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Von Privatschulen lernen?

Julia Bonk (Linkspartei) über alternative Bildungsansätze und linke Schulpolitik

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Julia Bonk ist Sprecherin des bundesweiten Zusammenschlusses »Emanzipatorische Linke« innerhalb der Linkspartei. Sie sitzt seit 2004 im sächsischen Landtag und hat dort in der vergangenen Legislaturperiode als schulpolitische Sprecherin die Bildungspolitik der Linksfraktion mitgeprägt. Mit der 23-jährigen Geschichts- und Politikstudentin sprach Lena Tietgen.
Von Privatschulen lernen?

ND: Als Linksparteipolitikerin haben sie jahrelang neben der sozialen Benachteiligung auch ein Demokratiedefizit im Schulsystem beklagt. Wie sollte Schule strukturiert sein, damit der Anspruch an Emanzipation und Teilhabe des Einzelnen gewährleistet wird?
Bonk: Ich sehe das auf zwei Ebenen – Teilhabe an größtmöglicher Bildung und Mitgestaltung des Lernens innerhalb der Schule. Das gegliederte Schulwesen gehört flächendeckend abgelöst, weil es statt individueller Förderung Ausschluss hervorbringt. Es ist nicht hinnehmbar, dass manche Kinder von der 1. Klasse an in Förderschulen eingeschult werden. Wir wissen auch, dass sich die Kompetenzfelder von Jugendlichen in Haupt-, Real- und Gymnasialbildungsgängen in weiten Teilen überschneiden – mehr oder weniger durch Zufall in Form von Noten kamen die Schüler also auf ihre Schulform und wurden fortan auf diesem Niveau gefördert. Eine demokratische Gesellschaft, die sich auf gleiche Teilhabe verpflichtet und zudem überaltert, darf eine solche Willkür bei der Vergabe der Lebenschancen nicht hinnehmen. Ein linker Bildungsansatz muss auch die Veränderung des Lernens im Blick haben: Nicht das ausgeschüttete Wissen sollen die Schüler aufnehmen und bestmöglich wiedergeben, sondern die Schule soll ihre Begabungen und Lernschwächen erkennen und die Kinder individuell fördern. Mitgestaltung und Selbstbestimmung im Lernprozess müssen sich in der Möglichkeit niederschlagen, eigene Schwerpunkte zu setzen.

Welche Rolle muss dabei künftig dem Lehrer zukommen?
Lehrer werden dabei zu Unterstützer des Lernens, das von den Schülern geleistet wird. Das ist nötig, weil Leistungshomogenität eine Illusion ist. Verschiedenheit ist ein Schatz. Jedes Kind muss in seinen Begabungen, Schwächen und Neigungen gefördert werden.

Geraten Sie damit nicht in ein neoliberales Fahrwasser? Der Fokus der Linken liegt doch mehr darauf, dass Bildung keine Ware sein soll.
Beides sind Ansätze, die zusammengedacht werden können und müssen. Es ist genauso notwendig, gegen die Privatisierung der Kosten und die Ausbreitung eines neoliberalen Ansatzes in der Bildungspolitik anzugehen. Das haben wir zum Beispiel im Zusammenhang mit privatem, kostenpflichtigem Nachhilfeunterricht auch in Sachsen getan. Ich halte es außerdem ebenso für überhaupt nicht akzeptabel, dass junge Leute monatlich viel Geld für einen Ausbildungsplatz an einer privaten Berufsschule bezahlen, weil sie Angst vor Perspektivlosigkeit haben und die Plätze im dualen System und an den öffentlichen Berufsschulen nicht ausreichen.

Übertreiben Sie da nicht, immerhin beträgt der Anteil von Schülern an Privatschulen bundesweit lediglich rund sieben Prozent?
In Sachsen stellt sich die Situation im Bereich der Berufsschulen allerdings anders dar. Mit 25 Prozent betroffener Berufsschüler in Sachsen haben wir bundesweit die höchste Rate. Schulen, die ohne einen eigenen Bildungsansatz antreten und quasi als Unternehmen Geld mit der Ausbildung verdienen, sollten keine öffentliche Unterstützung erhalten. Außerdem darf sich Bildung nicht nur am Arbeitsmarkt orientieren. In Sachsen wurden Lehrpläne etwa mit dem erklärten Ziel geändert, mehr Ingenieure herausbekommen zu wollen. Damit geraten die allgemeine Bildung und individuelle Förderung und Entfaltung aller Begabungen in Gefahr. Tatsächlich ist Individualisierung ein gesellschaftlicher Fakt, worauf das Bildungswesen mit gleichem Zugang zu Bildung in einer Schule für alle und mit individueller Förderung reagieren sollte.

In ihrem Wahlprogramm setzt sich die Linkspartei für die bundesweite Umsetzung der Gemeinschaftsschule ein. Dennoch suchten Sie in Sachsen den Kontakt mit den Freien Alternativen Schulen. Warum?
Es muss darum gehen, demokratische Schulen in ihrer Selbstorganisation zu stärken. Im Bezug auf neue Lernmethoden können die öffentlichen viel von den Freien Schulen lernen: jahrgangsübergreifender Unterricht, Projektlernen etc. wird dort schon seit Jahren angewendet. In der PDS machte es ja immer einen Unterschied, ob man von »Freien« oder »Privatschulen« gesprochen hat – da drückte sich die ganze Haltung dazu aus. Ich denke, dass die Anwendung alternativer Bildungskonzepte möglich sein muss. Wir haben uns darauf konzentriert, kommerzielle Anbieter zu bekämpfen. Wichtig ist, Zugangsschwellen abzubauen, wie etwa das Schulgeld. Von den freien Schulen ist anerkannt worden, dass wir uns auch um ihre Belange gekümmert haben, obwohl die Weiterentwicklung des öffentlichen Schulwesens für uns im Mittelpunkt steht. Viele bemängeln zu Recht, dass die öffentlichen Schulen nicht die gleiche Gestaltungsfreiheit wie die Freien haben.

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