Werbung

So ein Käse!

Uwe Kant: Wahre Begebenheit aus dem Wahlkampf

Neulich weilte ich in Schwerin, um etwas Käse einzukaufen. Dabei geriet ich unversehens in den Trubel oder Strudel des hauptstädtischen Wahlkampfs; Landei, das ich bin ...

Obgleich die Käsepreise an die Feinunze Gold gebunden, gekettet zu sein scheinen, war es mir unziemlich vorgekommen, Stilton und Konsorten mit der Karte zu bezahlen, und ich hatte meine Schritte zu einem Platz gelenkt, an dem ich meinen Freund, den Geldautomaten, vermutete. Wie sich nachher zeigte, lag ich richtig, wenngleich mir vorerst einige zweifarbig gekleidete Männer und Frauen, auch in umgekehrter Reihenfolge, gewiss, mit allerhand Ständen und Spruchbändern, Flyern und Postern zwar nicht direkt den Weg, aber jedenfalls die Sicht versperrten. DIE LINKE las ich wohl an einer Stelle, aber nicht »Die Sparkasse«. Ach, die Genossen, dachte ich ebenso gerührt wie farbuntüchtig, sie versuchen es. Und als ein Hochgewachsener auf mich zutrat, beschloss ich flugs, ihm das ganze Agitieren zu ersparen. »Gib man her«, so sprach ich leutselig unter uns Weltrevolutionären und in der vertraulichen Anredeweise der abgesessenen Budjonny-Reiterei, »ich wähle sowieso immer und ohne weiteres die Linke, weißte!«

Tatsächlich brachte ich auf die Weise einiges Bedruckte und einen Kugelschreiber in meinen Besitz, ehe ich fortfuhr: »Und nun sag mir mal, wo hier bei euch die Geldautomaten stehen.«

Nachträglich nur meine ich, glaube ich, an dieser Stelle einen Hauch, einen Schimmer von Irritation und Befremden bei dem Wahlkämpfer wahrgenommen zu haben, ehe er mir rückhaltlos und umfassend Bescheid tat. Im Käseladen wurde gerade ein neuartiges Produkt vorgestellt: Ziegenbutter zu 3 Euro je 100 Gramm, und ich unterdrückte mannhaft einen populistisch-polemischen Hinweis auf meine Mutter, die uns solche entsetzliche Delikatesse in den Jahren um 1945 immer ganz kostenlos hergestellt und dargeboten hatte. Bleiches, Krümeliges, streng Riechendes. Nur unzulänglich getarnt mit sogenannter Butterfarbe.

»Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe« – jemand könnte denken, ich habe mir die ganze Sache eigens ausgedacht und hielte den folgenden Schluss auch noch für eine Pointe; peinlich. Peinlich und ganz und gar abwegig. Denn es ist einzig die Wahrhaftigkeit des Vorfalls, die mich überhaupt nur beflügelt hat, anzufangen, was hiermit zu Ende gebracht sei: Jawohl, ich sah es dann, als ich die Käsepacken in die Tasche schob – Stift und Papier waren von der CDU.

So, will ich einmal sagen, kann das Leben spielen, unterscheidet einer nicht richtig Rot und Orange. Gerade im Wahlkampf.

Uwe Kant, Jahrg. 1936, lebt in Neu Ruthenbeck und ist vor allem als Autor zahlreicher Kinder- und Jugendbücher bekannt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln