetischer Mehrwert für den Zuschauer, der sich ziemlich schnell abnutzt.

»Oben« ist der zehnte Spielfilm des Animationsstudios Pixar, das zwar längst Teil des Disney-Konzern ist, aber trotzdem weiter Filme produziert, die unschwer als Pixar-Erfindungen zu erkennen sind. Regisseur Pete Docter zeichnete schon für »Die Monster-AG« verantwortlich, erfand »Wall-E« und schrieb am Drehbuch von »Toy Story« mit. Koregisseur Bob Peterson war am Drehbuch von »Findet Nemo« beteiligt. Die Disney-Aktie brach trotzdem erst mal ein, als die Handlung ihres neuesten Projekts bekannt wurde: Ein 78-jähriger Rentner als Held eines Trickfilms erschien den Börsenanalysten wenig erfolgversprechend, schon weil sich Kuschelpuppen von sprechenden Tieren oder beseelten Spielfiguren einfach besser verkaufen lassen als Nachbildungen eines alten Mannes mit den Zügen von Spencer Tracy. Zu kurz gedacht, wie sich herausstellte.

Als Identifikationsfigur für die jüngeren Zuschauer fliegt ein dicklicher Pfadfinderjunge mit in Richtung Abenteuer, der eigentlich nur auf der Jagd war nach dem Ehrenabzeichen für eine gute Tat gegenüber Senioren und sich unversehens als blinder Passagier an Bord befindet, als die Villa abhebt. Nicht sehr zur Freude von Carl Fredrick-sen, dem rüstigen Rentner, der seinerseits vor der Zwangseinweisung ins Altersheim flieht, getrieben von einem alten Traum aus Kindertagen. Es wird eine Weile dauern, bis die beiden sich verstehen, und noch etwas länger, bis Carl sich bereitfindet, den Großvater zu spielen für den achtjährigen Russell. Aber »Oben« erzählt auch eine doppelte Liebesgeschichte, und die gehört zum besten, was seit Langem im Kino zu sehen war.

Da ist zunächst die Liebe des jungen Carl Fredricksen zum Abenteuer und seine Bewunderung für die Taten des todesmutigen Entdeckers Charles Muntz, von denen schwarz-weiße Wochenschauen berichten, den echten Movietone News der Dreißiger täuschend echt nachempfunden. Und dann Carls Liebe zur sogar noch etwas abenteuerlustigeren Nachbarstochter Ellie, die später seine Frau wird. Die mehrminütige, stumme Montage ihrer langen, glücklichen Ehejahre, schon jetzt ein Klassiker der Trickfilmgeschichte, bereitet den Boden für die Tränen, die später auch der Zuschauer vergießen wird, als Ellie stirbt und Carl allein zurückbleibt. Weil im heimischen New York die Wolkenkratzer seinem Häuschen die Luft nehmen – und um den Immobilienhaien ein nicht wirklich durchdachtes Schnippchen zu schlagen, die scharf sind auf den Grund, auf dem es steht –, macht Carl die Leinen los und endlich Ellies Traum wahr: eine Reise zu einem Wasserfall im Hochland von Venezuela.

Dort wird er seinen Jugendhelden Muntz wiederfinden, der dort zum wahngetriebenen Forscher mutiert ist, auf einen quietschbunten Straußenvogel mit anhänglicher Seele und einer lebensgefährlichen Vorliebe für Schokolade treffen, auf Hunde, die weit weniger lieb sind, dafür aber mit Hilfe eines Sprachumwandlers am Halsband menschlich verständlich sprechen können, was zu ein paar komischen Effekten führt, und seine Trauerarbeit vollenden.

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