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Brisante Zahlen

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der DDR

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Auch statistisch war Deutschland vierzig Jahre geteilt. Die DDR berechnete entsprechend den Richtlinien des »sozialistischen Lagers« ihre volkswirtschaftliche Leistungskraft nach dem MPS-System (Material Product System). Danach wurden als wirtschaftliche Tätigkeit nur die Produktion materieller Güter und der damit eng verknüpfen Dienstleistungen wie Reparaturen, Transport, Nachrichtenentwicklung und Handel gewertet. Im Westen galt das SNA-System (System of National Accounts), das die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit von Unternehmen, des Staates und der Organisationen ohne Erwerbszweck berücksichtigte.

Wer erfahren wollte, welches Niveau die Wirtschaft in der DDR im Vergleich zur BRD erreicht hatte und ob sich eine Annäherung des Ostens an den Westen vollzog, musste die Daten auf eines der beiden Systeme umrechnen. In der DDR blieben derartige Niveauberechnungen intern. Auch im Westen wurden vor 1989 nur wenige auf derartigen Umrechnungen beruhende Leistungsvergleiche veröffentlicht. Es bestand stets der Verdacht, dass ein Teil der DDR-Angaben gefälscht sei. Der Verdacht konnte nach einer Untersuchung der Daten des statistischen Dienstes der DDR durch das Statistische Bundesamt, die 1991 vorgenommen worden war, ausgeräumt werden. Die DDR-Statistik habe »weitestgehend die Wirklichkeit beschrieben«, lautete das abschließende Untersuchungsergebnis. Trotzdem wurden schon 1992/93 die zum Vergleich der Leistungskraft beider deutschen Staaten nötigen aufwendigen Umrechnungen seitens des Statistischen Bundesamtes abgebrochen.

Es ist nur der Initiative von Wissenschaftlern aus diversen Forschungsinstituten zu verdanken, dass dennoch Vergleiche erarbeitet und publiziert worden sind. Bevor Gerhard Heske nun seine Berechnungen vorlegte, hat es fünf derartige gegeben. Heskes Arbeit unterscheidet sich von den Arbeiten seiner Vorgänger vor allem dadurch, dass er sich nicht mit einer globalen Rückrechnung der Gesamtgrößen des Bruttoinlandsprodukte (BIP) begnügte, sondern »eine nochmalige Primäraufbereitung der Entstehung und Verwendung des Bruttosozialprodukts im Detail« vornahm. Die Brisanz des von ihm ermittelten Zahlenmaterials wird erst dort richtig deutlich, wo er die Entwicklung der Bundesrepublik und der DDR miteinander vergleicht. Demnach betrug das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner 1950 in der DDR 38 Prozent des Niveaus der BRD.

Allgemein akzeptiert ist, dass das Wirtschaftsniveau vor dem Zweiten Weltkrieg im westlichen und mittleren Teil des Deutschen Reiches etwa ausgeglichen gewesen war. Die hohen Verluste an Wirtschaftskraft im Osten nach dem Krieg erklärt sich als Folge von äußerst hohen Reparationslasten und Spaltungsdisproportionen, die das kleinere Land DDR viel mehr trafen als die Bundesrepublik. Mit planwirtschaftlichen Defiziten hatte dieser Einbruch kaum etwas zu tun, denn die Volkswirtschaftsplanung befand sich mit dem Zweijahrplan 1949/50 noch in den Anfängen. Knapp 40 Jahre später, 1989, betrug das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner in der DDR ca. 56 Prozent des westdeutschen Niveaus. Das heißt, man hatte im Osten aufgeholt – nicht dramatisch, aber stetig (mit Ausnahme der Jahre 1986 bis 1989, als der Abstand zur Bundesrepublik wieder etwas, um 0,6 Prozentpunkte, größer geworden ist).

Der Zeitraum von 1950 bis 1989 ist nun aber die Periode des eigentlichen Wirkens der sozialistischen Planwirtschaft, ob sie streng zentral organisiert oder dezentraler aufgebaut war, wie während des NÖS. Und für diesen Zeitraum ist sie an ihren Ergebnissen zu messen. Es wird bei Heske deutlich: Ein »Einholen und Überholen« – wie Ende der 50er Jahre von der SED-Führung zur »Ökonomischen Hauptaufgabe« erklärt – hat es ebenso wenig gegeben wie ein »Überholen ohne einzuholen«, das Ende der 60er Jahre verkündet wurde.

Die DDR hat sich wirtschaftlich nicht abhängen lassen. Das offensichtlich konnte ihr Planungssystem sichern. Befriedigend war die ostdeutsche Wirtschaftsleistung natürlich nicht. Auch, weil die bleibende Differenz in der Wirtschaftsleistung sich trotz möglichst gleichmäßiger Verteilung des Erwirtschafteten und ungeachtet mancher (Verschuldungs-)Künste im Lebensstandard der DDR-Bevölkerung niederschlagen musste, dessen Wachstum – gemessen am westdeutschem Vorbild – quantitativ und qualitativ unbefriedigend blieb.

Heskes Berechnungen stellen alle Argumente eines großen Teils der »Aufarbeiter der DDR-Geschichte« in Frage, die gern verkünden, dass »systembedingt« die DDR-Wirtschaft gegenüber dem Westen »immer weiter« zurückgefallen ist, schließlich »bankrott war« und letztlich »zusammengebrochen« ist. Sie öffnen das Tor für eine seriöse Diskussion über das offensichtliche »Nicht-Aufholen-Können« – inwieweit dies tatsächlich auf das Planungssystem zurückzuführen war, inwieweit auf die technologisch nicht gleichwertigen Haupthandelspartner im Osten, wie weit auf Wirtschaftskrieg und Technologieembargo des Westens. Auch das Pech, dass die DDR (fast ausschließlich) mit dem ineffizientesten Energieträger (Braunkohle) »gesegnet« war, wäre in seinen Auswirkungen auf die Produktivitätsentwicklung (und die Umweltverschmutzung) zu berücksichtigen.

Aus dem von Heske berechneten Zahlenmaterial lässt sich über die Produktivitätsentwicklung hinaus natürlich noch viel mehr erkennen, was die Aufmerksamkeit des Lesers und die Analyse durch Wirtschaftswissenschaftler, Wirtschaftshistoriker und Historiker verdient. Zu nennen wären da seine Ausführungen über die Entwicklung der Wirtschafts- und Industriezweige, über die Frauenbeschäftigung, Verbraucherpreise und anderes mehr. Das wichtigste an Heske Band scheint mir aber, dass er der Diskussion darüber, was die DDR-Wirtschaft war, was sie leisten konnte und was ihr versagt blieb, neue Horizonte eröffnet.

Gerhard Heske: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung DDR 1950-1989. Daten, Methoden, Vergleiche. Zentrum für Historische Sozialforschung Köln. 359 S., br., 12 €.

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